Achtung Billig-Knie

Region  Orthopäden warnen: Der Preis, nicht die Qualität entscheide immer häufiger darüber, welche Implantate zum Einsatz kommen.

Von Valerie Blass
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Das Einsetzen eines neuen Kniegelenks ist ein Eingriff, der gut vergütet wird.

Foto: A. Mitiuc/stock.adobe.com

Für Patienten bedeutet ein neues Knie- oder Hüftgelenk im Idealfall wieder mehr Lebensqualität, für Kliniken bringt ein solcher Eingriff hohe Erlöse: Nach SLK-Auskunft liegt der Betrag, den Kliniken für eine Knie-Totalendoprothese (TEP) von den Krankenkassen erhalten, bei 6000 bis 12 000 Euro, eine Hüft-TEP wird mit 6500 bis 9000 Euro vergütet. Die Eingriffe gehören zu den lukrativsten im Klinikbetrieb.

Wird in Deutschland zu viel operiert?

Wird deshalb zu viel operiert, sogar in Fällen, in denen das gar nicht nötig wäre? Diese Annahme steht seit Jahren im Raum - und Deutschland liegt bei den Eingriffsraten konstant weit vorn im Vergleich der industrialisierten Länder. Der finanzielle Druck, unter dem Kliniken stehen, wächst indes weiter: Über die Hälfte der Einrichtungen schreibt rote Zahlen. Wie wirkt sich das auf die Versorgung von Patienten aus?

Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) warnte jetzt bei einem Fachkongress in Baden-Baden: Es gebe mittlerweile eine Reihe von Häusern, in denen Mediziner nur noch eingeschränkt in die Auswahl von Implantaten einbezogen oder vor einem Herstellerwechsel zu Rate gezogen würden. DGOU-Vizepräsident Carsten Perka von der Berliner Charité fürchtet, dass immer häufiger kaufmännische Abteilungen nach finanziellen Kriterien darüber entscheiden könnten, welche Implantate zum Einsatz kommen. Der Grund liegt auf der Hand: Die Preisspanne für konventionelle Knie-Implantate liegt laut Perka zwischen 400 und 1800 Euro - bei konstanten Erlösen. Ergo: Je günstiger das Implantat ist, desto mehr Geld bleibt bei der Klinik hängen.

Operateure müssen erst lernen, mit neuen Implantat-Systemen umzugehen

Die Entscheidung "lass uns doch lieber das Preiswertere kaufen" werde da in so mancher Einrichtung schnell gefällt, mutmaßt Perka - wenn auch zulasten der Qualität. Mögliche Folgen für den Patienten: kürzere "Standzeiten". Das heißt, das Implantat muss rascher wieder gewechselt werden, etwa weil es sich lockert oder Beschwerden wie Schmerzen auftreten.

Hinzu kommen die Herausforderungen für Operateure. Der häufige Wechsel von Implantat-Systemen berge Risiken, sagt Perka. Denn mit jeder neuen Endoprothese müsse sich das komplette OP-Team umstellen, den Umgang damit einüben, "das ist eine Lernkurve". Mit Implantat-Wechseln gingen deshalb auch häufig "erhöhte Revisionsraten" einher: Der Patient muss noch einmal operiert werden.

SLK-Chefarzt plädiert dafür, auf bewährte Produkte zu setzen

Professor Michael Haake vom SLK-Klinikum am Plattenwald teilt die Sorge seines Kollegen. "Wenn ich als Operateur etwas Neues einsetze, ist das eine Wette auf die Zukunft", sagt er. Und zwar aus zwei Gründen: "Mehrere Dutzend Leute in der Klinik müssen ein neues System erst kennenlernen" - das dauere bis zu zwei Jahre. Und: Neue Endoprothesen sind nach Haakes Auffassung nicht automatisch besser. Um herauszufinden, ob ein neues Implantat tatsächlich Vorteile gegenüber etablierten Produkten bietet, brauche es "Forschung am Patienten unter kontrollierten Bedingungen" und viel Zeit: Erst nach fünf bis zehn Jahren könne man beurteilen, ob es tatsächlich gut sei. "Wir denken zwar, etwas sei besser, aber das ist nur die Theorie. Man muss ausprobieren, ob sich die Annahmen in der Praxis, also am Menschen, bewahrheiten."

Was Haake nicht teilt, ist die Sorge, dass die kaufmännische Abteilung den Ärzten die Entscheidungskompetenz bei der Implantatauswahl aus der Hand nehmen könnte: "Mir ist nicht bekannt, dass jemand gezwungen wird, ein Produkt zu verwenden, nur weil es günstiger ist." Die Gefahr, wegen falscher Anreize unnötig zu operieren, sieht er jedoch auch: "Unser Gesundheitssystem funktioniert über Mengenausweitung und wegen des steigenden finanziellen Drucks gibt es auch einen immer größeren Produktionsdruck."


Geeignete Klinik

Bei Unsicherheit darüber, ob eine Operation überhaupt nötig ist, rät Michael Haake dazu, sich die Meinung eines zweiten Facharztes einzuholen und zu prüfen, ob die zur Auswahl stehende Klinik nach EndoCert zertifiziert ist − das ist ein Siegel der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie. Unstrittig ist auch das Kriterium Masse: Je mehr Knie oder Hüften ein Operateur einsetzt, desto geübter ist er − Routine und Erfahrung wirken sich auf die Ergebnisqualität aus. Wenn es um die Qualität einer Einrichtung geht, sei häufig auch der Physiotherapeut ein guter Ratgeber, sagt Carsten Perka. Denn der sehe eine große Menge an Patienten vor und nach Eingriffen und habe so einen Überblick über den langfristigen Erfolg von Operationen.


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