Bar-Betreiber fahndet mit Überwachungsvideo im Netz

Heilbronn  Der Heilbronner Bar-Betreiber Michael Kopp wurde Opfer eines Geldbeutel-Diebstahls. Mit einem auf Facebook veröffentlichten Überwachungsvideo erhoffte er sich Hinweise zu den Tätern. Die Polizei sieht sein Vorgehen ebenso wie ein IT-Fachanwalt mit Skepsis.

Von Adrian Hoffmann

Der Screenshot einer Videoaufnahme soll die beiden Männer beim Diebstahl eines Geldbeutels in der Heilbronner Bar PlanB zeigen.

Der Bestohlene klärt den Fall einfach selbst: In der Heilbronner Bar PlanB haben Unbekannte am Mittwochabend den Geldbeutel des Besitzers von der Theke gestohlen. Ein Überwachungsvideo zeigt die Täter. Michael Kopp, Betreiber des PlanB, rief via Facebook zur Unterstützung bei der Suche nach den möglichen Dieben auf. Jetzt weiß Kopp mit hoher Wahrscheinlichkeit, wer es war. Die Polizei ist dennoch skeptisch.

„Viele Leute wissen viel“, erklärt Kopp seine Privatfahndung im sozialen Netzwerk. Der Beitrag mit dem Video wurde mehr als 800 Mal geteilt und mehr als 35.000 Mal aufgerufen. Seine persönliche Haltung zum Thema sei: „Wer so etwas tut, der verdient auch eine Strafe.“ Zumal die Männer auf dem Video so professionell wirken, dass er vermute, es sei nicht das erste Mal gewesen.

Polizei soll trotz Anrufs nicht gekommen sein

Außerdem kritisiert Kopp: Er habe noch Mittwochabend die Polizei angerufen. Dort habe man ihm gesagt, er solle am nächsten Tag aufs Revier kommen und Anzeige erstatten. „Da kann man doch mal kurz vorbeischauen und versuchen, die Täter noch in der Nähe zu erwischen“, sagt Kopp, der an jenem Abend in seinen 35. Geburtstag hineinfeierte – mit 200 Euro weniger.

Polizeisprecher Frank Belz: Es könne sein, dass eine Priorisierung erfolgt sei. Zur Weindorf-Zeit seien die Streifen oftmals ausgelastet. Es sei Abwägungssache der Polizisten, wie die Fahndungsaussichten einzuschätzen seien.

Dass er selbst zur Klärung des Falls beitragen könne, habe er bereits geahnt, sagt Michael Kopp. Und so will er nun verspätet Anzeige erstatten bei der Polizei, mit Namen und Adressdaten von einem der beiden mutmaßlichen Täter. Anzeige gegen inzwischen nicht mehr ganz Unbekannt.

Casino-Mitarbeiterin will den mutmaßlichen Dieb erkannt haben

Auf Facebook hatte Kopp geschrieben, er warte mit dem Gang zur Polizei noch einen Tag ab und schaue dann in den Briefkasten, ob der Geldbeutel wieder da sei. Inzwischen habe er aber durch seine Veröffentlichung auf Facebook erfahren, dass einer der beiden Diebe das Geld schon am selben Abend in einem Spielcasino verzockt haben soll. Eine Mitarbeiterin des Casinos will den Mann kennen.

Ein weiterer Facebook-Bekannter stützte diese Vermutung und benannte denselben Mann als mutmaßlichen Täter. Das reicht Kopp aus. Dies wolle er der Polizei weiterleiten zur schnelleren Aufklärung. Natürlich wolle er nicht, dass jemand die Männer zusammenschlage oder eine Art Selbstjustiz betreibe. Er wolle lediglich dazu beitragen, dass die Diebe ermittelt werden.

Privatfahndungen können rechtlich schwierig sein

Die Polizei sieht das Veröffentlichen von Überwachungsvideos grundsätzlich skeptisch – eben aus jenem Grund, einer möglichen Tendenz zur Selbstjustiz. Solche „Privatfahndungen“ erfolgten allerdings immer häufiger. „Das Fahnden übernehmen wir“, sagt Polizeisprecher Achim Küller. Zudem sei es theoretisch so, dass die Diebe in solchen Fällen wegen einer Verletzung der Persönlichkeitsrechte Schadensersatzsprüche erheben könnten. Allerdings seien die Interessen abzuwägen. Kopp fürchtet sich hiervor nicht.

Wie die Polizei bewertet auch IT-Fachanwalt Jan Morgenstern aus Speyer private „Fahndungen“ als fragwürdig. „Das Hochladen und Verbreiten von Videos durch Privatpersonen, auf denen mutmaßliche Täter nach oder bei Begehung von Straftaten zu erkennen sind, verbunden mit vermeintlichen Fahndungsaufrufen, kann erhebliche strafrechtliche Konsequenzen haben“, sagt er.

Zudem sei auch mit Schadensersatzansprüchen der Abgebildeten zu rechnen. Hierbei bestehe das Risiko hoher Summen wegen der unkontrollierbaren Verbreitung der Aufnahmen in sozialen Netzwerken. Morgenstern: „Öffentliche Fahndungsaufrufe sind aufgrund der nicht absehbaren Folgen für die verdächtigten Personen Sache der Strafverfolgungsbehörden.“

Auch mögliche Diebe auf einem Überwachungsvideo haben Persönlichkeitsrechte

Das Veröffentlichen von Aufnahmen erfordere wegen des umfassenden Persönlichkeitsschutzes bis auf wenige Ausnahmen eine Einwilligung des Abgebildeten. Morgenstern weiter: „Das Erfordernis der Einwilligung wird – entgegen der landläufigen Meinung Einzelner - grundsätzlich auch nicht dadurch verwirkt, dass jemand bei einer Straftat beobachtet wird.“

Ausnahmen kämen nur dann in Betracht, wenn die Tat ein zeitgeschichtliches Ereignis darstelle. Dabei könne es sich durchaus auch um Ereignisse und Vorfälle handeln, die von lokaler Bedeutung seien und ein mediales Informationsinteresse auslösten, wie zum Beispiel beim G 20 Gipfel in Hamburg. „Dieses mediale Informationsinteresse überwiegt dann den Persönlichkeitsschutz des oder der Täter.“ Dies dürfte aber, trotz der individuellen Tragweite für das Opfer, nicht der Fall sein, wenn es sich um einen einfachen Diebstahl handele.

Wer Überwachungsvideos ins Netz lädt, kann selbst bestraft werden

Das Verletzen fremder Persönlichkeitsrechte durch Verbreitung von nicht bewilligter Bildaufnahmen stelle eine Straftat dar, die auf Antrag des Betroffenen mit bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe oder einer Geldstrafe geahndet werden kann.

Zudem kommt laut Anwalt Morgenstern eine Strafbarkeit wegen übler Nachrede in Betracht, wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass die als Diebe verdächtigten Personen nicht die tatsächlichen Täter waren. In diesem Fall stünde bei einem medialen Verbreiten der Bildaufnahmen sogar eine Strafandrohung von bis zu zwei Jahren im Raum.

Die Geldbeutel-Diebe hatten die Videokamera im PlanB offensichtlich nicht bemerkt, obwohl darauf aufmerksam gemacht wird. Auf dem Video ist zu sehen, wie sie eine Weile an der Bar stehen, sich kurz besprechen, und der eine dann den anderen verdeckt, damit der unbemerkt den Geldbeutel an sich nehmen kann.