Bei Rechtschreibfehlern gibt es in allen Fächern Punktabzug

Region  Falsche Buchstaben beeinflussen nicht nur die Deutschnote. Das Kultusministerium schreibt seit diesem Schuljahr vor: Rechtschreibfehler müssen in allen Fächern nicht nur gekennzeichnet, sondern mit benotet werden.

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Luther ohne "h" geht gar nicht

Eine Grundschülerin schreibt Wörter in ihr Heft. Baden-Württembergs Kultusministerin Eisenmann möchte gemeinsam mit Schleswig-Holstein und Hamburg den Fokus an den Schulen stärker auf die Rechtschreibung legen.

Foto: Sebastian Gollnow/dpa

"Rechtschreiberziehung macht nicht nur der Deutschlehrer", sagt Nicole Lang. Die Fachberaterin des Staatlichen Schulamts Heilbronn unterrichtet an der Grundschule Affaltrach. Auch in Mathe oder Religion legt sie Wert auf die korrekte Buchstabenfolge: "Zum Beispiel erwarte ich in Klasse 4, dass die Schüler den Namen von Martin Luther richtig schreiben", sagt Lang. "Jeder Unterricht ist Rechtschreibunterricht."

Diese Ansicht untermauert das Kultusministerium in Baden-Württemberg seit diesem Schuljahr mit einer neuen Verordnung. Bereits im Jahr 2016 hat Ministerin Susanne Eisenmann das umstrittene "Schreiben nach Gehör" per Erlass verboten, im vergangenen Jahr hat sie einen verbindlichen Rechtschreibrahmen herausgegeben. Während sich die Regelungen 2016 und 2018 nicht nur, aber besonders an die Grundschulen richten, sind diesmal ausschließlich die weiterführenden Bildungseinrichtungen angesprochen.

Fehler werden bewertet

"Im Fach Deutsch ist die Bildung zum normgerechten Schreiben wesentliches Ziel des Unterrichts. Die Vermittlung normgerechten Schreibens ist Aufgabe auch der übrigen Unterrichtsfächer", heißt es im zweiten Absatz der neuen Verordnung. Ganz konkret schreibt sie vor, in Aufsätzen Rechtschreibfehler nicht nur zu kennzeichnen, sondern auch in die Bewertung mit einzubeziehen. Auch "bei sonstigen schriftlichen Leistungen sind Rechtschreibfehler zu kennzeichnen und entsprechend dem Schwerpunkt der Aufgabe bei der Bewertung zu berücksichtigen", heißt es weiter.

Konkret bedeutet das also: Auch in einer Hausaufgabe im Fach Religion zum Thema Reformation muss die falsche Schreibweise von "Luther" zu einer schlechteren Bewertung führen.

Serienauftakt: Neues aus der Schule

Während Schüler und Lehrer sich in der Sommerpause erholten, wurde im baden-württembergischen Kultusministerium weiter an der Verbesserung des Unterrichts gearbeitet. Zum Schuljahresbeginn verkündete Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) neue Maßnahmen: Die gymnasiale Oberstufe ist rundumerneuert, die Fächer Ethik und Informatik werden ausgeweitet, Englisch wird nicht mehr ab Klasse 1 unterrichtet, die Realschulen erhalten mehr Poolstunden, und die Förderung der Rechtschreibung wird schulartübergreifend weiter angetrieben. In einer Serie stellen wir die Neuheiten vor.

"Für manche Lehrkräfte macht das keinen Unterschied, die haben das immer schon so gemacht", sagt Benedikt Reinhard, Pressesprecher des Kultusministeriums. Dazu zählt auch Isabel Dinius: "Ich habe schon immer gesagt: Fachbegriffe müssen die Schüler richtig schreiben. Dass die richtig sitzen, ist mir wichtig. Da habe ich schon immer einen halben Punkt abgezogen." Der unter anderem Deutsch, Politik aber auch Biologie unterrichtenden Lehrerin an der Heilbronner Fritz-Ulrich-Schule ist die Neuregelung nicht nur bekannt, sie hat auch schon eine Veranstaltung des Kultusministeriums zu ihrer Umsetzung besucht. An ihrer Gemeinschaftsschule muss sie aber auch noch nach Schulart differenzieren: "Von einem Kind mit Gymnasialniveau erwarte ich mehr", sagt Dinius. Und erklärt: "Wir sind noch dabei, in der Fachschaft zu entwickeln, wie wir das konkret umsetzen wollen."

Umsetzung ist nicht einfach

Auch ihre Kollegin Daniela Deuring von der Steinbeis-Realschule hat die neue Verordnung "in der Gesamtlehrerkonferenz diskutiert". Dort haben die Ilsfelder einen Kurzleitfaden erstellt. Denn so einfach sei das nicht, sagt die Deutsch-, Gemeinschaftskunde- und Biolehrerin Deuring. Sie verweist auf die sehr unterschiedlichen Schülerniveaus innerhalb einer Klasse. Hinzu käme die Flüchtlingsproblematik. Auf jeden Fall gebe es bei Schülern mit einer Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) "einen Nachteilsausgleich".

Nicht umstellen auf eine neue Rechtschreib-Bewertungsrichtlinie muss sich Franziska Münch. Die junge Deutsch- und Spanischlehrerin unterrichtet erst seit diesem Schuljahr am Jagsttal-Gymnasium in Möckmühl. Für sie ist klar: "Rechtschreibfehler wiegen mit, auch in der Oberstufe."

Diese Handhabung bestätigt der Schulleiter des Heilbronner Mönchsee-Gymnasiums, Andreas Meyer, für die Kursstufe: "Damit werden die Schüler auch auf die entsprechenden Korrekturrichtlinien bei der schriftlichen Abiturprüfung vorbereitet."

 


Kommentar: Richtig so

Wir alle machen Fehler. Sei es aus Zeitdruck oder Flüchtigkeit: Wir verschreiben oder vertippen uns. Wenn es sich aber nicht um der Eile geschuldete Fehler handelt, wird es schnell peinlich. Denn falsche Rechtschreibung, dazu zählen auch Zeichensetzung und Grammatik, zeugt von Inkompetenz.

Traue ich dem Architekten, der mit schickem Bauschild für die "Erstellung eines Mehrfamilienhaus" wirbt, die dazugehörigen Berechnungen zu, wenn er nicht einmal den Genitiv beherrscht? Was sagt der Anschlag der Heilbronner Verkehrsbetriebe zur Sperrung der Bushaltestelle, weil die "Bodenplatte unterspühlt" ist, über das Bildungsniveau ihrer Mitarbeiter aus? Natürlich versteht man bei diesen Real-Beispielen auch so, was gemeint ist.

Warum ist Rechtschreibung dennoch so wichtig? Wer mal versucht hat, den Aufsatz eines Zweitklässlers zu lesen, als in der Grundschule noch Schreiben nach Gehör gelehrt wurde, weiß warum: Eine einheitliche Rechtschreibung ist unabdingbar fürs Verständnis. Schließlich schreiben wir für Leser. Diesen erleichtern wir die Lektüre mit korrekter Orthographie und Interpunktion ungemein. Dem Nichtmuttersprachler das Erlernen von Deutsch sowieso.

Ohne verbindliche Regeln wäre die Sprache auch um manches Wortspiel ärmer, etwa: "Der Mensch ist, was er isst." Gut, dass das Kultusministerium das erkannt hat und den Fokus weiterhin auf die Rechtschreibung richtet!


Susanne Schwarzbürger

Susanne Schwarzbürger

Autorin

Susanne Schwarzbürger ist seit 2000 Redakteurin bei der Heilbronner Stimme. Im Team Kinder & Jugend sowie Familie kümmert sie sich um die entsprechenden Themen und Projekte. Gelegentlich hilft sie im Kulturressort aus. 

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