Am Helium-Ballon in elf Kilometer Höhe hinauf

Stuttgart  Lesersommertour zum Wetterdienstzentrale in Stuttgart bringt viele Aha-Erlebnisse. Messinstrumente für rund 250.000 Euro sind hier im Einsatz. Unter anderem steigt jeden Tag zwei Mal eine Messsonde in hohe Luftschichten auf.

Von Carsten Friese
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Das haben die meisten noch nie gesehen: Als sich um 12.45 Uhr gestern auf dem Deutschen-Wetterdienstgelände am Stuttgarter Schnarrenberg Klappen einer kleinen Startrampe öffnen, steigt ein weißer Ballon mit wichtiger Fracht gen Himmel. Eine Messsonde samt Antenne ist mit dem heliumgefüllten Ballon auf dem Weg in obere Luftschichten. Das Ziel der rund zweistündigen Reise: alle paar Minuten bis in elf Kilometer Höhe Wetterdaten übertragen, um die Wettervorhersage zu unterstützen.

Die Lesersommertour zur Zentrale der Stuttgarter Wetterfrösche vermittelt nicht nur Einblicke in geballte Messtechnik. Messnetzleiter Michael Gutwein gibt den rund 30 Teilnehmern einen Schnellkurs in Wolkenkunde und Wetterentwicklung. April, Mai, Juni und Juli hätten alle drei bis fünf Grad über dem langjährigen Mittel gelegen. "Das ist sehr viel." Die Trendkurve der Sommermitteltemperatur für Öhringen hat er vorbereitet, von 16-Grad-Werten Anfang der 1960er Jahre ging es zuletzt Richtung 21 Grad. Am Klimawandel zweifelt der Wetterdienst nicht. Einem Skiliftbetreiber riet Gutwein auf seine Frage nach der Zukunft, eine Sommerrodelbahn zu bauen. Und wenn künftig die Sommer sehr trocken bleiben und im Winter viel Regen fällt, sei es für Gartenbesitzer überlegenswert, eine Zisterne anzulegen.

Gewitterwolken werden durch Erderwärmung immer aggressiver

Dass ein Cumulonimbus eine Gewitterwolke ist, wissen die Teilnehmer nun. Durch höhere Temperaturen als früher dehnen sich die mächtigen Wolken inzwischen bis in 14, 15 Kilometer Höhe aus - "und werden deshalb auch immer kräftiger und aggressiver", erklärt der Fachmann.

36 Mitarbeiter arbeiten in der Wetterdienstzentrale mitten in den Weinbergen mit fantastischem Blick auf die Landeshauptstadt. In der regionalen Wetterberatung erläutert Meteorologe Clemens Steiner am großen Plasmabildschirm, dass man mit Bildern des Satelliten Meteosat das Wettergeschehen der vergangenen Stunden sowie Regenradarbilder abrufen und daraus präzise Wetterprognosen ableiten kann. Die Mitarbeiter beraten - meist gegen Gebühr - Landwirte, Hobbyfotografen, Firmen, Medien, geben Unwetterwarnungen an Behörden und Notfallhelfer heraus. Zuverlässig könne eine Vorhersage nur bis maximal acht Tage sein, betont Steiner. Alles darüber hinaus "ist nicht seriös".

Ultraschall, Laser und Infrarottechnik sind im Einsatz

Auf dem Freigelände wird deutlich, wie viel Hightech heute in den Messinstrumenten steckt. Michael Gutwein erklärt eine vollautomatische Wetterstation, ein neues Windmessgerät, das mit Ultraschall misst, und ein Instrument, das über Streulicht die Sicht in bis zu 70 Kilometer Entfernung bestimmen kann. Infrarot und Laser helfen beim Erfassen von Niederschlag und Wolkenuntergrenzen, ein Strahlungsmessgerät arbeitet mit einer Fotodiode. Insgesamt sind hier Messgeräte im Wert von rund 250 000 Euro im Einsatz.

"Das war sehr spannend. Dass hier so viele Messgeräte stehen und ein Wetterballon alle zwölf Stunden aufsteigt, hat mich überrascht", sagt Michael Schweiker aus Nordheim nach der Führung. Für Roland Staiger hat sich der Besuch gelohnt. Wie genau die Messtechnik heute funktioniert, findet der Lauffener bemerkenswert.

 

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