Berlin schaut staunend auf Heilbronn

Heilbronn/Berlin  Eine Ausstellung im Berliner Architekturforum Aedes zeigt, was sich im Neckarbogen und am BIldungscampus tut. Die Heilbronner Stadtentwicklung erntet in der Hauptstadt überschwängliches Lob.

Von Bärbel Kistner
Email
Neugierig auf den Neckarbogen: Das aufwendige Modell zeigt die Gebäude der Stadtausstellung, unterschiedliche Lichter geben Hinweise auf die Nutzungsmischung.

Normalerweise sind es Weltstädte, die im renommierten Berliner Architekturforum Aedes ihre stadtplanerischen Strategien präsentieren. Und jetzt steht dort sechs Wochen lang Heilbronn im Mittelpunkt, eine Schau unter dem Titel "Eine Stadt entwirft sich neu", die zeigen soll, wie die Bundesgartenschau 2019 als Motor für eine nachhaltige Stadtenwicklung wirkt.

Der Eröffnungsabend im Prenzlauer Berg mit mehr als 100 Gästen gerät zur umfassenden Würdigung der Projekte Neckarbogen, Bildungscampus und Experimenta. Architekten und Planer loben bei der Vernissage die Akteure für ihren Mut und ihre Weitsicht, "die man in der Stadtplanung sonst häufig vermisst", betont etwa Aedes-Chefin Kristin Feireiss.

Weitsichtige Heilbronner

Diese Weitsicht habe Heilbronn vor allem im Neckarbogen bewiesen: mit der bemerkenswerten Konzeptvergabe der Grundstücke. "Es gab dort keinen Ausverkauf, weder der städtischen Liegenschaften, noch der Interessen der Bürger. Das ist prägend für das gesamte Projekt", sagt Feireiss. In Berlin hätte man vermutlich gezögert mit dem Hinweis, dass Investoren das Vorgehen nicht mitmachen würden. Heilbronn habe gezeigt: "Es geht doch." Die Galeristin hebt zudem die "verantwortungsvolle und visionäre Kultur- und Bildungsstrategie" der Dieter-Schwarz-Stiftung hervor.

Außergewöhnlich ist es für den international bekannten Experimenta-Architekten Matthias Sauerbruch, wenn sich eine Stadt dazu entscheidet, "dem Entdeckergeist mitten in der Stadt ein Denkmal zu bauen". Ebenso ist für Sauerbruch der Heilbronner Bildungscampus - auch im internationalen Vergleich - beispielslos, "zu sehen wie Dieter Schwarz mit einer Vision und einer gewissen Kompromisslosigkeit sein Ding einfach macht". So viel Aufbruch, Zuversicht, und Experimentiergeist wie in Heilbronn habe er an keiner anderen Stelle in Deutschland, aber auch selten in Europa, gesehen.
 

 

Neue Experimenta soll Heilbronn international bekannter machen

 

Achim Söding, Architekt von Auer & Weber und verantwortlich für den Bildungscampus, will den Begriff Bilbao-Effekt in ein anderes Licht rücken. Vor allem der spektakuläre Experimenta-Bau soll Heilbronn international bekannter machen. Söding geht es bei den aktuellen Architektur-Projekten "nicht um das Schillernde, sondern um das Nachhaltige und Zukunftsfähige" der Stadtentwicklung.

Gerade die Zukunftsfähigkeit, die Heilbronn beweise, ist für ihn spannend, in einer Zeit, in der es viel Zukunftsangst gibt. "Was ist mit Audi 2050? Wer ist mein Nachbar 2050? Wie viele sind wir 2050?" Der Architekt erinnert an den Spruch, Zukunft wird aus Mut gemacht und meint: "Das ist eine sehr mutige Stadt, die wir da vor uns haben und die wir heute besichtigen." Die Stadtgesellschaft halte wieder ein bisschen mehr zusammen, weil sie eine Vision habe.

Fünf-Minuten-Stadt

Das Büro Sinai Landschaftsarchitekten hat den Rahmenplan für das Buga-Gelände geschaffen. Für Landschaftsplaner A.W. Faust entwickelt sich der Neckarbogen zu einer Modellstadt, "in der innerhalb von fünf Minuten gearbeitet wird, gelebt wird, Kaffee getrunken wird, gebildet, ausgebildet und gelernt wird. Eine Fünf-Minuten-Stadt, eine ideale Versuchsanordnung, in der man mal probieren kann wie eine nachhaltige Stadt funktioniert."

Vorbildlich ist ihm Heilbronn auch mit Blick auf den Flächenverbrauch: "Wir haben nicht mehr die luxuriöse Situation, Flächen zu verschenken. Wir müssen um jeden Quadratmeter kämpfen." Das persönliche Anliegen des Planers ist es, "Leute zum Leben in der Stadt zu verführen. Für mich ist das Leben in der Stadt die potenziell nachhaltigste Form zu leben", sagt Faust. Die Dichte, die kurzen Wege, die Ökonomie der Flächen. Heilbronn habe genau diese Vielfalt auf engstem Raum. Das neue Heilbronn könne die Menschen dazu bringen, sich von einem Lebensstil zu verabschieden "in einem Haus, um das man herumgehen kann und bei dem man unbedingt ein Auto braucht".

Die Freude über so viel Anerkennung in der Hauptstadt ist den Heilbronnern aus der Stadtverwaltung und der Dieter-Schwarz-Stiftung sowie den Machern der Ausstellung von der Buga ins Gesicht geschrieben. Für Experimenta-Architektin Louisa Hutton ist Heilbronn "eine außergewöhnliche Stadt, die eine Idee für die Zukunft hat. Das wünsche ich mir auch für andere Städte."

 

Erleben, wie sich eine Stadt neu entwirft

Dass es die Neckarbogen-Ausstellung in die Hauptstadt geschafft hat, ist dem Heilbronn-Marketing-Chef Steffen Schoch zu verdanken. In den 90er Jahren war er beim Betonverband beschäftigt und realisierte damals gemeinsam mit dem privat finanzierten Berliner Architekturforum Aedes Ausstellungen und Projekte mit Star-Architekten wie Daniel Libeskind, Zaha Hadid oder Norman Foster. Schoch knüpfte den Kontakt zwischen Bundesgartenschau und Galeristin Kristin Feireiss. Die Heilbronn-Schau wird 2019 auf der Buga gezeigt werden.

Sinnliches Erleben

Das Konzept hat Buga-Architektin Barbara Brakenhoff gemeinsam mit dem Büro Oficinaa aus Ingolstadt entwickelt. Es gibt drei Schwerpunkte: Stadtquartier Neckarbogen, Bildungscampus und Experimenta, ergänzt um Informationen zum Zukunftspark Wohlgelegen. Großformatige Fotos an den Wänden stimmen ein auf die Meilensteine der Stadtentwicklung am Neckar. "Wir wollen die städtebauliche Dynamik in Heilbronn zeigen, Verständnis für den Ort wecken und komplexe Stadtplanung mit allen Sinnen erlebbar machen", sagt Alexander Häusler von Oficinaa. Atmosphärisch soll die Schau sein und auch zeigen, "wie sich der Wandel der Stadt in Heilbronn vollzieht", so die Idee.

Architekturmodelle

Weil Städtebau in Ausstellungen nicht einfach zu vermitteln ist, gibt es eine Fülle von Details aus dem Planungsprozess: Notiz- und Skizzenbücher der Neckarbogen-Planer, Tische und Vitrinen mit Objekten und Fundstücken. Über integrierte Tasten sind detaillierte Informationen abrufbar. Anziehungspunkte für die Besucher sind auch die Architekturmodelle, vor allem von Experimenta und Neckarbogen. In der Stadtausstellung zeigen unterschiedliche Lichter die Nutzungsmischung. Videos bieten visuelle und akustische Erläuterungen. Bestandteil der Schau ist auch der neue Film über die Stadtausstellung, der bei der Nacht der Kultur in Heilbronn Anfang Oktober Premiere hatte.

Der Anspruch von Aedes ist es, zeitgenössische Baukultur dem Fachpublikum als auch interessierten Laien zu vermitteln und den zeitgenössischen Architekturdiskurs im In- und Ausland mitzubestimmen.

Aedes Berlin

Christinenstraße 18-19 in Berlin-Prenzlauer Berg, bis 29. November (Öffnungszeiten www.aedes-arc.de) bei der Bundesgartenschau ist die Schau im Gebäude Grüne Ecke im Neckarbogen zu sehen.

 
 

Kommentar hinzufügen