Bald kommt es zum Schwur für die Zabergäubahn

Region  In Kürze wird sich die Zukunft der Zabergäubahn entscheiden. Zum achten und letzten Mal gingen Befürworter am Samstag auf die Schienenstrecke, um sie mit Axt, Astschere und Motorsäge freizuschneiden. Im Frühsommer wird die Wirtschaftlichkeitsberechnung erwartet.

Von Rolf Muth

Bald kommt"s zum Schwur

Der frühere Kreisrat Henning Siegel ist seit Jahren dabei, jetzt mit Enkel Felix.

 

Es hat schon eine gewisse Symbolkraft, dass Felix und sein Zwillingsbruder Filip am vergangenen Samstag am Meimsheimer Bahnhof fleißig Zweige und abgeschnittenes Gestrüpp schleppen. Erwachsene schneiden mit Astscheren und Motorsägen die Gleise frei.

Die beiden Fünfjährigen und ihre Generation sind es, die mal in den Genuss einer Zabergäubahn kommen und damit bequem zur weiterführenden Schule in Heilbronn oder später zu Berufsschule und Ausbildungsplatz fahren könnten. Falls die Strecke je reaktiviert werden kann.

Entweder die Bahn kommt oder das Projekt wird begraben

Die vom Landkreis in Auftrag gegebene Wirtschaftlichkeitsberechnung steht noch aus. Das Ergebnis erwartet Claus-Jürgen Renelt, Chefplaner im Heilbronner Landratsamt, spätestens im Frühsommer. Egal, wie die sogenannte standardisierte Bewertung ausfallen wird: Die achte Freischneideaktion des Vereins Zabergäu pro Stadtbahn wird die letzte gewesen sein.

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Kommt die Bahn, dann sei dieser symbolische Akt nicht mehr erforderlich, sagt Vereinschefin Gertrud Schreck aus Pfaffenhofen. Sind die Werte schlecht, wird das Projekt "Zabergäubahn" vom Landkreis Heilbronn endgültig begraben.

Kosten von 52 Millionen Euro schrecken ab

Bald kommt"s zum Schwur

Gertrud Schreck ist die Vorsitzende des Vereins "Zabergäu pro Stadtbahn".

 

Die geschätzten Investitionskosten von 52 Millionen Euro sind immens. Zudem kommen Nebenkosten von 13 Millionen Euro, die nicht zuschussfähig sind. Ebenso wenig wie die zu beschaffenden Fahrzeuge, für die bis zu 36 Millionen zu stemmen sind. Und vor den jährlichen Betriebskosten von fünf Millionen Euro oder mehr graust es die Bürgermeister der Anrainergemeinden schon heute.

Unbeeindruckt von diesen Hürden hält eine kleine Gruppe aus dem Zabergäu seit der Stilllegung der Strecke tapfer die Erinnerung wach. Im Juli 1986 wurde der Personenverkehr eingestellt. Die damalige "Bürgerinitiative Umweltschutz", die vergeblich gegen die Stilllegungspläne der Deutschen Bahn gekämpft hatte, organisierte sich als "Freunde der Zabergäubahn".

Viele vom Freischneidetrupp sind inzwischen Rentner

Die Gruppe ließ bis in die 90er Jahre auf eigene Kosten einmal im Jahr symbolisch Züge fahren. Die Erinnerungen sprudeln aus Gertrud Schreck, während sie unermüdlich große Äste zum Container zieht. 2004 ging die Gruppe im Verein "Zabergäu pro Stadtbahn" auf. Seit 2010 werden einmal im Frühjahr die Gleise freigeschnitten und damit für jeden als Option sichtbar gemacht.

"Klar sind wir dabei auch belächelt worden", gibt Friederike Wilhelm aus Cleebronn zu. Viele Jahre hat die Grünen-Politikerin aktiv auch im Kreistag für das Projekt geworben. Der Freischneidetrupp ist mittlerweile in die Jahre gekommen, viele der bis zu 30 Aktiven sind Rentner.

Machbarkeitsstudie hat viele überrascht

Zabergäubahn 1963 in Brackenheim
Ein Zug der Schmalspur- Zabergäubahn mit der Dampflok 99 704 fährt im Mai 1963 durch Brackenheim. Foto: Archiv/Eisenmenger

Auch ihrer Beharrlichkeit ist es zu verdanken, dass der Landkreis 2016 eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben hat - mit positivem Ergebnis: die Brückenbauwerke sind gut in Schuss, die Trasse ist unbebaut. Zudem die zündende Idee der Planer: Die Stadtbahn Nord nach Zaberfeld im 30-Minuten-Rhythmus durchzutakten, spart Wagenmaterial. "Die Zabergäubahn ist eine sehr reizvolle Strecke, die nach Reaktivierung schreit", betonte Reinhard Bickelhaupt von der Karlsruher Albtal-Verkehrsgesellschaft bei der Vorstellung im April 2017 in Cleebronn. Friedericke Wilhelm: "So weit waren wir noch nie."

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Mit gedämpfter Freude und Astschere macht sich Henning Siegel ans Werk. Er ist der Opa von Felix und Filip, den beiden Fünfjährigen. Der frühere SPD-Kreisrat sieht die Wirtschaftlichkeit noch nicht. "Ich gebe dem Projekt aber mehr Chancen als noch vor zehn Jahren", sagt der Güglinger. "Angesichts der Verkehrszunahme brauchen wir alternative Verkehrsmittel." Stau und Feinstaub produzierten Stadtbahnen jedenfalls nicht, meint dazu Gertrud Schreck.

 

Historie der Zabergäubahn

Die Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen nahmen 1896 den Betrieb des Bahnverkehrs von Lauffen bis Güglingen auf, 1901 wurde nach Leonbronn verlängert. Die Nachbarn Sternenfels, Kürnbach, Oberderdingen wünschten sich den Anschluss. Dazu kam es nie. 1986 wurde der Personenverkehr eingestellt, 1994 der Güterverkehr.

 

 

Kommentar zur Zabergäubahn: Respekt

Von Rolf Muth

Respekt

"Es lohnt sich die Zabergäubahn mit ins Gesamtkonzept zu nehmen", hieß es schon Mitte der 1990er Jahre bei der Vorstellung des neuen Leitbildes für den Öffentlichen Personennahverkehr. Mit Blick auf hohe Kosten der Stichbahn, die bei Zaberfeld endet, schmeckte die Idee nicht jedem Kommunalpolitiker. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Die Freunde der Zabergäubahn wussten schon damals, dass sie dieser Haltung viel Überzeugungskraft und Beharrlichkeit entgegensetzen müssen. Sie haben die stillgelegte Strecke engagiert und permanent in Erinnerung gebracht. Dafür gebührt ihnen Respekt. Die Machbarkeitsstudie, aber auch die Entwicklung mit langen Staus auf den Straßen geben ihnen Recht.

Alles sieht nun gespannt auf den Ausgang der standardisierten Bewertung. Der Wert ist seit dem letzten Gutachten im Dezember 2002 von 1,44 auf zuletzt 1,1 abgerutscht, muss bei mindestens 1,0 liegen. Nur dann könnte der Einstieg in die Planung 2019 folgen, 2021 die Umsetzung, so das Kreisplanungsamt.

Liegen die Kosten über 50 Millionen Euro, würde der Bund mit einsteigen und 60 Prozent bezahlen, 20 Prozent kämen vom Land. Ansonsten müsste der Landkreis 50 Prozent der Kosten stemmen. Auch die jährlichen Betriebskosten von fünf Millionen Euro sind eine Hürde. Ohne Landesmittel sind sie nicht zu packen. Zu gegebener Zeit muss auch der grüne Verkehrsminister Winfried Hermann Farbe bekennen.

Ihre Meinung? rolf.muth@stimme.de