Bewegende Erinnerung an die Heilbronner Bombennacht

Heilbronn  Zum 75. Jahrestag der Zerstörung Heilbronns haben die Redner bei der Gedenkveranstaltung auf dem Ehrenfriedhof zu Frieden, Verantwortung und Konsumverzicht gemahnt.

Von Bärbel Kistner

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OB Harry Mergel erinnert an eine Mutter, die am 4. Dezember 1944 ihre sechs Kinder verlor. Den würdigen Rahmen auf dem Ehrenfriedhof setzen der Posaunenchor und Chormitglieder von St. Augustinus und Deutschordensmünster.

Foto: Mario Berger

Klänge des Heilbronner Posaunenchors stimmen ein auf das Gedenken an die dunkelsten Stunden der Stadtgeschichte. Zum 75. Jahrestag der Zerstörung Heilbronns am 4. Dezember 1944 sind besonders viele Bürgerinnen und Bürger auf den Ehrenfriedhof gekommen, um an die 6500 Opfer der Bombennacht zu erinnern. "Wir trauern gemeinsam um die Menschen, die damals ihr Leben verloren, um das alte Heilbronn, das in jener Nacht ausgelöscht wurde", sagt Oberbürgermeister Harry Mergel.

Mutter verliert bei Angriff ihre sechs Kinder

Das Leid des 4. Dezember rückt ganz nah - durch das Schicksal von Gertrud Otto, das der OB schildert. Die 36-Jährige verlor ihre sechs Kinder, die sie sicher bei der Großmutter in der Sülmerstraße untergebracht glaubte.

Dass die Zerstörung Heilbronns in der Barbarei des Nazi-Regimes ihren Ursprung hatte, sei eine "bittere, ja beschämende Wahrheit", erklärt Mergel. Der OB schlägt eine Brücke in die heutige Zeit, zu denjenigen, für die Krieg und Zerstörung Realität seien und die deshalb zu uns geflohen seien. "Menschen aus Aleppo erkennen im Leid des 4. Dezembers 1944 auch ihr eigenes Leid." Der OB erinnert an die Verantwortung für die Zukunft, "die aus unserer Geschichte erwächst". Wenn die Opfer des 4. Dezembers nicht sinnlos gewesen sein sollen, müssten wir Nachgeborenen diese Verantwortung annehmen und Unangenehmes nicht totschweigen.

Buga-Jahr ist Weg in die Zukunft

2019 ist für Mergel durch die Bundesgartenschau aber auch ein Jahr, "das unsere Stadt wieder einen großen Schritt vorangebracht hat". Die Heilbronner seien aufgerufen, "mit Hoffnung und mit Taten für eine bessere, friedfertige Zukunft unserer Stadt zu arbeiten".

Deutliche Akzente setzt Pfarrer Roland Rossnagel. Mehr als in den ersten Jahren nach dem Krieg brauche es nach 75 Jahren "eine politische Entschlossenheit, um sich die Geschehnisse der Bombennacht zu Herzen gehen lassen". Es gelte, wachsam zu sein und den Anfängen zu wehren, "damit solches mitverschuldetes Leid nie mehr über uns kommt".

Kritik an Wachstum und Konsum

Rossnagel schlägt in seiner Ansprache einen weiten Bogen von der Bombennacht in die heutige Zeit, will komplexe Zusammenhänge deutlich machen und aufzeigen, dass alles mit allem zusammenhängt. Er kritisiert die Wachstumspolitik, die eine Klimakatastrophe heraufbeschwört habe, "die nur zu lösen ist, wenn wir unser Konsumverhalten einschränken". Die Auswirkung der Ungleichverteilung der Güter auf der Welt "spüren wir bis zur Kilianstreppe oder im Deutschhof". Unser Wohlstand gehe auf Kosten anderer.

Heilbronn habe sich zur Buga weltoffen und gastfreundlich gezeigt, viele Bürgerinnen und Bürger würden sich den Herausforderungen stellen. Die Suche nach einer neuen Werteordnung verlange Einschränkung und Verzicht. Doch dadurch werde das Zusammenleben wahrhaftiger und durch die neuen Mitbürger menschengerechter. "Die Erinnerung an die Schrecken des 4. Dezember 1944 möchte und kann uns dazu ermutigen."

Städtepartnerschaft mit Novorossijsk ist Zeichen der Hoffnung

OB Mergel sieht es als wichtiges Zeichen, dass 2019 eine neue Städtepartnerschaft mit Novorossijsk eingegangen wurde. Die südrussische Stadt sei während des Zweiten Weltkrieges durch die Wehrmacht schwer zerstört worden. Die russische Delegation war am 22. Juni 2019 zu Gast in Heilbronn - 78 Jahre zuvor habe Nazi-Deutschland den Angriffskrieg auf die Sowjetunion gestartet. Die Heilbronner Delegation war am 16. September in Novorossijsk, dem 74. Jahrestag der Befreiung der Stadt von deutschen Besatzung.

Vier städtische Auszubildende trugen bei der Gedenkveranstaltung Fürbitten vor: gegen Gewalt und Terror und für Mitgefühl und Respekt. Dekan Christoph Baisch stellte in seinem Schlussgebet Verständigung und Verantwortung für die Schöpfung in den Mittelpunkt.

 


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