Christian Wulff fordert, für Demokratie einzutreten

Brackenheim  Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff ist zur Feierstunde für Theodor Heuss nach Brackenheim gekommen. In einem mitreißenden Plädoyer fordert Wulff jeden Einzelnen auf, Verantwortung zu übernehmen und für Demokratie, Vielfalt und Europa einzustehen.

Von Sabine Friedrich

Christian Wulff fordert in Brackenheim: Für Demokratie aktiv eintreten

Stadtchef Rolf Kieser mit ?Bundespräsident a. D. Christian Wulff und dem Enkel von Theodor Heuss, Dr. Ludwig Theodor Heuss (von links).

Foto: Andreas Veigel

Es war eine hochinteressante Lehrstunde in Sachen Geschichte und Demokratie. Christian Wulff fesselte am Sonntag 50 Minuten lang rund 650 Zuhörer im Bürgerzentrum in Brackenheim. Er hielt ein mitreißendes Plädoyer für Demokratie, Vielfalt, Europa und dafür, dass jeder Einzelne Verantwortung tragen soll.

Der zehnte Bundespräsident Deutschlands (2010 - 2012) war der Einladung der Stadt gefolgt, deren großen Sohn, den ersten Bundespräsidenten, zu feiern: Theodor Heuss, der vor 135 Jahren geboren wurde.

Erster Demokratieversuch vor 100 Jahren

"1949 bis 2019 - Verantwortung übernehmen in schwierigen Zeiten", war Wulffs Festrede überschrieben. Der 59-Jährige blickte zurück bis auf die Weimarer Reichsverfassung vor 100 Jahren - "der erste gelungene Demokratieversuch in Deutschland". Wulff würdigte Heuss, der nach dem Zweiten Weltkrieg den Neuanfang in Deutschland entscheidend geprägt und das Grundgesetz mitformuliert habe. "Die Würde des Menschen ist unantastbar", zitierte er Artikel 1. "Das ist einer der schönste Sätze, die das Land hervorgebracht hat." Demokratie sei nie bequem, machte er deutlich. Um sie zu erhalten, "braucht es aktives Engagement von Demokraten".

 

 

Mahnung von Wulff: Schneller wachsam sein

Die Gegenwart: Angesichts von antieuropäischen Ressentiments, Fremdenfeindlichkeit und -hass gelte es, Ursachenforschung zu betreiben. "Wie kann es sein, dass man nicht gelernt hat aus der Geschichte?" Er mahnte, schneller wachsam zu sein, den Anfängen zu wehren. Wulff forderte eine Kultur der Empathie und Toleranz, erklärte, dass er unter christlicher Prägung auch das Gleichnis des barmherzigen Samariters verstehe. Er ist überzeugt: "Dem Multikulturalismus gehört die Zukunft" - mit Weltoffenheit und klarer Haltung.

Der Festredner forderte die Zuhörer auf, für Europa einzustehen. "Die Europäische Union ist der einzige Frühling, den unser Kontinent erlebt hat." Sie bedeute Aussöhnung, Wohlfahrtsstaat, Freihandel, Demokratie? Die Herausforderungen müssten zusammen angepackt werden, ansonsten seien die Fragen, die anstehen, nicht lösbar.

Der Beifall für den eindrucksvollen, leidenschaftlichen Vortrag war langanhaltend. Brackenheims Bürgermeister Rolf Kieser, der in seiner Begrüßung das Vermächtnis von Heuss als Auftrag sah, sich für Demokratie stark zu machen, bedankte sich beim Bundespräsidenten a. D. mit edlen Tropfen aus heimischen Weinbergen. Wein gab es auch für MdB Michael Link, Vorsitzender des Theodor-Heuss-Freundeskreises im Land, für Dr. Thomas Hertfelder vom Vorstand der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus, für den Enkel, Prof. Dr. Ludwig Theodor Heuss, der der Heuss-Stiftung vorsteht.

Gemeinschaftsschüler erinnern an den jungen Heuss

In Worten, Musik, Gesang und Tanz riefen Gemeinschaftsschüler den jungen Heuss in Erinnerung. Vierhändig überzeugten Kerstin und Anja Mörk am Flügel.

 


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