Aronia: Drei Männer bauen die Wunderbeere in Willsbach an

Obersulm  Chiasamen aus Mexiko, Acai aus Brasilien: Ganz schön exotisch. Wie wär's stattdessen mit Aroniabeeren vom heimischen Acker? In Willsbach gedeiht der Beweis dafür, dass Superfood direkt vor der Haustür zu haben ist.

Von Vanessa Müller
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Aronia erinnert geschmacklich etwas an Heidelbeeren. Fotos: Vanessa Müller

Ob's wirkt? Da sind sich Gesundheitsexperten nicht einig. Drei Männer aus der Region sind jedoch überzeugt, dass ihre "Wunderbeere" alles mitbringt, was dem Körper gut tut.

Schon im Herbst 2017 haben Ulrich Dierolf, Nico Knapp und Wilhelm Kuntz 7000 Aroniasträucher in Willsbach gepflanzt. "Aus Neugier und Lust, etwas Neues auszuprobieren", erklärt Kuntz, dem der Aussiedlerhof am Mühlrain gehört. Nachdem ihnen Verwandte und Bekannte die ersten Beeren quasi aus den Händen rissen, wollen sie sie jetzt auf den Markt bringen.

Automat am Radweg

In den kommenden Wochen startet die Ernte auf den zwei Hektar Anbaufläche, im Anschluss der Verkauf. Dafür wollen die Männer einen Automaten aufstellen. Hof und Feld Nummer eins befinden sich praktischerweise direkt am Radweg in Willsbach. Feld Nummer zwei liegt in Sülzbach. Wenn alles gut läuft, könnte auch hier einmal ein Automat stehen. Wer Geld einwirft, bekommt dafür die Beeren als Saft oder in getrockneter Form. Kunden können außerdem online bestellen oder erstmal probieren, denn auch auf Naturpark- oder Weihnachtsmärkten möchte das Trio vertreten sein.

Eventuell kommen weitere Produkte wie Aronia-Wein oder Tee dazu, daran tüfteln sie noch. Denn ganz einfach zu verarbeiten sind die Früchte nicht, allein schon wegen ihres intensiven dunkelroten Saftes.

1970 in Russland zur Heilpflanze erklärt

Aronia: Drei Männer bauen Wunderbeere in Willsbach an
Die Früchte sind lecker als Saft oder getrocknet im Müsli.

Bevor es soweit ist, leisten sie Aufklärungsarbeit, sagen die Männer. Denn obwohl mancher den hohen Vitamin- und Vitalstoffgehalt von Aronia schon länger feiert, sei die Beere in Baden-Württemberg bisher kaum bekannt.

Das liegt auch an ihrer Geschichte. Die Apfelbeere stammt ursprünglich aus Nordamerika, wo sie bei den Ureinwohnern sehr beliebt war. Um 1900 kam sie nach Russland und wurde dort erstmals veredelt. 1946 wurde sie als Kulturpflanze anerkannt und bald in der gesamten Sowjetunion angebaut. Sie fand auch Eingang in die Gärten der Selbstversorger, vor allem in den kälteren Regionen. 1970 erklärten die Russen sie zur Heilpflanze.

In der ehemaligen DDR fand sie ebenfalls schnell Anklang. "Deshalb sind dort bis heute die großen Plantagen beheimatet", sagt Landwirt Nico Knapp. Anbauflächen gibt es mittlerweile auch in Nord- und Süddeutschland, in unserer Region aber eher selten. "Es gibt noch eine größere Plantage in Richtung Backnang und eine in Hohenlohe", erklärt er.

Biologischer Anbau

Aronia: Drei Männer bauen Wunderbeere in Willsbach an
Wilhelm Kuntz, Nico Knapp und Ulrich Dierolf (v.l.) pflanzen sie auf zwei Hektar an. Die Büsche werden bis zu zwei Meter hoch.

Die Maschinen für den Anbau haben die Männer in Osteuropa gekauft und für ihre Zwecke umgebaut, zum Beispiel den Vollernter aus Polen. Praktischerweise ist Ulrich Dierolf gelernter Mechatroniker, das macht vieles leichter. 2018 haben sie diese Arbeit noch von Hand erledigt. "Wir waren mit 20 Leuten drei Tage lang bei 38 Grad beschäftigt", erinnert er sich. "Das ist viel zu mühsam." Denn damit es bei der Qualität keine Abstriche gibt, wollen sie die Beeren noch am selben Tag pressen beziehungsweise anderweitig verarbeiten.

Überhaupt ist dem Trio biologischer Anbau wichtig. Unkraut wird mechanisch entfernt, Pflanzenschutzmittel sind nicht nötig. "Die Beeren werden erst geerntet, wenn sie richtig reif sind", sagt Knapp. Der Saft kommt ohne Zusatz von Zucker oder Konservierungsstoffen aus. Das hat seinen Preis: 6,50 Euro soll die 0,7-Liter-Flasche kosten. Dierolf empfiehlt, pro Tag 100 Milliliter zu sich zu nehmen. Die süß-säuerlich-herben Beeren schmecken getrocknet zum Beispiel im Müsli.


Woher kommt der Hype?

Superfood hat den Ruf, besonders gesundheitsfördernd zu sein und sogar vor Krankheiten schützen zu können. Der Aroniabeere wird dabei nachgesagt, antioxidativ, antithrombotisch und blutdrucksenkend zu wirken. Sie hat außerdem einen hohen Vitamin- und Vitalstoffgehalt. Die Früchte sollen nicht nur das Immunsystem stärken, sondern auch für eine strahlende Haut sorgen. Verantwortlich dafür soll der besonders hohe Gehalt an sekundären Pflanzeninhaltsstoffen, also Flavonoiden und phenolischen Säuren, sein.

Laut Verbraucherzentrale gibt es jedoch keine "aussagekräftigen klinischen Studien", die die Wirksamkeit bestätigen. Dennoch gibt es um Aronia gerade einen Hype, der sich in Quadratmetern messen lässt. Kürzlich meldete das niedersächsische Landesamt für Statistik, dass sich die Aronia-Anbauflächen in dem Bundesland zwischen 2015 und 2018 etwa vervierfacht haben auf zuletzt fast 70 Hektar. Bundesweit wurden 2016 gut 1100 Tonnen Aroniabeeren auf knapp 560 Hektar geerntet, die größten Mengen in Sachsen, Bayern und Brandenburg.


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