Antisemitismus-Beauftragter erhält Post voller Hass

Interview  Michael Blume, Antisemitismusbeauftragter des Landes, spricht im Interview über das Internet als Angst- und Wutverstärker und zunehmenden Pessimismus in jüdischen Gemeinden. Am Donnerstagabend spricht er in Heilbronn.

Von Hans-Jürgen Deglow
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Antisemitismus
Ein Hakenkreuz und ein durchgestrichener Davidstern sind an einer Gedenkstätte in Berlin zu sehen.

Michael Blume ist Antisemitismusbeauftragter des Landes Baden-Württemberg. Ihm bereitet vor allem der zunehmende Hass im Internet Sorgen, der sich gegen Juden, aber auch gegen andere Minderheiten richtet. Im Stimme-Interview spricht er zudem über die steigenden Straftaten im Land.

Heute ist Blume zu Besuch in Heilbronn, er referiert auf Einladung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und des SPD-Ortsvereins.

 

Herr Blume, Sie sind bald ein Jahr im Amt. Welche Bilanz ziehen Sie?

Blume: Meine Bilanz ist klar gemischt. Positiv erlebe ich ein viel stärkeres Interesse an meiner Arbeit aus der Bürgerschaft als zu erwarten war. Ich freue mich deshalb auch über die Einladung nach Heilbronn. Negativ ist: Der Hass im Internet nimmt viel schneller zu als wir alle befürchtet haben.

 

Wie erklären Sie sich das?

Blume: Der Antisemitismus, wie wir ihn heute erleben, ist Ausdruck einer Medienkrise. Neue Medien wurden auch historisch betrachtet immer von Populisten missbraucht, wir Demokraten stellen uns aber oft zu langsam auf die damit verbundenen Umwälzungen ein. So haben wir ein massives Anwachsen des Antisemitismus mit Einführung des Buchdrucks erlebt, das Gewaltregime der Nazis wurde durch Radio und Film befördert. Noch immer reagieren wir zu langsam. Russland, China und die USA dominieren den Markt der digitalen Medien, Europa hinkt hinterher. Das führt dazu, dass ein großer Teil der Werbeeinnahmen nicht hier bleibt. Freie, seriöse und lokale Medien sind aber die Grundlage unserer Demokratie, sie gehören unterstützt.

 

Welche Konsequenzen sollten wir ziehen?

Blume: Es braucht ganz klar eine gemeinsame europäische Vorgabe für die Durchsetzung von Regeln. Auf Facebook werden blanke Brüste sofort gelöscht, aber der Holocaust darf geleugnet werden, ohne dass etwas passiert. Facebook fordert Kritiker dazu auf: Macht doch eine Gegenrede! Wir Demokraten sollen die Konzerne und Trolle also auch noch für Hass belohnen? Das kann nicht ernsthaft die Antwort auf das Problem sein. Als Gesellschaft sollten wir erkennen, dass wir unsere eigenen, funktionierenden Medien beschädigen, wenn wir den Diskurs einem US-Konzern überlassen, bei dem man sogar mit Fake-Profilen Beleidigungen loswerden kann. Das Ergebnis wird sonst sein: Weniger Demokratie und noch mehr Hass.

 

Das Problem sind also die ungeprüften Inhalte?

Blume: Wer sich in weltweiten Netzwerken informiert, ungeprüfte Informationen glaubt, der glaubt auch irgendwann, dass geheimen Verschwörer-Bünde die Welt kontrollieren. Genau das ist die Einstiegsdroge für den Antisemitismus.

 

Sie sind regelrecht empört über die Entwicklung?

Blume: Nach den mahnenden Reden von Charlotte Knobloch im bayrischen Landtag und des Historikers Götz Aly in Thüringen zum Thema Antisemitismus rollt aktuell wieder eine unglaubliche Hasswelle durch das Internet. Vor zehn Jahren wäre es doch noch undenkbar gewesen, dass Bundestagsabgeordnete wie Alice Weidel die Äußerungen einer Holocaust-Überlebenden mit Hohn kommentieren. Das Verschieben des Sagbaren ist heute leider so normal geworden, dass wir es kaum noch befremdlich finden. Ähnlicher Hass wird gerade im Netz auch über die 16-jährige Umweltaktivistin und Schülerin Greta Thunberg ausgekübelt. Wir haben die Dinge zu lange laufen lassen, nun bedrohen sie unsere Gesellschaft. Weltweit erleben wir heute mehr Antisemitismus, mehr Rassismus, mehr Populismus, mehr Radikalisierung übers Internet.

 

Das Internet können wir nun auch nicht mehr abschaffen?

Blume: Ich bin selbst begeisterter Internetnutzer, ich blogge auch. Wir sollten uns aber darüber bewusst sein: Jedes neue Medium eröffnet neue Chancen, aber auch neue Risiken. Mit dem Buchdruck kam die Lutherbibel, aber auch Luthers antisemitische Werke und der Hexenhammer. Zehntausende Unschuldiger wurden ermordet. Die große Frage an uns alle lautet: Schaffen wir es, die guten Effekte zu nutzen, und die negativen in den Griff zu bekommen? Ansonsten kann dies unsere Gesellschaften so zertrümmern, wie es Anfang des letzten Jahrhunderts braune und rote Extremisten geschafft haben.

 

Sie besorgt vor allem die Radikalisierung?

Blume: Ja, und wir dürfen nicht warten, bis sich noch mehr radikalisieren. Ich nenne das Beispiel Reichsbürger. Die allermeisten Reichsbürger hatten noch nie mit Jüdinnen und Juden zu tun, aber sie sind der Überzeugung, dass Angela Merkel nur die Marionette einer jüdischen Weltverschwörung ist. Menschen mit extremen Ansichten gab es früher auch schon, aber heute können sie sich leicht zu Tausenden vernetzen. Und sie greifen Polizisten, Verwaltungsbeamte und Journalisten an. Als Antisemitismusbeauftragter stelle ich fest: Die Sitten verrohen. Es hat mich auch nicht gewundert, dass bei den Demonstrationen der Gelbwesten in Frankreich Antisemitismus schon ein Thema war.

 

Warum solche Wut im Netz?

Blume: Wir haben wenig Kriminalität in Deutschland, nur wenig Arbeitslose, Jahre der Hochkonjunktur, aber im Netz klingt es so, als drohe uns der Untergang. Auf diesem Humus gedeiht der Rechtspopulismus. Die Menschen denken, sie lebten in einer gefährlichen Welt, dabei hätten sie allen Grund, dankbar und optimistisch zu sein. Das Internet wirkt als Angst- und Wutverstärker.

 

Es gibt aber nicht nur Antisemitismus von rechts?

Blume: Richtig, es gibt auch den islamisch verbrämten Antisemitismus. Er nutzt die neuen Medien gezielt für Propaganda, die sich meist gegen Israel richtet. Auch von manchen Linksextremen werden Juden bedroht, es gibt sogar eine Boykottbewegung. Viele Menschen finden den muslimischen Antisemitismus besonders bedrohlich, auch weil sie sagen, den von rechts habe es doch immer gegeben. Wir haben im Land eine gute Kooperation mit islamischen Religionslehrern, ich wünsche mir aber deutlich mehr Aufklärungsarbeit. Es darf nicht sein, dass Menschen, die wir hier aufnehmen, dann Andersgläubige attackieren. Wenn man die reinen Fallzahlen betrachtet, ist der rechtsextreme Antisemitismus noch immer die größere Bedrohung.

 

Was erleben Sie in Ihrer praktischen Arbeit, bei Ihren Auftritten?

Blume: Ich bin bei vielen Veranstaltungen mit gezielten Störern konfrontiert, die sich vorher verabredet haben. Ich bekomme auch jede Menge Post voller Hass und Beleidigungen. Als Mensch muss ich immer wieder darauf achten, dass der Hass nicht in mein Herz eindringt. Heute verstehe ich viel besser, wie wichtig es ist, dass sich ein nichtjüdischer Beauftragter an die Seite der Juden stellt. Vor Jahren waren die jüdischen Gemeinden noch optimistisch, glaubten, hier sicher zu sein. Nun fragen sich immer mehr, ob sie in Deutschland noch eine Zukunft haben. Ich kann nur an alle appellieren: Wenn wir es zulassen, dass eine religiöse Minderheit aus unserer Mitte vertrieben wird, dann ist niemand mehr von uns sicher. Der Hass wird dann ja nicht aufhören.

 

Wie war die Entwicklung der Straftaten im Land 2018?

Blume: Wir haben eine deutliche Zunahme registriert. Das kann auch mit einem höheren Meldebewusstsein zusammenhängen, zu dem wir ermutigen. Die Zahl der Fälle mit antisemitischem Hintergrund wuchs um 38,1 Prozent auf 87 Delikte, davon ein Gewaltdelikt. Ich fürchte, dass wird in den nächsten Jahren noch mehr. Überwiegend geht es um Bedrohung, Beleidigung, die Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole, aber auch um Fälle wie den Angriff auf die Synagoge in Ulm oder die Zerstörung eines Channukka-Leuchters in Heilbronn Ende 2017. Klar ist aber auch: Antisemitismus bedroht die ganze Gesellschaft, es werden nicht nur Juden angegriffen. Deswegen bauen wir ein bundesweites Meldesystem auf. Derzeit hat man oft den Eindruck: Selbst bei einer Morddrohung im Internet stört sich keiner daran. Das Netz darf aber kein rechtsfreier Raum sein.

 

Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden, sieht eine zunehmende Geschichtsvergessenheit.

Blume: Diesen Eindruck teile ich. In der neuen Medienwelt zersplittert unser Wissen. Wir wissen zwar immer mehr, aber von immer weniger Themen. Wie viel gemeinsames Wissen braucht unsere Gesellschaft für ihren Zusammenhalt? Haben wir noch eine gemeinsame Wahrnehmung der Weltgeschichte? Aus welchen Quellen beziehen wir unsere Kenntnisse?

 

Fake-News gelten einer der größten Bedrohungen unserer Zeit.

Blume: Digitale Medien sprechen Emotionen an, erschweren aber Reflexion und Gegenrecherche. Fake-News sind wahnsinnig billig in der Herstellung. Aber die Richtigstellung ist teuer und schwierig. Damit machen Populisten Politik. Wenn keine Verbrechen passieren, dann erfinden sie eben welche. Polizeistellen haben leider immer mehr Arbeit damit, bösartige Gerüchte einzufangen. Und dann werden sie auch noch beschuldigt, sie wären Teil der jüdischen Weltverschwörung.

 


Info

"Ein zweites Referendum würde pro Europa ausgehen"

Michael Blume, geboren in Filderstadt, ist Religionswissenschaftler und seit März 2018 Beauftragter der Landesregierung gegen Antisemitismus. Der 42-Jährige forscht, lehrt und veröffentlicht zu Fragen des christlich-islamischen Dialoges in Deutschland. Er referiert heute um 19 Uhr zum Thema Antisemitismus im Heinrich-Fries-Haus in Heilbronn. Titel seines Vortrages: "Alter Wein in neuen Schläuchen - Aktuelle Erscheinungsformen des Antisemitismus".
 

 

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