Als der Schoppen Wein noch 50 Pfennige kostete

Heilbronn  Erinnerungen an alte Zeiten in der Besenwirtschaft: vom ausgeräumten Wohnzimmer bis zu ziemlich angeheiterten Gästen. Ein Wengerter aus Heilbronn gewährt Einblicke hinter die Kulissen.

Von Adolf Heinrich und Kilian Krauth

Als der Schoppen Wein noch 50 Pfennige kostete

Adolf Heinrichs Besenwirtschaft an der Heilbronner Schillerstraße war nach dem Krieg eine der ersten, die wieder eröffnet wurde, zunächst im Wohnzimmer, später im ausgebauten Keller. Fotos: Hermann Eisenmenger

 

Meine früheste Erinnerung an eine Besenwirtschaft geht weit zurück. Schon in den l930er Jahren des vorigen Jahrhunderts hängte mein Großvater Rudolf Rohrbach immer wieder den Besen raus.

Einmal im Jahr zur Zeit des Pferdemarktes im Februar und ein weiteres Mal je nach Bedarf. Dabei wurden in der Goethestraße in Opas Wohnung Wohn- und Schlafzimmer ausgeräumt, und in diesen zwei Räumen spielte sich dann der Besen ab. Die Großeltern schliefen in einem hinteren Zimmer, wo teilweise die Möbel abgestellt waren.

Rebensaft im Krug ausgeschenkt

Damals gab es im Besen nur einen weißen und einen roten Wein. Mit dem zwei bis drei Liter fassenden Krug wurde der Wein immer frisch aus dem Keller geholt. Auf dem Zimmerofen, der mit Holz und Kohle geheizt wurde, stand meist ein Wassertopf, in dem Knackwürste heiß gemacht wurden. Vier bis fünf Tische und dazu die Stühle waren das einzige Mobiliar.

An den Wänden hing die Vesper- und Weinkarte, die mit der Hand auf Pappkarton geschrieben war. Zu essen gab es Knackwürste und Emmentaler Käse, der schon vorgeschnitten in Portionen in einem feuchten, weingetränkten Tuch eingeschlagen war. In der Küche wurden die Vesper vorbereitet und die Gläser gespült. Der Brotteig wurde noch selbst geknetet und in Strohbackkörben zum Bäcker gebracht. Auf den Tischen standen Aschenbecher, ein Schoppenglas mit Bierstengeln und kleine Senftöpfe sowie Salz- und Pfefferstreuer.

Binokel stand hoch im Kurs

Als der Schoppen Wein noch 50 Pfennige kostete

Lore Heinrich zapft Wein aus einer Attrappe, die über eine Leitung an ein Fass angeschlossen ist.

 

Das Publikum kam aus allen Bevölkerungsschichten. Vormittags kamen hauptsächlich Handwerksmeister und Vertreter zum Vesper, nachmittags ab und zu Rentner und ältere Bürgersleute. Das Hauptgeschäft spielte sich jedoch am Abend ab. Oft wurde auch Karten gespielt, vorwiegend Binokel. Abends nach ein oder zwei Viertele wurde fast jeden Tag gesungen. Nach Singstunden oder Versammlungen kamen auch größere Gruppen.

Frauen waren ganz selten dabei und wenn, dann nur in Begleitung. Alleinstehende Frauen kamen fast nie in den Besen. Die Polizeistunde musste streng eingehalten werden. Polizeikontrollen gab es fast täglich. Besenbesucher wurden zum Heimgehen ermahnt. Oft kamen sie später noch ein zweites Mal zur Kontrolle und es gab Verwarnungen, aber auch Geldbußen, die teilweise sehr hart ausfielen. Der Besenwirt wurde am Höchsten bestraft. Oft beriefen sich die Besenwirte darauf, dass die Gäste nicht hatten gehen wollen. Je nach Laune des Polizisten wurden dann die Gäste bestraft.

Als kleiner Bube schwer am Schaffen

Für mich als Acht- bis Zehnjähriger war der Besen immer eine willkommene Abwechslung. Schon damals wurde ich als Hilfskraft eingesetzt. Zum Beispiel musste ich je nach Bedarf immer wieder ein Dutzend frische ofenwarme Brezeln im "Netzle" beim Bäcker Käser holen, der ganz in der Nähe seine Backstube hatte. Wenn die Bäckersfrau gut aufgelegt war, bekam ich manchmal eine misslungene, eine "vergratene" Brezel geschenkt. Das war immer etwas Besonderes. Die Brezel kostete damals drei Pfennige. Die 13. Brezel gab es ab Rabatt gratis dazu.

Beim Metzger musste ich zeitweise die Knackwürste holen. Das eine oder andere Mal wurde ich aber auch auch in den Keller zum Wein holen geschickt.

Nette Winzertöchter als Bedienung

Die Begegnung mit den vielen Menschen machte mir Spaß. Natürlich lauschte ich oft ihren Gesprächen. Nicht alle waren für Jugendliche geeignet. Dann sagten sie: "Die Stube ist nicht sauber gekehrt." War eine junge, hübsche Wirtstochter als Bedienung da, erhöhte das oft den Umsatz, wobei aber Wirtsvater und -mutter besonders aufpassten. Meist wurde der Wein damals noch aus dem Schoppenglas (Inhalt ein halber Liter) getrunken. Bestellte ein Gast aber nur ein Viertele, sagte so mancher Wirt: "No wardsch noch a Weile, bis an Schoppa vertrage kannsch".

Die Schoppenpreise lagen damals um die 50 Pfennige. Es gab aber auch solche Besenbesucher, die schon mehrere Schoppen getrunken hatten, ausnahmsweise einen "Abgesägten", das war im Schoppenglas ein Viertele. Teilweise wurde der Wein auch in Liter- und Halbliterkaraffen ausgeschenkt, besonders dann, wenn einer eine "Flasche" spendieren wollte oder Gäste hatte.

Der Herr Lehrer Kienle

Als der Schoppen Wein noch 50 Pfennige kostete

Besenzeit in Horkheim: Im Heilbronner Land, in Hohenlohe und im Kraichgau weisen zeitweise bis zu drei Dutzend solcher Reisiggebinde den Weg zu den urigen Familienlokalen.

Foto: Archiv/Veigel

 

Ein Stammgast in Opa Rudolfs Besen war Lehrer Kienle aus der Pfühlstraße. Er kam immer am späten Nachmittag. Wenn er zahlen wollte, rief er mich an den Tisch und gab mir an, was seine Zeche war. Meist waren es ein bis zwei Schoppen und eine Portion Emmentaler. Seinen Emmentaler schnitt er im Teller in kleine Stücke, leerte einen Schluck Wein darüber und würzte ihn mit Salz und Pfeffer. Hatte ich seine Zeche richtig ausgerechnet, bekam ich ab und zu von ihm ein "Fünferle". So ein Lehrertyp war mir nicht unsympathisch. Mein Vater erzählte mir, dass Lehrer Kienle der strengste Lehrer in der Mittelschule war. Er bekam von ihm seinerzeit des Öfteren "Tatze" oder sogar "Hosenspanner". Er hatte ihn in nicht so guter Erinnerung.

Die Zecher von damals waren weitaus trinkfester als heute. Der Fußmarsch nach Hause war ungefährlicher und ausnüchternd, jedoch auch nicht immer ganz problemlos, denn die Frau sah man früher selten im Besen, dafür wartete sie oft und lange auf die Heimkehr des Mannes. Viele heitere und ernste Geschichten über die Heimkehr wurden dann beim nächsten Besenbesuch zum Besten gegeben. Berühmt und gefürchtet wurde manches Eheweib durch das "Wellholz", den "Patscher" oder die "Gardinenpredigt". Man wohnte dicht beieinander, und die Nachbarn registrierten oft schadenfroh die nächtlichen "Wiedersehensfeiern".

 

 

Besenwirtschaften auf Höhe der Zeit

Was in Wien der Heurige und in der Pfalz der Straußen, das ist in der Region Heilbronn die Besenwirtschaft. Stimme.de blickt hinter die Kulissen, stößt dabei auf originelle Fotos und auf aufschlussreiche Erinnerungen des Heilbronner Wengerters Adolf Heinrich.

Ganz wichtig: Das selbst gekelterte Viertele ist in der Besenwirtschaft oft schon für zwei bis drei Euro zu haben. Auf der Speisekarte sind zweistellige Beträge die Ausnahme. Die hausgemachte Speisenpalette reicht vom Brät- und Käsebrot bis zur Schlachtplatte mit Sauerkraut. Die Wurzeln reichen bis ins Jahr 812 zurück, als Karl der Große Weinbauern den Ausschank eigener Weine und einfacher Speisen erlaubte. „Reine Besen“ dürfen bis heute nur eigene Produkte anbieten. Zudem sind die Öffnungzeiten gesetzlich auf vier Monate im Jahr beschränkt. Die Zahl der Sitzplätze ist auf 40 limitiert. Viele Besen haben inzwischen aber eine Gaststättenkonzession. Überhaupt: Die meisten neuzeitlichen Besen gleichen professionellen Weinstuben und modernen Vinotheken mit entsprechendem Wein- und Speisenangebot. Der Gemütlichkeit tut das in der Regel aber keinen Abbruch. 

Rudolf Benz aus Neckarsulm, Theo Haberkern aus Erlenbach, Adolf Heinrich aus Heilbronn: Was die drei verbindet? Sie sind oder waren Weingärtner mit eigener Besenwirtschaft und können von Natur aus viel erzählen. Einer der drei Charakterköpfe, Adolf Heinrich (1926-2013), hat seine Erinnerungen sogar zu Papier gebracht. Sie reichen bis in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zurück: vom ausgeräumten Wohnzimmer in der Goethestraße über den Tapetenwechsel in der Schillerstraße, den dortigen Gewölbekellerbesen bis zum Baumkelterbesen in der Riedstraße, den heute Heinrichs Nachfahren betreiben.

Wie der Zufall so spielt hatte Stimme-Fotograf Hermann Eisenmenger (1925-2007) in der Nachkriegszeit bei Familie Heinrich in der Schillerstraße vorbeigeschaut. Kürzlich sind die Aufnahmen im Stimme-Archiv aufgetaucht. Wir nehmen dies zum Anlass, Heinrichs Erinnerungen zu dokumentieren. In gewisser Hinsicht sind sie zeitlos – und immer „in“. Der Besenkalender auf www.stimme.de zählt zu den am meisten angeklickten Seiten. Allein im Heilbronner Land, in Hohenlohe und im Kraichgau gibt es bis heute 200 solche Lokale. In Hochzeiten haben im Stimme-Gebiet gleichzeitig bis zu drei Dutzend geöffnet.