Brutaler Raubüberfall: Prozess beginnt von vorne

Heilbronn  Vor dem Landgericht Heilbronn steht abermals ein 30-Jähriger wegen erpresserischem Menschenraub. Weil das erste Urteil wegen eines Formfehlers aufgehoben wurde, fängt der Prozess noch mal von vorne an. Das ist ein Alptraum für die Opfer.

Email
Brutaler Raubüberfall In Heilbronn: Fall muss neu aufgerollt werden

Alles auf Anfang: Ein Georgier steht abermals vor Gericht.

Foto: Archiv/Mugler

Nicht nur für juristische Laien ist es schwer verständlich, was zurzeit am Landgericht Heilbronn passiert. Auch Juristen selbst können kaum nachvollziehen, dass ein Fall, in dem die Heilbronner Richter längst ein Urteil gefällt hatten, nun wieder von vorne beginnt.

Seit Dienstag sitzt ein Georgier abermals auf der Anklagebank, den die 1. Große Strafkammer im August 2018 zu 13 Jahren Haft wegen erpresserischem Menschenraub verurteilt hatte. Der 30-Jährige soll im November 2017 mit weiteren Komplizen ein Rentner-Ehepaar in dessen Neckargartacher Wohnung im Schlaf brutal überfallen haben. Die Täter fesselten, knebelten, schlugen und misshandelten die Opfer, bedrohten sie mit dem Tode.

An der Schuld hatten die Richter keine Zweifel 

Selbst eine pflegebedürftige 90-Jährige, die auch im Haus wohnte, verschonten die Einbrecher nicht. Der Seniorin drohten sie, den Finger abzuschneiden, falls sie nicht ihren Ehering herausrückt, was sie dann auch tat. Den Rentnern gaben sie mit einer Geste mit der Hand zu verstehen, dass sie ihnen die Kehle durchschneiden, wenn das Paar nicht alle Wertsachen aushändigt. So erbeuteten die Täter Schmuck und Bargeld im Wert von 37.000 Euro.

Die Öffentlichkeit war entsetzt von der skrupellosen Vorgehensweise der Einbrecher. Der Vorsitzende Richter nannte das Verbrechen in erster Instanz in seiner Urteilsbegründung "menschenverachtend". An der Täterschaft hatten die Richter keinen Zweifel. Zu eindeutig waren die Beweise, zum Beispiel eine DNA-Spur des Angeklagten am Schlafanzug eines Opfers. Allerdings hob der Bundesgerichtshof das Urteil wegen eines "Darstellungsmangels" vollständig auf, wie der Vorsitzende der 14. Großen Strafkammer, Martin Liebisch, beim Prozessauftakt erklärte. Die Richter in erster Instanz hätten das Ergebnis des DNA-Gutachtens näher im schriftlichen Urteil begründen müssen. Offenbar fußt dieser Formfehler auf einer geänderten Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs, die so nicht bekannt war.

Der Neckargartacher Raub ist nicht der einzige Fall, der wegen dieser Formalie noch mal komplett neu verhandelt werden muss. Auch der Löwensteiner Mordfall muss aus dem gleichen Grund neu aufgerollt werden. Das Landgericht hatte im April 2018 einen Ehemann wegen Mordes an seiner Frau zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Täter hatte das Opfer mit mehr als zehn Messerstichen auf einem Parkplatz der Tagungsstätte Löwenstein getötet.

Das Rentner-Ehepaar ist bis heute traumatisiert

Dass die beiden Prozesse nun von anderen Kammern am Landgericht Heilbronn verhandelt werden müssen, belastet das unter chronischer Personalnot leidende Gericht zusätzlich. Nicht nur für die Richter ist es ein Déjà-vu-Erlebnis. Der Georgier schwieg zu den Vorwürfen beim Prozessauftakt genauso wie im gesamten ersten Verfahren.

Für das Rentner-Ehepaar ist der Überfall bis heute ein Trauma. Das Paar leide unter Schlafstörungen und Angstattacken wegen des "hinterlistigen Überfalls", heißt es in der Anklageschrift. Wenn die Opfer jetzt erneut als Zeugen vor Gericht erscheinen müssen, was kaum zu verhindern ist, "durchleben sie die Tat noch mal", sagte Opferanwältin Tanja Haberzettl-Prach. Der Prozess ist bis Anfang Februar terminiert.

Die Festnahme war ein Zufallstreffer

Der vor dem Heilbronner Landgericht angeklagte Mann aus Georgien wurde bei einer anlassunabhängigen Polizeikontrolle im Dezember 2017 bei Waldshut gefasst. Ein Zufallstreffer. Die Ermittler fanden bei ihm Einbruchswerkzeuge und die Adresse des Neckargartacher Ehepaars, die im Navi seines Autos eingespeichert war. Laut Staatsanwaltschaft ist der 30-Jährige Mitglied einer deutschlandweit agierenden Einbrecherbande. Sie soll aus rund 100 Personen bestehen, die größtenteils aus Georgien stammen und bei ihren Beutezügen ähnlich brutal vorgehen wie in Neckargartach. Die Bande soll mafiaähnliche Strukturen haben. Wer erwischt wird, kooperiert nicht mit den Ermittlern. 

 


Helmut Buchholz

Helmut Buchholz

Autor

Helmut Buchholz arbeitet seit 1999 bei der Heilbronner Stimme. Er kümmert sich im Stadtkreisressort um die Themen Gericht, Polizei und Soziales. Er leitet außerdem das Thementeam Migration.

Kommentar hinzufügen