Bundespräsident Heuss hat in Heilbronn Demokratie gelernt

70 Jahre Grundgesetz  Der erste deutsche Bundespräsident gilt als einer der Väter des Grundgesetzes. In seiner Heimatstadt Heilbronn wurde Theodor Heuss politisch sozialisiert

Von Kilian Krauth
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Theodor Heuss
Theodor Heuss , 1913, als Chefredakteur der Neckar Zeitung am Schreibtisch in seinem Haus Lerchenstraße 31. Foto: Stadtarchiv Heilbronn

Theodor Heuss gilt als einer der Väter des Grundgesetzes. Dass er es so weit brachte, schreibt der erste deutsche Bundespräsident nicht zuletzt der Sozialisation in seiner Heimatstadt zu. "Was Heilbronn mir gegeben hat? Demokratie als Lebensform. Das ist das Erbe dieser Stadt."

Vom Geist des Aufbruchs erfasst

Da wäre zunächst die Kindheit. Als Familie Heuss 1890 mit dem Sechsjährigen von Brackenheim in die aufstrebende Handels- und Industriestadt zieht, herrscht dort ein Geist des Aufbruchs, überall wird gebaut. Der in der Tradition der bürgerlichen Freiheitsbewegung von 1848 erzogene Vater Louis Heuss leitet das Tiefbauamt. Er erweitert das Straßen- und Kanalnetz, bringt die erste Straßenbahn aufs Gleis, packt den Durchbruch der Kaiserstraße zur Allee an.

Vorspiele des Lebens

Familie Heuss wohnt zunächst in der nahen Klarastraße 24, ehe man sich eine Villa an der noblen Lerchenstraße 43 bauen lässt, am Gartenpfosten zeugt heute eine Gedenktafel davon; gegenüber dem Landratsamt. Der Schulweg führt ins nahe - 1950 nach Theodor Heuss benannte - Karlsgymnasium, eine humanistische, aber autoritäre Renommieranstalt. Der Einfluss des liberalen Elternhauses sei "unendlich viel wichtiger" gewesen, schreibt der Freigeist in seiner Autobiografie "Vorspiele des Lebens".

 

 

 

Heuss war dem Wein zugeneigt

Heuss ist ein Multitalent, wissbegierig, selbstbewusst, lebenslustig. Schon als Schüler schreibt er für die "Neckar-Zeitung". Mehr als eine Randnotiz: Beim Abi-Ausflug nach Gundelsheim bringt ihn der Wein vom Himmelreich ins Straucheln. Er renkt sich die Schulter aus, eine lebenslange Schwachstelle, die ihn "untauglich" für den Krieg macht und womöglich sein Leben rettet. Heuss dankt es dem Wein und widmet dem Weingärtnerstand seiner Heimatstadt 1905 die Doktorarbeit. Das Studium der Nationalökonomie führt ihn über München nach Berlin, wo er im Kreis seines Mentors Friedrich Naumann Elly Knapp kennenlernt, seine spätere Frau.

1912 beauftragt ihn Naumann, mit dem ihm liberales, nationales und soziales Gedankengut verbindet, den Wahlkreis Heilbronn zurückzuerobern, was misslingt. Heuss wird Chefredakteur der "Neckar-Zeitung" und bezieht mit Ehefrau Elly und Sohn Ernst Ludwig (2) eine Wohnung in der Lerchenstraße 31. "Er nannte die halbe Stadt du", klagt die emanzipierte Gattin, die sich in der Provinz weniger wohl fühlt.

Kulturmensch und Journalist

Theodor Heuss, 1950, besucht als Bundespräsident seine Heimatstadt Heilbronn, wo sein ehemaliges Gymnasium an der Karlstraße nach ihm benannt wird. Auf dem Foto hinten die Rathaus-Ruine. Foto: Hermann Eisenmenger

Journalistisch und gesellschaftlich kümmert sich Heuss vornehmlich um Kultur, sein Steckenpferd sind Leitartikel. Sein Name steht für eine klare, verständliche Sprache. Nebenbei leitet er das Kulturblatt "März", Hermann Hesse zählt zu den Autoren. Patriot Heuss ist zunächst vom Ersten Weltkrieg überzeugt, den Ausbruch verkündet er am Redaktionsfenster beim Wollhaus. Bald sieht er den Krieg kritisch.

Als er 1918 dem Soziologen Max Weber begegnet, zieht der Heilbronner Weltbürger zurück nach Berlin, dort avanciert er zum Geschäftsführer des von Peter Bruckmann aus Heilbronn mitbegründeten Werkbundes, dem Vorläufer der Bauhaus-Schule.

Brauner Fleck auf der Weste

Im zweiten Anlauf gelingt der Sprung aufs politische Gleis. 1924 wird er für die Deutsche Demokratische Partei (DDP) in den Reichstag gewählt. Was ihm ein Leben lang keine Ruhe lässt: Er unterschätzt die Nazis und stimmt mit seiner Fraktion 1933 fürs "Ermächtigungsgesetz", der Kapitulation des Parlaments vor den Nationalsozialisten. Ehrenrettung: Bald werden auch seine Schriften verboten.

Wertschätzung der Pressefreiheit

Nach dem Krieg verhelfen ihm die Amerikaner im Zuge des politischen und moralischen Aufbaus zu Amt und Würden als Herausgeber der "Rhein-Neckar-Zeitung" und als Landesminister. Zu einem Vater des Grundgesetzes wird "Papa Heuss" durch seine Arbeit im Parlamentarischen Rat 1948/49. Besonderen Wert legt der auf Ausgleich bedachte Schwabe und begnadete Rhetoriker auf eine klare Sprache. Dabei überzeugt er durch seine dezidierten historischen und staatsrechtlichen Kenntnisse. Inhaltlich gilt sein Hauptinteresse der Präambel, der Staatssymbolik und den Grundrechten. Sein liberales Grundverständnis lässt viel Raum zum Kompromiss. Deshalb tragen zahlreiche der im Grundgesetz getroffenen Regelungen in wesentlichen Elementen seine Handschrift: vom Namen über die Präambel zu den Grundrechten bis hin zur hohen Wertschätzung der Meinungs- und Pressefreiheit.

 

 


Themenschwerpunkt: 70 Jahre Grundgesetz

Es war als Provisorium gedacht, was am 23. Mai 1949 in Bonn verkündet wurde:
das Grundgesetz, das mit Blick auf ein künftiges Gesamtdeutschland keine Verfassung sein sollte.
Doch wurde das Werk zur Gründungsurkunde der Bundesrepublik Deutschland. Im Grundgesetz sind die wesentlichen staatlichen System- und Werteentscheidungen festgelegt - daher steht es über allen anderen deutschen Rechtsnormen.

Aus Anlass des 70. Jahrestages der Grundgesetzes bietet Stimme.de ein Themenpaket an. >>Hier finden Sie weitere interessante Artikel

 
 

 

 

 

 


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