Bauern in der Region fehlen die Erntehelfer

Region  Sonderkulturen-Produzenten bangen um ihre Saisonarbeitskräfte. Könnten Menschen aus zurzeit stillgelegten Branchen wie der Gastronomie einspringen? Darüber wird nicht nur im Weinbau nachgedacht.

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Problem: Saisonhelfer fehlen. Doch Obst und Gemüse brauchen viele Hände

Bis zur Gurkenernte ist noch Zeit. Doch schon ab Mitte April werden viele Saisonhelfer auf den Feldern gebraucht.

Foto: Archiv/Berger

Die Arbeit auf den Feldern und in den Weinbergen beginnt. Nur: Wer soll die großen Flächen bewirtschaften, wenn keine Saisonarbeitskräfte aus Rumänien, Bulgarien und anderen Herkunftsländern kommen können? Nicht nur die Spargelbauern in der Region machen sich Sorgen, wie die Arbeit bewältigt werden kann.

Sommelier schneidet Trauben

Ungewöhnliche Denkansätze verfolgen die Wengerter. Joachim Brand, Betriebsleiter vom Fürstlichen Weingut in Öhringen-Verrenberg berichtet, dass der Verband Sommelier-Union Deutschland überlege, Mitarbeiter aus der Gastronomie in den Weinberg zu vermitteln. Das sei in der Vergangenheit schon im Rahmen von Praktika getan worden, damit die Sommeliers wissen, welche Weine aus welchen Lagen sie den Gästen empfehlen.

"Aktuell hat die Gastronomie aber nichts zu tun, wir brauchen dafür dringend Mitarbeiter", hofft Brand, dass das Konzept funktioniert. Derzeit erledigt er die anstehenden Arbeiten mit einem seit Längerem festangestellten Helfer. "Üblicherweise kommen jetzt aber nochmal drei, um bei den Laubarbeiten und dem Anheften zu helfen."

Gurken noch nicht bestellt

Auch Gerald Heinrich vom Obst- und Gemüsehof Heinrich in Öhringen-Büttelbronn verfolgt die Lage aufmerksam. Gerade habe er noch 15 Helfer aus Rumänien mit einem der letzten Linienflüge nach Deutschland holen können, so dass aktuell 30 auf dem Hof sind. Doch was aus den 60 Helfern wird, die zusätzlich ab 20. April und der Folgewoche kommen sollten, das stehe noch in den Sternen. Vorrangig eingesetzt werden die verfügbaren Helfer ab dem 1. Mai zum Erdbeerenpflücken.

Arbeitsintensiv ist auch das Gurkenlegen und spätere Ernten. Doch das Material dafür sei noch nicht bestellt. Sollte die Situation so angespannt bleiben, könne in den nächsten zwei Wochen noch umentschieden werden. "Dann machen wir vielleicht etwas weniger personalintensives", erklärt Heinrich. Das Saat-, beziehungsweise Legegut könne noch entsprechend organisiert werden. Keine Gurken zu legen, das hätte direkte Konsequenzen für Hengstenberg in Bad Friedrichshall: "Die bekommen 70 Prozent der Ware von uns." Heinrich baut auf 70 bis 80 Hektar Gurken an. Erdbeeren werden auf etwa 20 Hektar geerntet.

Paket geschnürt

Inzwischen hat die Bundesregierung ein Paket von Hilfsmaßnahmen für die Land- und Ernährungswirtschaft beschlossen. So dürfen Saisonarbeitskräfte statt bisher 70 Tage ab sofort 115 Tage sozialversicherungsfrei arbeiten. Für Bezieher von Kurzarbeitergeld ist neu: Nebeneinkünfte aus der Landwirtschaft werden während der Corona-Krise bis zur Höhe des bisherigen Lohns nicht auf das Kurzarbeitergeld angerechnet. Eine dritte Maßnahme ist die Einführung einer Jobvermittlungsplattform für landwirtschaftliche Tätigkeiten.

Ob diese Schritte geeignet sind, die Engpässe auf den Feldern und in der Weiterverarbeitung zu lindern, darüber gibt es in der Branche noch keine einheitliche Meinung. "Das Ganze ist noch zu frisch, um es beurteilen zu können", meint Julia Böhringer vom Gartenbaulichen Beratungsdienst für Integrierten Gemüsebau Heilbronn. Die Einführung der Jobplattform sei jedoch jetzt schon als positive Maßnahme zu bewerten. Bedarf gebe es: "Bei uns haben sich schon fünf Interessierte als Helfer gemeldet. Wir konnten sie sofort vermitteln."

Welle der Hilfsbereitschaft

Helfer gesucht!

Vermittlungs-Plattform für Arbeitskräfte (Webseite des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft):
https://www.daslandhilft.de/

Die Corona-Krise hat zu einer Welle der Hilfsbereitschaft geführt. Betriebe berichten von Freiwilligen, die bei der Ernte und anderen Arbeiten helfen wollen. "Bei uns haben schon einige angefragt, meine Frau hat eine Liste angelegt", erzählt Marco Kemmler, Obst- und Gemüsebauer aus Bad Friedrichshall. Die neue Jobplattform hat er in Augenschein genommen und findet sie grundsätzlich praktisch. Noch sei das Angebot an interessanten Jobangeboten jedoch überschaubar. "Da gibt es einige, die wollen nur acht oder zehn Stunden in der Woche arbeiten, da übersteigt die Verwaltung den praktischen Nutzen."

Kritik vom Bauernverband

Hier setzt die Kritik von Jürgen Maurer, Vorsitzender vom Hohenloher Bauernverband an: "Dem Landwirt ist nicht geholfen, wenn er täglich 200 neue Leute anlernen muss." Betriebswirtschaftlicher Irrsinn sei es, statt Gurken Weizen anzubauen. Zumal das später fehle.

Beim Spargelbaubetrieb Schechter in Kirchhardt-Bockschaft haben sich etwa 40 Interessierte gemeldet, berichtet Eckhard Schechter. Drei davon aus der direkten Umgebung. Es mit ihnen in der Ernte zu versuchen, kann sich der Spargelbauer durchaus vorstellen. Erst drei Erntehelfer seien in Bockschaft angekommen, weitere zwei hätten zugesagt, zu kommen - immer noch zu wenige. In der Saison benötige der Betrieb ein gutes Dutzend Erntehelfer. Im Moment ist wegen der kalten Witterung eh eine Verschnaufpause eingetreten. "Der Stress kommt, wenn es wieder wärmer wird, und die Helfer weiter ausbleiben."


Jörg Kühl

Jörg Kühl

Autor

Jörg Kühl arbeitet seit 2020 als Redakteur der Heilbronner Stimme.

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