Aussteiger-Paar feiert Weihnachten im Wohnmobil ohne Geschenke

Herbolzheim/Marokko  Mitte Dezember haben Cornelia Haufe und Thomas Reule aus Herbolzheim die letzten Kartons gepackt und sich auf den Weg nach Marokko gemacht. Es ist der Probelauf für ein Leben im Wohnmobil - weit weg vom weihnachtlichen Konsumrausch, denn dafür haben die Aussteiger einfach keinen Platz.

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Im Dezember sind Cornelia Haufe und Thomas Reule aus Herbolzheim zur Probefahrt für ein Leben im Wohnmobil nach Marokko aufgebrochen. Foto: Archiv/Berger

Cornelia Haufe (47) und Thomas Reule (55) steigen aus. Sie verkaufen ihr Haus und leben ab dem kommenden Sommer im Wohnmobil. Davor räumen die beiden ihr Haus in Neudenau-Herbolzheim aus. Seit 13. Dezember sind sie auf dem Weg nach Marokko. Bis Ende Februar sehen sie, ob sie für das Leben im Wohnmobil an alles gedacht und alles eingepackt haben.

 

Wo bringen Sie Ihren Krims-Krams aus dem Haus hin?

Cornelia Haufe: Wir gehören nicht zu den Menschen, die viel besitzen. Das, was wir hatten, haben wir übers Internet verkauft, verschenkt oder gespendet. Wir haben hier beispielsweise eine Tierrettung, die sich um Wildtiere kümmert. Die verkaufen die Sachen auf dem Flohmarkt.

 

Wie geht man denn vor, wenn man sich von seinem Hab und Gut verabschiedet?

Haufe: Ich habe bei den Abstellräumen angefangen und mich danach systematisch von Schrank zu Schrank vorgearbeitet. Stellenweise war ich rigoros und auch emotionslos. Ich habe mich zum Beispiel gefragt, ob ich für jedes Getränk ein eigenes Glas brauche. Oder wer sagt denn, dass ich nicht auch aus einem großen Teller frühstücken kann?

 

Wir begleiten die Aussteiger weiterhin

Im Herbst haben wir das Ehepaar und deren Pläne zum ersten Mal vorgestellt. Die Resonanz war riesig - sowohl bei unserer Redaktion als auch bei den beiden Aussteigern. Für uns ein Grund, Cornelia Haufe und Thomas Reule weiterhin zu begleiten. Im Sommer möchten die beiden endgültig aus ihrem Haus ausziehen und fortan im Wohnmobil leben.

Wie ging es Ihnen beim Ausräumen?

Haufe: Mir ist aufgefallen, wie viel Räume wir haben und in wie wenig Räumen wir eigentlich wohnen. Wir besitzen Räume, in denen wir Dinge aufbewahren, die wir nicht brauchen. Das ist doch verrückt. Wenn ich durch unser Haus gehe, sind viele Räume bereits ausgeräumt. Regale sind leer.

 

Was ist Ihnen dabei in die Hände gefallen?

Haufe: Da waren spannende Sachen dabei, die ich zehn Jahre nicht in der Hand hatte und ich mir kurz dachte: Kann man eigentlich noch gebrauchen. Ich wusste nicht mehr, dass ich die Gegenstände noch besitze. Es hätte sogar passieren können, dass ich mir denselben Gegenstand noch einmal kaufe.

 

Verknüpfen Sie mit dem einen oder anderen Gegenstand nicht auch Erinnerungen?

Haufe: Es gibt Tage, an denen kann ich nichts ausräumen. Ich kann das auch nur stückchenweise machen. Ich habe festgestellt, dass Loslassen Energie kostet. Ich bin danach manchmal echt erschöpft.

 

Wie geht Ihr Mann damit um?

Haufe: Das macht viel mit uns. Wir reden ganz viel darüber - aufzuräumen, auszuräumen und was Neues zu beginnen. Ja, es hat was mit Neubeginn zu tun. Was wir gemeinsam momentan produzieren, ist eine Krise. Aber im positiven Sinne. Für Außenstehende sieht das locker aus. Aber es ist die Umkehr von dem, was normal ist.

 

Ausräumen, losfahren
Cornelia Haufe räumt Vorräte ins Wohnmobil. Foto: privat

Fällt der Abschied von Dingen schwer?

Haufe: Wenn ich etwas weggebe, ist es schon ein komisches Gefühl. Wenn es aber jemand abholt und es kommt in gute Hände, dann fühlt es sich wieder gut an. Mein Mann sagte zu mir: Wie viel Lebenszeit habe ich verbraucht, um das Geld zu verdienen, damit ich mir dies oder das kaufen konnte. Für ihn ist es vergeudete Lebenszeit.

 

Was denken Sie?

Haufe: Die Menschen in den Industrieländern haben zum Teil das gesunde Maß verloren für Gegenstände, die sie wirklich brauchen. Ich glaube, den Menschen und dem Land würde es besser gehen, wenn wir etwas weniger konsumieren würden.

 

Konsum sorgt für Umsatz und Wohlstand.

Haufe: Ich bin kein Wirtschaftswissenschaftler und kann nur für mich sprechen. Ganz einfach ausgedrückt: Wenn wir weniger konsumieren, würde nicht mehr im Übermaß produziert werden. Wir bräuchten weniger Geld. Menschen hätten mehr Zeit für sich.

 

Wie fällt Ihr Blick von außen auf den Konsumrausch an Weihnachten?

Haufe: Ich finde, es ist fast schon zu viel. Mir fehlt der Aspekt des sich Zurückbesinnens auf das Wesentliche. Ich habe auch das Gefühl, dass es jedes Jahr noch eine Schippe mehr sein muss. Ich schlage die Hände über dem Kopf zusammen und denke mir: noch mehr? Ich betrachte das mit Angst und Sorge. Ein Stück weit sind wir aber selbst schuld. Wir bringen das unseren Kindern bei.

 

Schenken Sie sich etwa nichts?

Haufe: Wir beschenken uns weder an Weihnachten noch zu unseren Geburtstagen. Das ist uns nicht wichtig. Wenn ich etwas sehe, von dem ich denke, dass es mein Mann oder meine beiden Söhnen gebrauchen könnten, kaufe ich es. Unabhängig vom Datum.

 

Ausräumen, losfahren
Thomas Reule trägt Krims-Krams aus dem Haus. Foto: privat

Was braucht man, um sich für das Leben im Wohnmobil zu entscheiden?

Haufe: Mut und Entschlossenheit, um sich von Dingen zu trennen. Obwohl wir Klamotten nach Marokko mitnehmen und dort spenden, haben wir immer noch leere Schränke im Wohnmobil. Während wir reisen sehen wir, ob wir die richtigen Dinge dabeihaben.

 

Nehmen Sie auch etwas mit, das Sie nicht wirklich brauchen?

Haufe: Spontan fällt mir meine Eismaschine ein. Das ist wirklich Luxus. Wir leben mittlerweile beide vegan. Und gekauftes, veganes Eis schmeckt uns nicht. Deshalb mache ich das selbst. Ich koche übrigens gerne. Meine Lieblings-Kochbücher habe ich eingepackt. Und wir nehmen zwei Yoga-Matten, eine Meditationsbank und unsere Meditationskissen mit. Yoga machen und meditieren, das genießen wir sehr.

 

 

Jürgen Kümmerle

Jürgen Kümmerle

Reporter

Jürgen Kümmerle ist Redakteur im Reporterteam der Heilbronner Stimme. Diese Einheit berichtet über das tagesaktuelle Geschehen in der Region und kümmert sich um investigative Recherchen.

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