Als auch in Heilbronn der DJ die Tanzkapelle ablöste

Heilbronn  Keine Live-Beschallung mehr, sondern Musik von der Platte, die mit einem flotten Spruch angekündigt wird - nach diesem Muster entstand vor 60 Jahren die erste Diskothek in Aachen. In Heilbronn dauert es noch einige Jahre, bis sich der Wandel hin zum DJ vollzogen hat.

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Ein früher Unterländer Vertreter seiner Zunft.

Indoor Neon Festival, Bomba Latina, Halloween Night - so heißen heute Veranstaltungen in den Diskotheken der Region. Schon die Sprache zeigt: Mit den heutigen Discos hatten die Tanzlokale einst nicht viel gemein. Im Oktober 1959, vor 60 Jahren also, soll in Aachen die Diskothek erfunden worden sein. Keine Tanzkapelle, sondern ein Plattenaufleger - optisch aus heutiger Sicht eher bieder-akkurat, mit Hornbrille und Krawatte ausgestattet - sorgt im dortigen Scotch Club fortan für die Musik. Eine gewaltige Veränderung.

In Heilbronn lassen die DJs noch ein paar Jahre auf sich warten. Die Zeit der Tanzkapellen ist etwa im August 1963 noch nicht abgelaufen. In einem Stimme-Artikel von damals steht, dass "in sämtlichen Heilbronner Nachtlokalen Kapellen mit zwei bis fünf Musikern zum Tanz aufspielen". Nachtlokal heißen sie deshalb, weil - anders als üblich - um 24 Uhr noch nicht Schluss sein muss. Die Namen der Bars laut Zeitungsbericht: Melodie, Neckarklause, Milano, Metro und die Fischerstube im Insel-Hotel.

Die Tanzkapellen haben es nicht leicht

Der Begriff Diskothek taucht in der Chronik der Stadt Heilbronn übrigens erstmals in einem nicht-kommerziellen Kontext auf: Der Stadtschülerrat hielt Ende der 1960er-Jahre im Deutschhofkeller Diskotheken-Abende ab. Auch Tanzschulen schmissen Samstagabendpartys - so zum Beispiel in den Katakomben des Vö. 

Insel-Seniorchef Hans-Georg Mayer erinnert sich heute noch gut an die Tanzkapellen. "Ich hatte ein großes Herz für sie", sagt Mayer und erklärt auch warum. "Die waren ständig auf der Flucht, hatten alle zwei, drei Monate ein Engagement in einer anderen Stadt. Dazu kam die Nachtarbeit." Für ein Familienleben sind diese Bedingungen nicht gerade ideal. Wobei Mayer schmunzelnd hinzufügt: "Am Wochenende kam auch mal eine andere Dame in die Wohnung, die den Musikern zur Verfügung gestellt wurde. Da ging schon mal ein Bett kaputt."  

Eine spezielle Tanzkapelle erleben die Besucher im Böckinger Pagoda. Die Tanzbar wirbt mit einer Hauskapelle bestehend aus dem indonesischen Wirt und seiner Familie selbst. Den eigentlichen "Gag" sieht ein Zeitungsbericht aber darin, dass auf den Tischen Telefone stehen, "durch die man mit anderen Gästen in Verbindung treten kann". Wenn man so will, ist das ein früher Vorläufer dessen, wie Menschen heutzutage im digitalen Zeitalter anbandeln. 

In den 1970er-Jahren ändert sich die Form der Unterhaltung

Ab Anfang der 1970er-Jahre wandelt sich dann auch in der Käthchenstadt die Art der Beschallung. Zwar spielen nach dem Umbau des Böckinger Gloria vom Kino zum Tanzcafé zur Wiedereröffnung 1970 noch "The blazers" auf. In Anzeigen, die im Stadtarchiv erhalten sind, tauchen aber erstmals Lokale auf, die mit DJs werben. Im Chez nous in der Weinsberger Straße "wird unser Disc-Jockey Roy Sie bestimmt gut unterhalten". Ähnlich die Diskothek Adriatico in Neckargartach, in der zuvor noch Musiker für Unterhaltung sorgen. Die Macher weisen per Annonce anlässlich einer Wiedereröffnung im November 1972 darauf hin, dass "Sie Disc-Jockey Albert unterhält". 

Blick auf die Bar des It's in der Heilbronner Schellengasse. Foto: HSt-Archiv

Für das Heilbronner Zentrum sind der Club Cousteau und das It's als frühe Anlaufstellen zu nennen. Wobei ersterer, in der Stimme als ein "auf Niveau bedachtes Abendetablissement" bezeichnet, zunächst als Klubzentrum für Unterwasserfreunde dient (Jacques-Yves Cousteau gilt als Pionier der Meeresforschung). Treffpunkte für Gleichgesinnte sind offensichtlich beliebt: Der noch heute in der Stuttgarter Straße existierende Club Blériot geht auf Flugpionier Louis Blériot und den nach ihm benannten Heilbronner Luftsportverein zurück. 

Einen Kurzen für 1,50 Mark

Das It's in der Schellengasse ist zweigeteilt in einen Klubraum mit Bar und eine Diskothek. Ein Stimme-Artikel vom November 1974 beschreibt die Einrichtung der "besonderen Attraktion für Heilbronn" so: "Bewusst wurde auf Popfarben verzichtet und stattdessen eine schwarz-braune Farbkombination gewählt, zu denen noch ausgefallene Hängelampen, Wandteppiche und Plastiken kommen." Der Leser wird zudem über Getränkeangebot und -preise informiert. Den Sauren Fritz, Likör mit Zitronensaft, gibt's für 1,50 Mark, Cognac mit Cola für fünf Mark. 

Der Bart wurde im Laufe der Jahre noch länger: Uli Mögle hier bei einem Engagement im Neckarsulmer "Why not".

Zu den ersten Heilbronner DJs zählt Uli Mögle, wegen seiner üppigen Gesichtsbehaarung von allen nur "Bart" genannt. "Angefangen habe ich im Blériot für 30 Mark am Abend, dann habe ich da und dort aufgelegt - zum Schluss war ich bei 250 Mark." Ab 1976 ist er dann selbst Chef - im St. Trop in Neckargartach. "Um halb acht abends haben schon 200 Leute vor der Tür gewartet, es gab ja nicht so viel. Heute gehen sie erst um Mitternacht weg."

Eine Reihe von Lokaleröffnungen oder -übernahmen folgen, "so 25 bis 35", Mögle weiß es heute selbst nicht mehr so genau. Eine davon ist das "Le Freak", die erste Großraumdisco in der Neckarstadt. "Donnerstag, Freitag und Samstag waren insgesamt bis zu 5000 Leute da." 

Aus Kinos wurden Discos, aus Discos wurden Spielhöllen

Der Rockmusik-Freund hat Höhen ("Die Hauptzeit der Diskotheken war in den 80ern bis Ende der 90er")  und Tiefen erlebt, Geld verdient und verloren. Kurios: Aus mehreren seiner früheren Lokale sind Spielhöllen geworden. Mögle lakonisch: "Das ist der Lauf der Zeit." Mit der Disco-Zeit hat er abgeschlossen, Heilbronn hat das hoffentlich nicht. 

 

 


Tobias Wieland

Tobias Wieland

Onlineredakteur

Tobias Wieland kümmert sich um die onlinespezifische Aufbereitung eigener und fremder Artikel auf Stimme.de. Er erstellt Zeitleisten, Listicles, Grafiken und mehr. 

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