Abitur auch ohne Abschlussprüfung denkbar

Region  Trotz des massiven Unterrichtsausfalls soll dieses Schuljahr gewertet werden. Darauf haben sich die Kultusminister verständigt. Im Notfall könnten Schüler demnach das Abitur auch ohne Abschlussprüfung machen. Aus der Region gibt es unterschiedliche Reaktionen.

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Die Ungewissheit macht Jugendlichen zu schaffen

Deutsch-Abitur im Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium: Viele Jugendlichen wissen nicht, ob die Prüfungen wie geplant stattfinden.

Foto: Archiv/Berger

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) schließt eine Wiederholung des Schuljahrs aus - trotz des des massiven Unterrichtsausfalls. "Das Schuljahr 2019/2020 wird auf jeden Fall gewertet", sagte Stefanie Hubig (SPD) den Zeitungen des "Redaktionsnetzwerks Deutschland". Auch das Abitur sieht die KMK-Chefin und rheinland-pfälzische Bildungsministerin nicht in Gefahr. 

Bislang geht das baden-württembergische Kultusministerium davon aus, dass die zentralen Schulprüfungen, darunter das Abitur, vom 18. Mai an trotz der Corona-Krise stattfinden können. Dennoch bereite man sich auf unterschiedliche Szenarien vor, um auf alle Situationen angemessen reagieren zu können, teilte eine Sprecherin von Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) am Dienstag mit.

Eine Möglichkeit, auf die sich die Kultusminister verständigt haben, ist folgende: Zur Not könnten Schüler das Abitur auch ohne Abschlussprüfung machen. In der Region fällt die Reaktion darauf unterschiedlich aus. Unterdessen sollen in Schleswig-Holstein in diesem Jahr keine Prüfungen stattfinden. 

Jugendliche sprechen von nicht wirklich optimaler Situation

Am Albert-Schweitzer-Gymnasium (ASG) Neckarsulm strebt Kyra Hochadel das Abitur an. "Die ganze Situation gerade ist für uns nicht wirklich optimal", berichtet sie. Das Schlimmste sie die Ungewissheit. "Keiner weiß, wann unsere Prüfungen stattfinden, ob sie überhaupt stattfinden." Jeder Tag sei eine Herausforderung. Sie kann sich nicht vorstellen, ein Abi ohne Abschlussprüfungen zu erhalten. "Ich denke, dass ich die Prüfungen trotz allem schreiben möchte." Schließlich bereite sie sich seit mehreren Monaten darauf vor.

 

„Ich denke, dass ich die Prüfungen trotz allem schreiben möchte.“

von Kyra Hochadel

 

Vanessa Schihwetz, die ebenfalls am ASG das Abitur machen will, sieht das genauso. "Meiner Meinung nach sollten wir als Abiturienten auch ein Abitur schreiben." Es sei eine Ausnahmesituation. "Dennoch finde ich es nicht gut, wenn wir das Abitur nicht schreiben dürften, da wir nach der Schulzeit dann nicht dieselben Voraussetzungen in der Arbeitswelt erleben wie die Jahrgänge vor oder nach uns."

Die ersten Verträge sind schon unterschrieben

Da bisher lediglich drei Wochen des Unterrichts ausfallen sollen, begrüßt ASG-Schüler Jonathan Diebel die Entscheidung. "Ich finde es richtig, dass eine Wiederholung des Schuljahres nicht mehr im Raum steht." Die Mehrheit der Abiturienten habe schließlich bereits feste Pläne, wie es nach den Abschlussprüfungen weitergehen soll. "Teilweise wurden sogar schon entsprechende Verträge unterschrieben."

 

„Ich finde es richtig, dass eine Wiederholung des Schuljahres nicht mehr im Raum steht.“

von Jonathan Diebel

 

Zu der aktuellen Debatte um ein Abitur ohne Abschlussprüfungen ergänzt er: "Der Unterricht fand lange genug regulär statt, sodass wir schon vor den Corona-Ferien in den meisten Leistungskursen mit den prüfungsrelevanten Inhalten fertig wurden." Jonathan Diebel denkt, dass die Abschlussprüfungen in normaler Weise stattfinden könnten und sollten.

Schulleiter bezeichnet es als "Stadtlauf ohne Zeitnahme"

Wolfgang Roll, Schulleiter am Technischen Gymnasium Öhringen, hofft, dass Prüfungen geschrieben werden. "Das wäre sonst wie ein Stadtlauf ohne Zeitnahme", findet er ein treffendes Bild. Die Schüler, glaubt er, brauchen eine Rückmeldung, wo sie stehen. Zudem, das hätten die Ergebnisse der vergangenen Jahre gezeigt, sei der Schnitt in den Abschlussprüfungen meist einen kleinen Tick unter dem der Klassenarbeiten. Für eine Vergleichbarkeit der Ergebnisse plädiert Roll somit für Prüfungen. "Am liebsten zum vorgesehenen Termin."

Harald Schröder, Kreis-Vorstandssprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, begrüßt die Entscheidung, das Schuljahr zu werten. Alles andere wäre "bitter und ungerecht", es würde zu Frust und Unzufriedenheit führen. In besonderen Zeiten müsse man "flexible Lösungen" finden.

Direktoren-Sprecher begrüßt Plan B

Auch Marco Haaf hofft zunächst einmal, dass alle Jugendlichen Prüfungen schreiben können. Die Gymnasiasten hätten zwölf Jahre darauf hingearbeitet und sollten kein Zeugnis zugesteckt bekommen, sagt Haaf, der das ASG leitet und Bezirkssprecher der Direktorenvereinigung Nord-Württemberg ist. Der Direktor betont: „Keiner von uns weiß, wie sich die Lage weiterentwickelt. Deshalb ist es gut, dass es einen Plan B gibt.“

Auch an anderen Schularten ist die Ungewissheit über Abschlüsse Thema

Melanie Haußmann, geschäftsführende Schulleiterin für die Heilbronner Grund-, Haupt-, Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschulen, sagt, dass vieles noch gar nicht abzuschätzen sei. „Im Moment arbeiten wir so, als würde es nach Ostern weitergehen. Das wäre auch für die Realschüler, die ihren Abschluss machen, nicht das große Problem.“ Digitale Möglichkeiten böten sehr viel, „aber bislang haben wir keine Erfahrung mit school of the air wie etwa in Australien, wo die Kinder langfristig aus der Ferne unterrichtet werden.“

 

„Man kann sich nur schwer motivieren, wenn man nicht weiß, wann und wie es genau weitergeht.“

von Emma Hofstetter

 

Emma Hofstetter aus Obersulm lernt derzeit für ihren Realschulabschluss. Es fällt ihr nicht leicht. „Man kann sich nur schwer motivieren, wenn man nicht weiß, wann und wie es genau weitergeht.“ In manchen Fächern wünscht sich die 16-Jährige eine intensivere Betreuung, als das via Internet möglich ist. Deshalb und weil ihr Jahrgang ohnehin so viele Nachteile in Kauf nehmen müsse, findet sie einen Abschluss ohne Abschlussprüfung gar nicht so schlecht.

„Für mich wäre der Realschulabschluss ohne Prüfungen nicht so praktisch“, sagt hingegen Lukas Sulek. Der 15-Jährige strebt den Abschluss an der Heilbronner Fritz-Ulrich-Gemeinschaftsschule an: „Wir haben noch nicht einmal alle regulären Arbeiten geschrieben, und ich würde mit den Prüfungen sicher noch meine Noten verbessern.“

 

 


Simon Gajer

Simon Gajer

Autor

Simon Gajer kam im Jahr 2000 erstmals zur Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat und einem Jahr als freier Journalist in den USA ist er seit Herbst 2003 zurück in der Region: Zurzeit sucht er nach spannenden Themen in Neckarsulm, Ilsfeld, Untereisesheim und Weinsberg.

Yvonne Tschwerwitschke

Yvonne Tscherwitschke

Autorin

Yvonne Tscherwitschke ist seit 1994 bei der Heilbronner Stimme. Als gebürtige Hohenloherin weiß sie, welche Geschichten die Hohenloher interessieren.

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