Atommüll auf dem Neckar: Wie geht es jetzt weiter?

Region  Am Dienstagmorgen hat der fünfte Castor-Transport Neckarwestheim erreicht. In fünf Fahrten brachte ein Spezialschiff die strahlende Fracht aus dem stillgelegten Atomkraftwerk aus Obrigheim. Damit geht für die Polizei und EnBW ein besonderer Großeinsatz zu Ende.

Von unserer Redaktion

Was wurde genau auf dem Neckar transportiert?

Castor-Transport auf dem Neckar
Die Schubboote Edda und Ronja und der Lastdrager 40 zum Transport von Castoren fahren am 04. September 2017 auf dem Neckar am EnBW Heizkraftwerk in Heilbronn vorbei. Das Ziel der noch unbeladenen Schiffe ist das Kernkraftwerk in Obrigheim. Foto: Christoph Schmidt/dpa  

Bei fünf Transporten wurden zwischen dem 28. Juni und dem 19. Dezember 342 hochradioaktive Brennelemente vom stillgelegten Atomkraftwerk Obrigheim in das Zwischenlager in Neckarwestheim transportiert. Die Brennstäbe waren in Castoren verpackt.

Pro Schiffsladung konnten nur drei der jeweils 107 Tonnen schweren Castoren transportiert werden. Für den Transport der 15 Castoren waren deshalb fünf Fahrten notwendig. Nach Auskunft der EnBW kostet der Transport einen zweistelligen Millionenbetrag. Die Kosten für den aufwändigen Polizeieinsatz sind dabei noch nicht berücksichtigt.

Weiterlesen: Wichtige Fakten zu den Castortransporten auf dem Neckar

 

Was geschieht jetzt mit den Castoren in Neckarwestheim?

Im GKN-Zwischenlager gibt es 151 Stellflächen für Castoren mit hochradioaktiven Brennelementen. Wegen des Atomausstiegs werden am Ende der Laufzeit von GKN II (Ende 2022) für die beiden Neckarwestheimer Reaktoren aber nur rund 125 Plätze benötigt. Es ist also kein Problem, die 15 Behälter aus Obrigheim in den unterirdischen Stollen unterzubringen. Dort bleiben die Behälter, bis in Deutschland ein Endlager für hochradioaktive Abfälle zur Verfügung steht.

Das wird noch Jahrzehnte dauern. Das Endlagergesetz gibt vor, dass bis 2031 zumindest ein Standort gefunden sein soll. Die Endlagerkommission und andere Experten halten das für völlig unrealistisch. Fachleute wie Professor Bruno Thomauske rechnen nicht damit, dass vor 2080 ein Endlager in Betrieb gehen kann. Atomkraftgegner kritisieren, dass trotz ungelöster Endlagerfrage bis Ende 2022 laufend neuer Atommüll produziert wird.

Weiterlesen: Wird Neckarwestheim zum Endlager?

 

castor24
Atomkraft-Gegner und Polizisten beim ersten Castor-Transport auf der Otto-Konz-Brücke in Heilbronn. Foto: Berger  

Wie gefährlich waren die Transporte?

Über die Sicherheit der Castor-Transporte gab es zwischen GKN-Betreiber EnBW und Atomkraft-Gegnern immer wieder Streit. Besonders in der Diskussion: ein möglicher Unfall des Schiffs. Laut Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung sind die Castoren extrem sicher und werden intensiv geprüft: Sie müssen Castorbehälter unter anderem den Fall aus neun Metern Höhe auf ein unnachgiebiges Fundament aushalten, ein 30-minütiges Feuer bei 800 Grad überstehen und einer Wassertauchprüfung standhalten.

Entsprechende Tests gibt es auch für die Deckel. Auch das doppelwandige Schiff war, wie die EnBW behauptet, durch die Konstruktion des Schubleichters sowie technische Einrichtungen an Bord "praktisch unsinkbar". Kritik gab es während des ersten Transportes auch an einer möglichen Strahlungbelastung. Die Messungen seien nicht an repräsentativen Punkten durchgeführt worden.

Weiterlesen: Wie sicher ist der Castor-Transport?

 

Wie bewertet die Polizei die Einsätze?

Die Polizei ist nach eigenen Angaben zufrieden. Die Federführung liegt beim Präsidium Einsatz in Göppingen. Unterstützung gewähren die Beamten des Präsidiums Heilbronn. „Wir haben mit Protestaktionen gerechnet“, sagt der Heilbronner Polizeisprecher Rainer Köller. „Überrascht waren wir, dass nur noch so wenige Aktivisten teilnahmen. Da sind wir Heilbronner aus früheren Zeiten andere Zahlen gewohnt.“

Die Einsätze habe das Präsidium Einsatz sehr gut vorbereitet. „Selbstverständlich sind solche Einsätze immer personal- und zeitintensiv“, so Köller, „da sie aber vorhersehbar waren, hielt sich die Belastung in Grenzen.“

Wie viele Polizisten die Transporte vorbereitet und gesichert haben, bleibt offen. Zahlen nennt Roland Fleischer, Sprecher des Göppinger Präsidiums, keine. „Unser Konzept ist 100-prozentig aufgegangen“, sagt er. Das oberste Ziel sei immer gewesen, dass die Castoren sicher in Neckarwestheim ankommen und kein Mensch Schaden nimmt.

Weiterlesen: Polizei und Hubschrauber bewachen das Castor-Schiff

 

Es gab immer wieder Proteste, was sagen die Castor-Gegner? 

Castor-Transport auf dem Neckar
Atomkraftgegner der Umweltschutzorganisation "Robin Wood" seilen sich in Bad Wimpfen von einer Brücke über dem Neckar ab und enthüllen ein Transparent mit der Aufschrift "Verhindern statt verschieben". Foto: Christoph Schmidt/dpa  

Die Gegner sind froh, „dass es keine kritischen Gefahrensituationen gab“, wie Herbert Würth vom Bündnis „Neckar castorfrei“ sagt. Zu einer Mahnwache am frühen Dienstagmorgen in Lauffen versammeln sich gut 20 Gegner. Es kommt zu keinen Störungen.

„Wir wollten die Transporte inhaltlich begleiten“, bilanziert Würth. Dies sei gelungen. Dass die Zahl der Menschen, die sich zu Protestaktionen und Mahnwachen einfinden, mit jeder Fahrt geringer geworden ist, führt Würth unter anderem auf die schwer zu planenden Termine zurück. So ist der fünfte Transport etwa eine Woche später als erwartet vonstatten gegangen.

Kritik üben die Gegner der castortransporte dennoch: „Was bringt die Verschiebung von einem Ort zum anderen?“, fragt Herbert Würth. Er kritisiert, dass nach wie vor unklar sei, wie und wo ein Endlager für Atommüll entstehen soll. „Unser Ziel ist, dass sofort alle Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Es soll kein weiterer Müll produziert werden.“

Weiterlesen: Kletterer bremsen das erste Castor-Schiff aus

 

Wie geht es in Obrigheim weiter?

Das Kernkraftwerk Obrigheim wurde bereits 2005 vom Netz genommen. Die EnBW ist mit dem Rückbau des Kernkraftwerks vergleichsweise weit gekommen. Die Brennelemente standen bislang im Nasslagerbecken. Dieses kann nun ebenfalls abgebaut werden.

Bis spätestens 2025 will der Karlsruher Energieversorger den Abbau im atomrechtlichen Bereich abgeschlossen haben. Da es in Obrigheim kein Zwischenlager gibt, kann das Gelände viel früher überplant und anderweitig genutzt werden als zum Beispiel in Neckarwestheim. Es gibt schließlich keine Abhängigkeit von einem betriebsbereiten Endlager. 

 

Alle Transporte im Überblick