Bad Wimpfen: Autonom fahrendes Lidl-Shuttle im Gespräch

Bad Wimpfen  Im Bad Wimpfener Gemeinderat wird am Donnerstag das Mobilitätskonzept für die neue Lidl-Deutschlandzentrale vorgestellt. Auch ein computergesteuerter Shuttle-Bus ohne Fahrer ist in Überlegung. Es gibt erste Kritik.

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Bad Wimpfen: Autonom fahrendes Lidl-Shuttle im Gespräch

Zukunftsmusik auf Altstadtpflaster: Hier in der Langgasse könnte der Radweg von Bahnhof zu Lidl verlaufen sowie ein autonomes Shuttle verkehren.

Foto: Ralf Seidel

Manchem Bad Wimpfener hat es vermutlich die Sprache verschlagen, als er sich die Tagesordnung der Gemeinderats-Sitzung durchgelesen hat: Lidl plant, vom Bahnhof bis zur Deutschlandzentrale einen autonom fahrenden Shuttledienst für seine Mitarbeiter einzurichten. Bürgermeister Claus Brechter spricht von einer "super Chance". Andere, unter anderem die Stadträte der Fraktion Wise, reagieren mit Zurückhaltung.

Noch sind viele Fragen offen. "Wir sind erst am Beginn eines Prozesses", teilt Claus Brechter mit. "Ich kann gar nicht viel dazu sagen." Er selbst habe die Idee in die Überlegungen zum betrieblichen Lidl-Mobilitätskonzept eingebracht - im vergangenen Jahr bei der Einwohnerversammlung. "Dort hat man das dann aufgegriffen", so Brechter.

Bürgermeister Brechter: "Vielversprechender Ansatz für klimafreundlichere Mobilität"

Die Überlegung ist, dass das computergesteuerte Shuttle ohne Fahrer an der Strecke eines geplanten Radwegs zwischen Bahnhof und Lidl-Zentrale verkehrt. Der Radweg würde teilweise durch die Altstadt führen, siehe Grafik. Bürgermeister Brechter berichtet, er habe schon vor längerem von Testprojekten zum Autonomen Fahren erfahren - konkret aus Bad Birnbach in Niederbayern, wo seit einiger Zeit fahrerlose Elektrobusse im Einsatz sind. Er halte das für einen "vielversprechenden Ansatz", um zu einer "klimafreundlicheren Mobilität" zu gelangen. Das sei lediglich als Ergänzung zum Mobilitätskonzept und zu einem Shuttle-Bus mit Fahrer über die üblichen Verkehrsstraßen gedacht.

Die Ratsfraktion Wise macht mit einem Beitrag auf ihrer Facebook-Seite viele Bürger auf die Thematik aufmerksam. Aus ihrer Sicht gilt es, zu hinterfragen. So heißt es: "In der Vorlage zur Sitzung ist nicht klar, wer für die Kosten aufkommen soll und welche rechtlichen Rahmenbedingungen gelten sollen." Um das Pilotprojekt zu realisieren, müsste auch Straßenbelag verbessert und Altstadt-Pflaster ersetzt werden. Wise-Stadträtin Bettina Scheid-Mosbacher sind viele Punkte zu unkonkret. Sie möchte nicht, dass wichtige Entscheidungen im Ort an Externe abgegeben werden. "Lidl wird unsere gesamte Stadtstruktur verändern", sagt sie. Es gehe nicht darum, das Konzept an sich zu kritisieren, sondern um die Feststellung, dass noch nichts beschlossen werden könne.

Sprecherin der Schwarz Gruppe: "Nichts in Stein gemeißelt"

Bei Lidl selbst ist noch keine Auskunft zu erhalten. Man möchte die Informationsabläufe einhalten, sagt Maria Theresia Heitlinger, Sprecherin der Schwarz-Gruppe. Das Konzept werde im Gemeinderat vorgestellt. Bei Unstimmigkeiten sei festzuhalten, "dass nichts in Stein gemeißelt ist". Man sei stark auf Kooperation mit der Stadt angewiesen und es werde sich niemand Bitten um Abänderungen verwehren.

Die Fraktion Wise berichtet weiter, auch der autonome Bus solle wie der andere nur für Lidl-Mitarbeiter zur Verfügung stehen. 10 bis 15 Menschen fänden darin Platz. Die Höchstgeschwindigkeit in der Altstadt sei sieben Stundenkilometer, merkt die Fraktion an. Und: "Klar ist, dass massiv in die Altstadt eingegriffen werden soll." Brechter verweist auf die Sitzung im Gemeinderat (Donnerstag, 19.30 Uhr, Rathaus). Zu einem späteren Zeitpunkt wäre ein Besichtigungstermin bei der Firma Bosch in Abstatt angedacht.

Auch Einsatz von E-Tretrollern und E-Motorrollern soll geprüft werden

Das Mobilitätskonzept sei "nunmehr endgültig" ausgearbeitet, heißt es in der Tagesordnung. Über den Shuttle-Verkehr hinaus soll es am Bahnhof eine Leihfahrrad-Station mit 50 Pedelecs geben. Optionen wie E-Tretroller und E-Motorroller sollen geprüft werden. Brechter wird dem Rat empfehlen, das Konzept zu unterstützen. Eine Fläche für die Unterstellung der Pedelecs würde am Bahnhof zur Verfügung gestellt werden. An der Haltestelle Bürgerbus soll es eine Unterstellhalle geben. Und: Die Verwaltung soll beauftragt werden, die Planungen für den Radweg sowie die Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes und der Wege durch die Altstadt weiterzuverfolgen. Mit den Arbeiten könnte 2021 begonnen werden, Zustimmung vorausgesetzt.

 

 

 

Kommentar "Reflexartig"

Manche Wimpfener reagieren dünnhäutig, sobald es um Lidl geht. Sie fürchten, dass aus Bad Wimpfen irgendwann Bad Lidl wird. Diese Neuerungen. Soviel Unbekanntes. Verständlich, dass es Menschen gibt, denen das Angst macht. Jetzt auch noch das: Vielleicht fährt bald schon ein computergesteuerter Shuttlebus durch die mittelalterliche Stadt. Ohne Fahrer, dafür ausschließlich mit Lidl-Mitarbeitern als Passagieren. Kaum ist die Tagesordnung des Gemeinderats veröffentlicht, folgt reflexartig Kritik auf das mögliche Pilotprojekt.

Dabei geht es doch um Technologien der Zukunft. Das ist etwas Gutes. Wenn eine Gemeinde die Gelegenheit hat, an modernen Mobilitätskonzepten beteiligt zu sein, darf man das wertschätzen. Gerade vor dem Hintergrund der Audi-Misere. So lange ein autonomes Shuttle nicht blau-gelb-rot lackiert sein wird, hört sich diese Idee mindestens interessant an. Viele Bad Wimpfener sind sicher offen für spannende und moderne Ansätze. Bloß: Geheimniskrämerei führt zu angespannter Stimmung und Missmut. Überzeugen lassen sich die Menschen vor Ort vermutlich am besten, wenn Lidl sie mitnimmt. Nicht nur durch ausreichend Informationen, sondern auch im Shuttle.

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adrian.hoffmann@stimme.de


Adrian Hoffmann

Adrian Hoffmann

Reporter

Adrian Hoffmann ist Redakteur im Reporterteam der Heilbronner Stimme. Diese Einheit berichtet über das tagesaktuelle Geschehen in der Region und kümmert sich um investigative Recherchen.

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