Als die Welt auf Heilbronn blickte

Heilbronn  Heute vor 34 Jahren, am 11. Januar 1985, explodierte auf der Heilbronner Waldheide der Motor einer Atomrakete. Nun plant die Stadt den Abbruch des letzten Hangars - und ein Gedenkkonzept. Das letzte Wort haben Stadträte.

Von Kilian Krauth

 

Eine schwarze Wolke markierte die Unglücksstelle im verschneiten Stadtwald. Am Freitag, 11. Januar 1985, heute vor 34 Jahren, 13.53 Uhr, explodierte auf der Waldheide der Motor einer Pershing-II-Atomrakete. Drei Menschen starben, 16 wurden teils schwer verletzt.

Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges zwischen Ost und West schlitterte das Unterland an einer Katastrophe vorbei. Heilbronn rückte schlagartig in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Bald wurde die Stadt zum Mekka der Friedensbewegung. Nach dem Fall des Eisernenen Vorhangs fand das Ex-US-Fort Redleg in den 1990er Jahren zur Natur zurück.

Betonskulptur und Gedenkstein

Heute erinnert auf der 52 Hektar großen Lichtung mitten im östlichen Stadtwald wenig an das dramatische Unglück. Am Haupteingang bildet eine Betonskulptur die Lage der Heide ab und tippt in Stichworten ihre Historie an. 500 Meter nördlich davon markiert ein Fahnenmast die Unglücksstelle - und ein Felsen mit den Namen der getöteten Soldaten John Leach, Todd A. Zephir und Darryl L. Shirley. "Lest we forget", damit wir nicht vergessen, steht auf der Tafel. Daneben liegen zwei vertrocknete Kränze und im nahen Gestrüpp eine leere Blumenschale.

Als wäre nichts gewesen ...

Zum Jahrestag des Raketen-Unglücks wird Waldheide wieder zum Politikum

Die Halle ist − abgesehen von einem kleinen Wachturm − das letzte Army-Gebäude. Vorne der Gedenkstein.

Foto: Archiv/Wendt

"Es schneit, es schneit!", schallt es plötzlich aus dem nahen Forst. Keine 100 Meter vom Unglücksort entfernt geben Kinder des Waldkindergartens den Ton an. Auf Trampelpfaden drehen Jogger und Spaziergänger mit Hunden in aller Ruhe ihre Runden.

Sommers gesellen sich allerlei Grillgruppen dazu - und die bis zu 500 Mutterschafe starke Herde von Erwin Württemberger. Als wäre nichts gewesen.

Schafstall als Politikum

Ausgerechnet durch den Schafstall wurde die Waldheide vor einem Jahr erneut zum Politikum - nicht von globaler, aber von kommunaler Dimension: Nach einem Sturmschaden am Dach signalisierte Finanzbürgermeister Martin Diepgen, er wolle prüfen lassen, ob sich die Renovierung überhaupt noch rentiere. Prompt regte sich im Gemeinderat und in Reihen geschichtsbewusster Bürger Widerstand.

Schließlich handele es sich bei der Halle - abgesehen von einem zugewachsenen kleinen Wachturm - um den letzten Bauzeugen des Forts, also um ein wichtiges historisches Dokument. Der ehemalige Helicopter-Hangar könnte durch seine heutige Nutzung als Friedenssymbol betrachtet und zur Gedenkstätte ausgebaut werden, lautete eine Forderung.

 

 

Stadt schlägt Hangar-Abbruch vor

Zum Jahrestag des Raketen-Unglücks wird Waldheide wieder zum Politikum

Eine Stele aus zwei Betonwänden zeigt an der Donnbronner Straße her Lage und Historie der Waldheide.

Foto: Archiv/Veigel

Nach einer kurzen, aber heftigen Debatte im Frühjahr 2018 zeichnet sich nun eine Lösung ab. "Wir nehmen die Verpflichtung ernst, die Waldheide nicht nur als Erholungs- und Landschaftsschutzgebiet zu pflegen, sondern auch als geschichtsträchtigen Erinnerungsort", sagt Oberbürgermeister Harry Mergel auf Stimme-Anfrage.

Er lege dem Verwaltungsausschuss des Gemeinderates am Montag, 14. Januar, einen Antrag vor, wonach die Halle, die aus Sicht der Veterinärmedizin nicht mehr tragbar sei und nicht unter Denkmalschutz stehe, abgerissen und durch einen neuen Schafstall ersetzt wird. Der sei zur Beweidung und damit zum Erhalt der Heide notwendig. Kostenpunkt: 250.000 Euro, eine Sanierung käme auf 350.000 Euro.

Dezentrale Gedenkorte in Planung

Gleichzeitig schlägt das Rathaus statt einer zentralen Gedenkstätte im Hangar ein "dezentrales Konzept" vor: Einzelne Orte auf dem Gelände sollen für insgesamt 20.000 Euro, so heißt es, "auf einfache Weise markiert werden; sie erzählen durch Objekte oder mit abrufbaren kurzen medialen Beiträgen" die wechselvolle Geschichte des Ortes.

Mehr zum Thema: Wie das Unglück in Heilbronn dem Frieden Aufwind gab  

 

Gedenkfeier 

Am Sonntag, 13. Januar, 14 Uhr, lädt die International Veterans Association mit Sitz in Heilbronn zu einer Gedenkfeier an das Pershing-Mahnmal. Dies befindet sich unweit des ehemaligen Tors 2 an der Waldheidestraße, einem Waldweg der von der Straße zwischen Heilbronn und Donnbronn abzweigt. 

 

 

Waldheide: Vom US-Raketenstützpunkt zum Biotop

Die Waldheide dient ursprünglich als Acker und Weide. Im 19. Jahrhundert wird sie teilweise aufgeforstet. Von je her dient sie der Naherholung, ab 1883 in einem Teilbereich auch als Exerzierplatz. 1935 wird sie unter den Nazis zudem zum Flugplatz. 1953 baut die US-Army die Landebahn aus.

1977 kommen die ersten Pershing-Raketen, aber erst mit dem Unfall von 1985 wird die offiziell bis dahin abgestrittene Stationierung der Atomwaffen öffentlich.

Trotz Friedensdemonstrationen wird die Festung bis 1990 weiter ausgebaut. 1991 zieht die US-Army ab. 1992 kauft die Stadt Heilbronn die 52 Hektar dem Bund ab. Von 1994 an findet die Festung zur Natur zurück, dient wieder der Naherholung und Schafe als Weide. 

 
 
 

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