80 Jahre Pogromnacht: Heilbronner OB appelliert gegen Hass

Heilbronn  Anlässlich des 80. Jahrestags der Reichspogromnacht mahnt der Heilbronner Oberbürgermeister bei einer Gedenkfeier zur Wachsamkeit bei neuem Antisemitismus.

Von Kilian Krauth
80 Jahre Pogromnacht: OB mit Appell gegen Hass

Dort, wo 1938 die Heilbronner Synagoge brannte, an der Allee 4, legte OB Harry Mergel (Mitte) mit seinem Vorgänger Helmut Himmelsbach (rechts) am Freitag einen Kranz nieder.

Foto: Matthias Heibel

Der 9. November ist ein Schicksalstag der Deutschen. 1989 fiel die Berliner Mauer. 1918 brach die Revolution aus. 1923 fand der "Hitler-Putsch" statt, 1938 die Reichspogromnacht, mit der die Diskriminierung von Juden durch die Nazis in Misshandlung und Vernichtung überging, auch in Heilbronn.

Die Verpflichtung, den Mund aufzumachen

80 Jahre danach sprach Oberbürgermeister Harry Mergel von einem "Tag der Schande", aber auch der Mahnung. "Gerade in Zeiten, in denen wir in unserem Land einen zunehmenden Antisemitismus feststellen", so der OB, müssten Tage wie diese Denkanstöße und Orientierung für gegenwärtige Herausforderungen geben. Deshalb dürfe es nicht beim Erinnern bleiben, auch nicht beim "Schuldbekenntnis". Vielmehr erwachse aus dem 9. November "die Verpflichtung, wachsam zu sein, die Augen offen zu halten - wichtiger noch: den Mund aufzumachen".

Erstmals hatte ein Heilbronner OB zur offiziellen Pogrom-Gedenkfeier ins Rathaus geladen. Bisher hatte man dies Friedensaktivisten, Kirchen, dem Freundeskreis der Synagoge und Antifaschisten überlassen. So zeigte sich Avital Toren von der jüdischen Gemeinde "dankbar für diesen würdigen Rahmen, der mich emotional berührt hat": mit Klezmer von 16 Klarinettisten der Musikschule, mit dem Hauptvortrag von Archivdirektor Professor Dr. Christhard Schrenk und mit der Kranzniederlegung an der Allee 4, dort, wo einst die Synagoge stand.

Führung zu verfolgten jüdischen Familien

Neben dem OB legte Anastasia Kosak von der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft einen Kranz nieder. "Als Zeichen der Solidarität und weil auch wir unter den Nazis zu leiden hatten." 200 Besucher nahmen an den Feierlichkeiten teil, darunter Gila Seewi. Sie war von einer vorausgegangenen Führung zu Stolpersteinen angetan, bei der Pfarrer Günther Spengler die Rolle jüdischer Familien für die Stadtgesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts beleuchtete. Während Spengler dabei auch Interesse für eine thematisch verwandte Ausstellung in der Kilianskirche weckte, sprach Festredner Schrenk im überfüllten Großen Ratssaal über "Ein Jahrtausend jüdisches Leben in Heilbronn - eine wechselvolle Geschichte".

1939 war für Juden nicht die einzige Katastrophe

Der Pogrom von 1938, der in Heilbronn erst am 10. November stattfand, sei "nicht die einzige Katastrophe" gewesen. Seit ihrer Ersterwähnung in der Lohtorstraße anno 1050 seien Juden in der Stadt immer wieder zu Sündenböcken gemacht worden: zunächst wegen Krankheiten, später wegen ihrer Erfolge als Händler und Geldgeber, bei denen sich so mancher verschuldete. Phasen der Stabilisierung wie nach 1414 durch einen königlichen Schutzbrief folgten solche der Verfolgung und Unterdrückung wie etwa zur Reformation und im Dreißigjährigen Krieg. Eine gewisse Entspannung setzte mit der Aufklärung ein und mit der Eingliederung der Reichsstadt ins Königreich Württemberg. Von der Blüte jüdischen Lebens zeugte 1877 der Synagogenbau, von der Auslöschung 1938 dessen Zerstörung. Dass 2004 wieder eine jüdische Gemeinde gegründet werden konnte, ist für Schrenk "eine Sternstunde der Stadtgeschichte".

 


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