Angehörige vermissen Kontakt zu Pflegebedürftigen

Bad Rappenau  Wie lange geht das noch so? Andrea Sonntag aus Bad Rappenau-Grombach leidet wie viele Angehörige unter der Quarantäne-Situation. Sie besucht ihre Mutter sonst täglich im Pflegeheim.

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Wie lange geht das noch so?

Fast schon zum gewohnten Bild geworden: Ein Mitarbeiter des ASB-Rettungsdienstes steht am Montag in Schutzkleidung vor dem Alpenland-Pflegeheim.

Fotos: Adrian Hoffmann

Es beginnt nun die vierte Woche ohne Kontakt. Andrea Sonntag aus Bad Rappenau-Grombach fühlt sich hilflos. "Ich besuche sie sonst immer täglich", sagt die 59-Jährige über ihre Mutter, die im unter Corona-Quarantäne stehenden Pflegeheim Alpenland lebt.

"Für mich persönlich ist es eine Katastrophe, dass es keine anderen Lösungen gibt", sagt Andrea Sonntag. Bis Ende vergangen Jahres lebte ihre Mutter noch in Mauer bei Heidelberg in ihrem eigenen Haushalt. Sie brauchte aber Unterstützung von einer Pflegekraft, die sie regelmäßig daheim besuchte. Zuletzt erschien es Andrea Sonntag besser, die 89-Jährige in ihre Nähe zu holen - ins Alpenland.

Ihre Mutter sei ihr schon immer sehr wichtig gewesen, sagt Sonntag. Und nicht nur das Coronavirus sei ein Gesundheitsrisiko, sondern auch Einsamkeit und soziale Isolation. Über das Pflegepersonal im Alpenland äußert Andrea Sonntag nur Wertschätzung. "Sie sind alle sehr nett", sagt sie. "Meiner Mutter geht es gut, heißt es." Dennoch sei die Situation eine irre Belastung für sie als Tochter. Sie wisse, dass in anderen Einrichtungen genauso Besuchsverbot bestehe. "Es macht mich bloß so durcheinander, meine Nerven liegen blank." Ihre Mutter höre schlecht, deshalb geht Telefonieren nicht. Und mit Videotelefonie, selbst wenn es von Pflegekräften ermöglicht werden würde, könnte ihre Mutter vermutlich nichts anfangen. "Sie versteht ja so schon die Welt nicht mehr", sagt Sonntag.

Am Geschäftssitz der Alpenland-Pflegeheime in Sonthofen äußert man Verständnis. Die Situation falle den Pflegekräften schwer, den Angehörigen, "es fällt uns allen schwer", heißt es in der Telefonzentrale.

Auch Einsamkeit ist ein Gesundheitsrisiko

Wie lange geht das noch so?

Andrea Sonntag vermisst ihre Mutter, in den Händen hält sie ein Foto von ihr aus lange vergangenen Tagen.

Der Deutsche Berufsverband für Altenpflege teilt die Auffassung, dass „Social Distancing“ schwere Folgen für alte Menschen hat, insbesondere für diejenigen, die in stationären Einrichtungen oder alleine zu Hause leben. „Social Distancing" über einen längeren Zeitraum werde das Risiko für eine Vielzahl von somatischen und psychischen Gesundheitsproblemen erhöhen, sagt Bodo Keißner-Hesse, stellvertretender Vorsitzender des Verbands.

Menschen mit demenziellen Erkrankungen können wir oft den Sinn der notwendigen Besuchsbeschränkungen nicht ausreichend erläutern, so Keißner-Hesse weiter. Zusätzlich raube das Social Distancing diesen Menschen wichtige Erinnerungsanker. Die Wahrscheinlichkeit, dass bekannte Menschen nach einem längeren Besuchsverbot nicht mehr erkannt werden, ist hoch. Sie würden aus dem Gedächtnis gelöscht.

Der Deutsche Berufsverband für Altenpflege habe daher seine Mitglieder aufgefordert: „Nutzt, fördert und ermöglicht die Pflege sozialer Kontakte durch Postkarten, Sprachnachrichten und Videobotschaften. Setzt Euch mit Radiosendern in Verbindung, damit Lieblingslieder und Grußbotschaften gesendet werden.“

Die meisten haben Verständnis für Besuchsverbote 

Jens Ofiera vom Verband der Deutschen Alten- und Behindertenhilfe berichtet, dass die Angehörigen von Pflegebedürftigen in den Einrichtungen mehrheitlich verständnisvoll auf die Besuchsverbote reagierten. Um Projekte wie Videotelefonie zu realisieren, fehle es den Mitarbeitern momentan vermutlich auch an Zeit. In den Einrichtungen, "da brennt es", so Ofiera.

"Verständnis hin oder her. Es geht hier um meine Mutter", sagt Andrea Sonntag frustriert. Sie befürchtet auch, dass ihre Mutter kaum noch oder gar nicht aus ihrem Zimmer herauskommen kann. "Die Bewohner sind auf ihren Zimmern in Quarantäne", bestätigt Manfred Körner, Sprecher des Heilbronner Landratsamts. "Die Zimmer sind aber nicht abgeschlossen."

Das Schlimme ist für Andrea Sonntag: Ihre Mutter sei bereits negativ getestet worden und niemand könne Auskunft darüber geben, wie lange es noch so weitergeht. Auch die Behörden nicht. "Das kann nicht genau vorausgesagt werden, weil Infektionsketten noch nicht sicher dauerhaft unterbrochen sind", erklärt Landratsamtssprecher Manfred Körner.

Im Zusammenhang mit dem Bad Rappenauer Pflegeheim Alpenland gibt es nach Angaben des Landratsamts Heilbronn nach wie vor 18 Infizierte. Eine Seniorinist verstorben, es habe sich aber eine weitere Person mit dem Coronavirus infiziert. Den Angehörigen verlangt die Ausnahmesituation viel ab. Im Todesfall dürfen Trauernde nicht einmal den Leichnam sehen, wenn ihr Angehöriger an Corona erkrankt war.


Adrian Hoffmann

Adrian Hoffmann

Reporter

Adrian Hoffmann ist Redakteur im Reporterteam der Heilbronner Stimme. Diese Einheit berichtet über das tagesaktuelle Geschehen in der Region und kümmert sich um investigative Recherchen.

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