Alle reden übers Klima? Von wegen!

Heilbronn/Region  Tausende Schüler auf der ganzen Welt demonstrieren diesen Freitag für den Klimaschutz. Eltern, Lehrer und Politiker aber diskutieren über die Schulpflicht statt übers Klima. Doch die Schüler in Heilbronn meinen es ernst.

Von Lisa Reiff

Fridays for Future Heilbronn
Die Abiturientin Grit hat die erste Demonstration in Heilbronn angemeldet. Hier spricht sie am 22. Februar über den Klimaschutz.

Leon hat seinem Vater absichtlich nichts gesagt. Er weiß, was sein Vater von den Klimaschutz-Demonstrationen während der Unterrichtszeit hält. Es wird nicht geschwänzt, hätte Leons Vater gesagt. Genau wie nach der ersten Demo in Heilbronn am 22. Februar. Leon aber findet den Schulstreik richtig. Schließlich geht es bei Fridays for Future um den Klimaschutz - und damit um Leons Zukunft, um die seiner Kinder und Enkelkinder. 

Gut zwei Wochen später sitzt der Vater mit Leon am Tisch, um über Fridays for Future zu sprechen. Leon hat zwei Tage unentschuldigt im Unterricht gefehlt. Weil er nicht in Heilbronn wohnt, sondern im Landkreis, fehlt der 17-Jährige für eine Demo den ganzen Tag. Diesen Freitag will er das wieder tun. Der Vater wirkt noch immer angekratzt, obwohl er weiß, dass er seinen Sohn nicht vom Demonstrieren abbringen kann. Über die Schulpflicht diskutiert er oft mit Leon. Über Klimapolitik sprechen sie an diesem Tag zum ersten Mal. 

Keine Antwort auf unbequeme Fragen

Leon ist einer von Tausenden Schülern, die viel öfter über Klimapolitik diskutieren wollen. Auch an diesem Freitag fordern junge Menschen in Heilbronn und laut Veranstalter in mindestens 1650 anderen Städten weltweit Politiker auf, schneller zu handeln. Denn sie haben Angst vor der Zukunft. 

Die Schüler in Heilbronn sagen: Die Politik sieht seit Jahren zu, wie Polkappen und Gletscher schmelzen, der Meeresspiegel steigt und Arten sterben, weil ganze Lebensräume zerstört werden. Wie soll es der Weltgemeinschaft da gelingen, die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu beschränken? 

“Das muss schneller gehen”, findet Leon. Für ihn bleibt die Politik zufriedenstellende Antworten schuldig. Er hört die Erwachsenen nur sagen, die Kids sollten zur Schule gehen. Nicht nur die Politik scheint das eigentliche Thema lieber umgehen zu wollen: Auch Schulleiter geben bisher keine Antwort auf die Frage, was passiert, wenn der Schulstreik noch einige Monate weitergeht. Und Eltern können nicht erklären, warum es falsch sein soll, für die eigenen Überzeugungen einzustehen.

Nichtstun hilft auch nicht

Grit bereitet schon die nächste Demonstration vor. Es ist Sonntagabend, Ende der Faschingsferien, nicht weit entfernt vom Heilbronner Mönchsee-Gymnasium. Zwei Tage zuvor demonstrierten 150 junge Menschen in der Stadt, um den Skeptikern zu zeigen, dass sie nicht schwänzen. Nun steht die dritte Klima-Demo bevor. Die Plakate sind gedruckt: Am 15. März um 11.30 Uhr geht’s am Götzenturm los. 
 


Dieses Mal wird Grit keine Rede halten, sie geht erst nach ihrer Klausur zur Demonstration. Bei der ersten Demo in Heilbronn, die die Abiturientin selbst angemeldet hat, sprach die 18-Jährige vor 400 versammelten Schülern: “Was bringt uns unsere Bildung, wenn wir keine Zukunft haben?”

Da ist sie wieder, die Angst vor der Zukunft. Anders als Leons Vater erkennt sich Grits Mutter in der Forderung der Schüler wieder. 1983 verbrachte sie selbst als Jugendliche Nacht für Nacht bei der Dauerblockade auf der Waldheide, um den Abzug der Pershing-Raketen zu erreichen. “Damals wollten wir keinen Atomkrieg”, sagt die Mutter. Schon zur Zeit des Kalten Krieges war tatenlos auf politische Lösungen warten keine Option. Zu ihrer Tochter sagt sie nur so viel: “Du hast immer zwei Möglichkeiten: Entweder, du handelst oder du schaust zu.”

Überraschende Wendung im Gespräch

Leons Vater lenkt ebenfalls ein wenig ein. Er finde das Engagement seines Sohnes “eigentlich richtig”. Die Schüler sollten aber konkrete Lösungsvorschläge machen. Leon sucht das Grundsatzpapier von Fridays for Future auf dem Handy. Der Text beschreibt, wie das Ziel aus dem Pariser Klimaabkommen erreicht werden könnte. So wollen die Schüler die Politiker wachrütteln. Leon hat bis morgens um 3 Uhr daran mitgearbeitet.

“Ach, deshalb bist du zu spät zur Schule gekommen”, stichelt sein Vater. Wieder schweift die Diskussion von den Klimazielen ab. Der Vater sagt: “Weißt du, was meine Mutter gesagt hat, wenn ich abends fort war und gesoffen hab? Da hieß es, wenn du abends saufen kannst, kannst du auch morgens aufstehen.” Leon ist sich sicher, dass sein Vater nicht von seiner Position abrücken wird.

Von Eltern, die schwer zu überzeugen sind, berichten viele Schüler aus der Region in WhatsApp-Chats. Unter der Bedingung, anonym zu bleiben, schreibt einer: Sein Vater mache sich Sorgen, die jungen Menschen könnten zugunsten radikaler Ideen manipuliert werden. Andere Eltern würden ihre Kinder nur zur Demonstration gehen lassen, wenn die Noten besser wären.

Mehr zum Thema: Seit Monaten streiken Schüler fürs Klima. Jetzt werden sie von mehr als 12.000 Wissenschaftlern offiziell unterstützt. Eine Unterschriftenliste wird heute in Berlin übergeben. Aber auch in Heilbronn nutzen Jugendliche den Tag, um ihre Forderungen zu äußern

Schulen stecken im Zwiespalt

Die Schulen selbst stehen vor einem anderen Problem. Bei Demonstrationen in der Unterrichtszeit kollidieren das Recht auf Versammlungsfreiheit mit der Pflicht zum Schulbesuch. Und obwohl die Schüler laut Bildungsauftrag zu verantwortungsbewussten Bürgern erzogen werden sollen, die fähig sind, nach demokratischen Grundsätzen zu handeln, stellt Landeskultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) klar: „Dieser Einsatz für unseren Planeten ist wichtig und nachvollziehbar, er kann aber auch in der unterrichtsfreien Zeit stattfinden.“ 

Welche Konsequenzen die Schulen ziehen, entscheiden sie selbst. Andreas Mayer, Schulleiter am Mönchsee-Gymnasium Heilbronn, sagt: “Ich finde es begrüßenswert, dass sich die Schüler für solche Themen einsetzen.” Mit schlechten Noten müssen sie erst rechnen, wenn sie unentschuldigt bei Klassenarbeiten fehlen. Darauf haben sich weiterführende Schulen in der Region geeinigt. Dem entgegen steht ein Fall, von dem mehrere Quellen berichten. Eine Lehrkraft habe streikenden Schülern eine Sechs in Mündlich angedroht. Das ist rechtlich nicht zulässig.

Mehr zum Thema: Beim weltweiten Aktionstag "Fridays for Future" gingen auch in Künzelsau und Möckmühl Schüler auf die Straße

Leon hat Glück. Er darf an seiner Schule ausnahmsweise eine verpasste Englischarbeit nachschreiben. Er sagt: Hätte er eine Sechs bekommen, wäre er trotzdem demonstrieren gegangen. 

Was passiert, wenn die Schüler länger streiken? Schulleiter Mayer hat keine Antwort. Er wiegelt ab, dass er gespannt sei, ob es Fridays for Future-Demonstrationen nach den Sommerferien überhaupt noch gebe. 

Zugegeben: Die Argumente sind gut 

Ungefähr 15 Schüler organisieren die Demos in Heilbronn. Sie tun alles dafür, dass es die Demos auch nach den Sommerferien noch gibt. Auch wenn es schwieriger wird, regelmäßig Hunderte zu mobilisieren.

Mit Aktionen zum Klimaschutz wollen sie das schaffen: Deshalb veranstalten die Schüler im Anschluss an die bevorstehende Demonstration eine Kleidertauschparty. Bald soll es auch eine Foodsharing-Aktion geben. Damit schaffen die Schüler etwas, was vielen Lehrern im Unterricht aus ihrer Sicht nicht gelingt: Zusammenhänge in der globalisierten Welt verdeutlichen, Politik in den Alltag holen. Grit sagt: “Wir behandeln den Klimawandel in verschiedenen Fächern, aber oft kratzen wir nur an der Oberfläche.”

Eine Generation der Widersprüche geht auf die Straße

Ein Widerspruch taucht immer wieder in der Debatte über Fridays for Future auf. Die meisten Eltern, Lehrer und Politiker reden übers Schuleschwänzen statt über Klimaschutz. Mit diesen Widersprüchen wächst die junge Generation auf. 

Soll man lieber eingeschweißte Gurken kaufen, weil die einen besseren ökologischen Fußabdruck haben? Sind Plastikflaschen schlechter für die Umwelt oder Glasflaschen? Kann man fürs Klima demonstrieren und trotzdem mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegen? 

Die Schüler wissen, dass sie als Konsumenten in der Verantwortung stehen. Sie könnten das Angebot durch ihre Kaufentscheidungen aber nur langfristig beeinflussen. Der andere Teil liege in den Händen der Politik: Sie muss nach Ansicht der Schüler dafür sorgen, dass sich alle Konsumenten nachhaltige Produkte im Alltag leisten können. Die 18-jährige Wynonna sagt: “Demonstrieren regt die Diskussion an, aber wir müssen eine gemeinsame Lösung finden. Solange es keine Personen gibt, die sich gegenseitig bei der Umsetzung kontrollieren, geht’s nicht weiter.”

Denkpausen bereichern die Diskussion

Ja, über Klimaschutz zu sprechen, kann anstrengend sein. Man kann die Diskussion abwürgen, indem man behauptet, einen vom Menschen verursachten Klimawandel gebe es nicht. Wissenschaftliche Erkenntnisse belegen unseren Einfluss auf die Erderwärmung. Deshalb haben in dieser Woche rund 19.000 Wissenschaftler die Petition Scientists for Future unterzeichnet. Sie sagen: Die Sorgen der Schüler sind gerechtfertigt.
 


Deshalb fordern Schüler ihre Eltern heraus: Grits Vater hat für seine Geburtstagsfeier weniger Dekoration gekauft, denn Grit ist der Meinung, die Deko werde sowieso nur wieder weggeworfen. Leon und sein Vater werden sich noch nicht einig. Leon macht weiter: Nächsten Freitag will er mit dem Zug nach München fahren und für Klimaschutz demonstrieren.

Bei Fridays for Future geht es nicht allein ums Schwänzen oder Streiken. Es geht auch darum, aber nicht nur. Vor allem geht es um die Zukunft folgender Generationen. Deshalb ist es Zeit, sich auf die Diskussion einlassen - so wie Leons Vater es getan hat. Mitten im Gespräch muss er über die Argumente seines Sohnes nachdenken und zugeben: „Die machen sich schon Gedanken.“ Wenn die Schüler an einem Samstag demonstrieren würden, würde er auch zur Demo kommen.

 


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