BI-Netzwerk will gegen Flächenverbrauch vorgehen

Region  Das Bürgerinitiativen-Netzwerk Neckartal nimmt geplante Straßenbauprojekte der Region ins Visier. Der zunehmende Flächenverbrauch ist der Mitgliedern ein Dorn im Auge.

Von Kirsi-Fee Rexin und Patricia Okrafka
Email

Die Mitglieder (von links): Wolfgang Lechner, Thomas Schadt, Volker Raith, Sylvia Göbel, Wolfgang Klenk, Bettina Scheid-Mosbacher, Dieter Wagner, Martina Burkert und Horst Schulz.

Foto: Okrafka

Wer etwas in Sachen Straßenbau und Flächenverbrauch bei Politik und Wirtschaft erreichen will, braucht ein schlagkräftiges Netzwerk: Zu dieser Erkenntnis kommen Martina Burkert und Bettina Scheid-Mosbacher im vergangenen Jahr, als sie mit der Bürgerinitiative (BI) "Wimpfener Straßen entlasten" (Wise) ihr Mitspracherecht bei der geplanten Trasse von der Rappenauer Straße bis zur Biberacher Straße einfordern.

Über den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) nehmen die Wimpfenerinnen Kontakt zu weiteren Bürgern auf. Kurze Zeit später gründet sich das Bürgerinitiativen-Netzwerk Neckartal (BINN). Die Mitglieder Dieter Wagner, Volker Raith, Horst Schulz, Sylvia Göbel, Thomas Schadt, Wolfgang Klenck, Bettina Scheid-Mosbacher, Martina Burkert und Wolfgang Lechner erklären, was genau dahinter steckt.
 

Was sind die Ziele des Netzwerks?

"Ein wichtiger Punkt ist der Austausch von Erfahrungen und Infos beispielsweise zum Thema Bürgerentscheid", erklärt Horst Schulz von "Pro Natur - Contra Flächenversiegelung". Weitere Ziele seien: der konsequente Ausbau vom Öffentlichen Personennahverkehr, Rad- und Gehwegen, die Reduktion von weiterem Flächenverbrauch, eine vernünftige und gesunde Entwicklung der Raumschaft, sagt Horst Schulz, langjähriger Nabu-Aktivist.
 

Wer ist an Bord?

"Aktuell mit dabei sind ,Pro Natur am Spurweg" aus Haßmersheim, ,Wimpfener Straßen entlasten" (Wise) aus Bad Wimpfen, ,B 27-Anschluss Binswanger Straße" und ,Pro Natur - Contra Flächenversiegelung", beide aus Neckarsulm, sowie die Eisesheimer Bürgerinitiative (EBI) aus Ober- und Untereisesheim. Außerdem engagieren sich Bürger aus Bad Friedrichshall und Bad Rappenau", zählt Sylvia Göbel von ,Pro Natur am Spurweg" auf.


Wofür steht BINN genau?

BINN ist die Abkürzung für Bürgerinitiativen-Netzwerk Neckartal. Darin schließen sich Bürgerinitiativen und Bürger zusammen, die sich in der Hauptsache gegen anstehende Straßenbauprojekte engagieren", sagt Dieter Wagner von der BI "Pro Natur Contra Flächenversiegelung Neckarsulm".


Was bedeutet das konkret?

Übersicht der Bauprojekte, mit denen sich das BINN beschäftigt (Neckarsulm)

Die BI in Neckarsulm wird in die weitere B27-Verkehrsplanung eingebunden.

Foto: Andreas Veigel

"Wir müssen innehalten im Prozess des grenzenlosen Wachstums", findet Volker Raith von "B27-Anschluss Binswanger Straße". "Wir planen und bauen, als hätten wir eine zweite Erde in der Hosentasche. Die Ressource Boden ist aber endlich." Deshalb fordert das BINN die Kommunen auf, den überregionalen Bedarf zu ermitteln. "Ohne Neiddebatten um Neubürger und Firmenansiedlungen. Man muss von diesem Kirchturmdenken wegkommen", sagt er. Statt immer mehr Fläche zu versiegeln, sollten bestehende Gewerbegebiete auf ihre Nutzbarkeit geprüft werden. "Außerdem gibt es ja auch die Möglichkeit, in die Höhe zu bauen", fügt Wolfgang Lechner von der Eisesheimer Bürgerinitiative (EBI) hinzu. Oberste Prämisse bei Bauprojekten müsse aber noch mehr Transparenz sein.


Mehr Einwohner bedeuten mehr Autos: Wie lässt sich das Verkehrsproblem lösen?

Die Mitglieder des BINN sind der Meinung, dass Verkehrsströme von der Politik gelenkt werden müssen. Dafür sei ein überregionales Konzept wichtig. "Dieses muss den ÖPNV als wichtigstes Verkehrsmittel voranstellen", verlangt Wolfgang Klenck (EBI). "Der Individualverkehr muss unattraktiv werden. Es fließt so viel Geld in den Straßenbau, warum nicht in den ÖPNV?" Die Mitglieder des BINN sehen auch regionale Firmen in der Pflicht. "Lidl und Co. müssen ihren Mitarbeitern Alternativen zum Auto anbieten. Wenn das allein nicht ausreicht, müssen Anreize geschaffen werden", findet er.


Wie sieht es mit Ausgleichsflächen aus?

Es bringe nichts, wenn in Bad Wimpfen eine Straße gebaut und dafür in Bad Friedrichshall eine Wiese zur Ausgleichsfläche erklärt wird, sagt Martina Burkert. "Doch genau so läuft das momentan." Den Gutachten von Naturschützern müsse mehr Gewicht gegeben werden. "Oftmals werden die nur angehört, aber gemacht wird nichts."


Wie geht es weiter?

"Die Vernetzung soll weitergehen, wir freuen uns über jede Unterstützung. Damit können wir Signale ans Land senden", sagt Dieter Wagner. "Doch dafür müssen sich auch die Bürgermeister besser absprechen, die Kommunalpolitik soll nicht gegeneinander agieren. Wir müssen uns als großes Ganzes verstehen", so Wagner.


Übersicht der Bauprojekte, mit denen sich das BINN beschäftigt
 
B27 in Neckarsulm 

Seit klar ist, dass mit dem vierspurigen Ausbau der B 27 ein Anschluss wegfallen soll, hat sich vieles in Neckarsulm verändert. Die BI "B27 Anschluss Binswanger Straße" steht nun im Dialog mit der Stadt. Gemeinsam will man die beste Lösung für Neckarsulm finden. "Wir sitzen endlich am Tisch", sagt Volker Raith, einer der Sprecher der BI und gemeinsam mit Werner Krepp Vertrauensperson des Bürgerbegehrens. Die BI will nun Vorschläge wie eine Tieferlegung der B 27 im Bereich der Aral-Tankstellen oder alternative Nutzungsmöglichkeiten für das geplante Gewerbegebiet Linkes Tal prüfen lassen.
 

Teilumgehung in Bad Wimpfen

Übersicht der Bauprojekte, mit denen sich das BINN beschäftigt (Bad Wimpfen)

Ein großes Thema in Bad Wimpfen ist die Teilumgehung. Im Dezember 2017 hat sich die BI Wise gegründet. Mit 733 Unterschriften bringt sie einen Bürgerentscheid auf den Weg.

Foto: Dennis Mugler

Es ist im Dezember 2017, als Bettina Scheid-Mosbacher und Martina Burkert die Bürgerinitiative "Wimpfener Straßen entlasten" (Wise) ins Leben rufen. Stein des Anstoßes sind die Pläne zum Bau einer Teilumgehung von der Rappenauer Straße bis zur Biberacher Straße, um die Verkehrssituation in Bad Wimpfen zu entschärfen. "Die Straße würde viel Fläche versiegeln, obwohl sie nicht die nötige Entlastung bringt", ist Scheid-Mosbacher überzeugt. Da die Umgehung quer zur Hauptverkehrsachse verläuft, kämen trotz Trasse immer noch 94 Prozent des Restverkehrs an der Wimpfener Neckarbrücke an. Obendrein durchschneide die Umgehung die Frischluftschneise, die im Westen der Stadt verläuft.

Statt der Trasse schlägt Martina Burkert unter anderem den Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs und der Radwege vor. Mit 733 Unterschriften bringt Wise einen Bürgerentscheid auf den Weg. Mit 61,4 Prozent stimmt am 17. Februar die Mehrheit für Planung und Bau der Trasse. Scheid-Mosbacher sieht das Ergebnis nicht als Niederlage. Denn das Anliegen war, dass Einwohner über dieses Projekt urteilen. "Das ist uns mit dem Bürgerentscheid und einer Wahlbeteiligung von fast 50 Prozent gelungen."
 

Nord III in Haßmersheim

Übersicht der Bauprojekte, mit denen sich das BINN beschäftigt (Haßmersheim)

In Haßmersheim soll das Baugebiet Nord III samt Erschließung kommen.

Foto: Ursula Brinkmann

In Haßmersheim ist eine Umgehungsstraße geplant, "eine sogenannte Ortsrand-Entlastungsstraße", sagt Thomas Schadt. Im November hat sich die BI "Pro Natur am Spurweg" gegründet. Sie fürchtet, durch das geplante Baugebiet Nord III und die Erschließung von der Natur getrennt zu werden. An den Feldwegen, die am Ortsrand liegen, soll ein Lärmschutzwall entstehen. Die BI glaubt, dass die Wege dadurch unzugänglich werden. Das sieht die Verwaltung anders. Schadt kritisiert: "Das Ganze basiert auf dem Verkehrskonzept der 70er Jahre, so etwas kann man heutzutage nicht fortführen."

 

 
 

Kommentar hinzufügen