Abraham Gumbel: Revolutionärer Bankier, Sozialdemokrat und Pazifist

Heilbronn  Abraham Gumbel war Mitbegründer des sozialdemokratischen Ortsvereins und der Volksbank. Außerdem führte er die Heilbronner Friedensbewegung an. Der Mann, der tiefe Spuren hinterließ, war lange Zeit vergessen.

Von Christian Gleichauf
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Das Foto links zeigt die ehemalige Herberge zur Krone (rechts neben der Kilianskirche). Sie war ab 1860 im Besitz von Isaak Gumbel. 1906 ließ Gumbel das alte Haus abreißen und durch einen repräsentativen Bau ersetzen. Fotos: Stadtarchiv Heilbronn

Wenn der Sohn eines bekannten Bankiers als linker Aktivist unterwegs ist, dann mag man das als jugendlichen Idealismus abtun. Wenn dieser Sohn später auch als Banker sich für eine Börsensteuer stark macht, als Bankchef die von ihm geführte Bank für einfache Leute öffnet, weiter politisch Stellung bezieht und in einer bewegten Zeit das amtierende Staatsoberhaupt öffentlich angreift, dann ist das schon äußerst unkonventionell. Der revolutionäre Banker hieß Abraham Gumbel und genoss Anfang des 20. Jahrhunderts im gesamten Unterland höchstes Ansehen. Mitgründer der SPD in der Stadt, Finanzier einer neuen Zeitung, Gründer der Volksbank, Anführer der Friedensbewegung. Die Frage ist: Warum ist er über so viele Jahrzehnte in Vergessenheit geraten?

Ulrich Maier hat vor sechs Jahren für die Reihe "Heilbronner Köpfe" einen Beitrag über Abraham Gumbel geschrieben. Der ehemalige Deutsch- und Geschichtslehrer am Weinsberger Justinus-Kerner-Gymnasium, der inzwischen in Sipplingen lebt, hat für das lang anhaltende Desinteresse nur ansatzweise eine Erklärung: "Er war unbequem." Was Maier aus den Archiven zutage förderte, ließ aber auch ihn aufhorchen.

Wo einst schon Götz von Berlichingen hauste

Abraham Gumbel, geboren am 21. Oktober 1852 in Stein am Kocher, gestorben am 25. Dezember 1930 in Heilbronn.

Gumbel stammte aus einer jüdischen Familie. Sein Großvater, der ebenfalls Abraham hieß, war Wirt des "Schwarzen Adlers" in Stein am Kocher. Dessen Sohn Isaak machte mit Bankgeschäften sein erstes Geld und zog 1860 mit seiner Familie nach Heilbronn, wo er die Bürgerrechte erhielt und die ehemalige Herberge zur Krone direkt am Marktplatz neben der Kilianskirche kaufte. Dort, wo einst schon Götz von Berlichingen gelebt haben soll, gründete Isaak Gumbel gemeinsam mit seinem Bruder Moses, der sich Max nannte, eine Bank.

Ab dem 15. Jahrhundert hatten Juden keine Chance mehr, in Heilbronn Fuß zu fassen. Das hatte sich erst mit den sogenannten Emanzipationsgesetzen und der rechtlichen Gleichstellung der Juden in Württemberg 1828 geändert. Die neuen Rechte wusste Gumbel selbstbewusst zu nutzen, wollte sich aber auch in die Gesellschaft eingliedern - "wie viele Juden zu jener Zeit", betont Ulrich Maier. Vieles ging allerdings weit über den üblichen Versuch der "Assimilation" hinaus.

Im Jahr 1877 gründete Abraham Gumbel mit dem Schreiner Gustav Kittler einen sozialdemokratischen Ortsverein

Nach seinem Besuch des Karlsgymnasiums arbeitete Abraham in der Bank seines Vaters. Nebenbei gründete er 1877 gemeinsam mit einem gewissen Schreinermeister Gustav Kittler einen sozialdemokratischen Ortsverein und war somit Mitbegründer der SPD in der Region. Ein Jahr später verfasste er ein Flugblatt, für das Kittler sogar mehrere Wochen ins Gefängnis ging.

Nach einigen Jahren in Reutlingen und wahrscheinlich auch in Paris kehrte Gumbel 1887 zurück nach Heilbronn, wo er erst einmal aus der SPD austrat. "Jude und Sozialist, das wäre nach Ansicht des Vaters damals wohl etwas zu viel gewesen", vermutet Ulrich Maier. Trotzdem blieb Gumbel den Genossen im Hintergrund verbunden.

Losgelöst von Konventionen und Erwartungshaltungen

Auch als Bankier hielt sich Abraham Gumbel nicht an Konventionen und Erwartungshaltungen. Schon vor seiner Rückkehr nach Heilbronn hatte er sich in einem Artikel für die 1885 eingeführte Börsensteuer ausgesprochen - und damit eine Debatte in der SPD losgetreten, die diese Steuer schon deswegen ablehnte, weil Reichskanzler Bismarck sie eingeführt hatte. Solcherlei Ideologie schien Gumbel fremd, selbst wenn sie indirekt auch das Geschäft der eigenen Familie betraf.

Isaak Gumbel hielt Abraham trotz oder auch wegen dieser Überzeugungen für den geeigneten Nachfolger als Bankchef. Und Abraham machte nach Übernahme der Geschäfte 1889 seine frischvermählte Frau Elise gleich zur Prokuristin.

Gumbel wurde zum Nachfolger seines Vaters als Bankchef

Die Linie des Vaters führte er fort, indem er Spekulationsgeschäfte ablehnte. Das wurde zu einem Pluspunkt, als 1901 die Heilbronner Gewerbebank infolge von Spekulationsverlusten zusammenbrach. Ausdrücklich schloss das Bankhaus "Gumbel am Markt" solche Spekulationsgeschäfte aus - und es war nicht zu seinem Nachteil. Die Geschäfte liefen gut. Abraham Gumbel ließ 1906 das alte Geschäftshaus neben der Kilianskirche abbrechen und durch einen imposanten Neubau ersetzen.

Nach einer kurzen Liaison mit einem Stuttgarter Bankhaus und der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft entschied sich Gumbel für einen anderen Weg: Er trennte sich vom Partner und firmierte seine Privatbank in den "Heilbronner Bankverein" um: Ab jetzt können sich erstmals Privatleute an einer Heilbronner Bank beteiligen. Rund 100 Kapitalgeber brachten das Stammkapital von 600.000 Mark auf.

Nach dem Tod des Sohnes engagierte er sich in der Friedensbewegung

Der Erste Weltkrieg begann für die Familie - Abraham und Elise Gumbel hatten zwei Söhne und eine Tochter - mit dem Tod des ältesten Sohnes Max in den ersten Kriegswochen. Ein Schicksalsschlag, der Gumbel in seiner pazifistischen Grundeinstellung bestärkte. Innerhalb weniger Jahre wurde er zum "führenden theoretischen Kopf" der Deutschen Friedensgesellschaft in Heilbronn.

Auch publizistisch blieb Abraham Gumbel aktiv. Mit seiner finanziellen Unterstützung hatte die SPD 1908 das "Neckar-Echo" gegründet - übrigens, schon da wurde die Finanzierung der Druckerei genossenschaftlich organisiert. Mit dem Chefredakteur der linken "Sonntags-Zeitung" Erich Schairer (der nach dem Krieg Chefredakteur der "Stuttgarter Zeitung" wurde) verband ihn ein enges Verhältnis. In verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften bezog er Stellung gegen die in der übrigen Presselandschaft geleugnete deutsche Kriegsschuld. Gumbel nahm unter dem Pseudonym Emel kein Blatt vor den Mund. Als er 1924 bei der nationalliberalen Deutschen Volkspartei dazu sprechen wollte, wurde er niedergebrüllt, seine Ausführungen als "kommunistisch" beschimpft.

Angst vor einem neuen Krieg

Dabei ging es Abraham Gumbel nicht nur um die akademische Frage, wie der Erste Weltkrieg ausbrechen konnte. Er fürchtete einen neuen Krieg, das Erstarken der monarchistischen und nationalistischen Kräfte. Wie recht er behalten sollte. 1930 starb er im Alter von 78 Jahren allerdings, bevor die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Begraben wurde er auf dem Hauptfriedhof. Die Volksbank ließ 1960 die Ruhezeit noch einmal um 15 Jahre verlängern. Doch als diese 1975 abgelaufen war, hatten offenbar weder SPD noch Friedensbewegung ein Interesse daran, was daraus wird. Die Volksbank gab das Grab 1975 zurück. Es sollte noch mehr als 30 Jahre dauern, bis der Name Abraham Gumbel wieder in Erinnerung gerufen wurde. 2013 wurde mit dem Neubau der Volksbank an der Allee der Abraham-Gumbel-Saal eingeweiht.

Würdigung in der Volksbank

Als die Volksbank vor wenigen Jahren die Treppenhäuser ihres Neubaus mit Gumbel-Zitaten schmücken wollte, war wenig zu finden, was in die Zeit und zum Institut passte. Der Historiker Ulrich Maier suchte zwar ein paar Sätze heraus, doch die meisten hätten bei Besuchern wohl Fragezeichen hinterlassen. Etwa dieser Spruch: "Unser Geld wird täglich schlechter. Je schlechter es aber wird, umso mehr steigen die Aktienkurse, umso mehr wird an der Börse gespielt - und gewonnen!" Die Volksbank beschränkte sich auf zwei Aussagen: "Man müsste zurückkehren zu den Methoden der guten, ehrlichen Zeit", heißt es in einem Treppenhaus. In einem anderen: "Und wenn ihr euch nur selbst vertraut, vertrauen euch auch andere Seelen." Daneben erschienen Zitate der Genossenschafts-Gründerväter Hermann Schulze-Delitzsch und Friedrich Wilhelm Raiffeisen deutlich griffiger.

 

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