Von Ilsfeld aus tausende Kilometer ins Ungewisse

Ilsfeld  Per Anhalter, Zug und Motorrad: Laura Ponzo und Jonas Hehl sind seit sechs Monaten über den Landweg nach Asien gereist, wegen Corona sind sie nun in Vietnam gestrandet. Route und Länge der Rückreise stehen noch nicht fest.

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Seit drei Jahren sind Jonas Hehl und Laura Ponzo ein Paar. Die lange Reise in die Ferne habe sie noch enger zusammengeschweißt, sagen sie.

Fotos: privat

Mit dem Daumen gen Osten an der Raststätte Wunnenstein hat ihre lange Reise begonnen: Jonas Hehl aus Ilsfeld-Wüstenhausen und seine Freundin Laura Ponzo wählten vor einem halben Jahr, Ende November 2019, den Weg ohne Flugzeug, um die Welt im fernen Osten zu erleben.

Anders als geplant 

"Eigentlich wollten wir über den Landweg nach Indien und dort im sozialen Bereich einige Zeit arbeiten", sagt der 22-Jährige, der vergangenes Jahr seinen Meister in Elektrotechnik gemacht hat. "Dann hat sich schnell herausgestellt, dass unsere Reise auf schöne Art und Weise ganz anders verläuft als geplant", fügt Laura Ponzo hinzu.

Ende März, drei Tage bevor Vietnam die Grenze zu China wegen der Corona-Krise dicht machte, reiste das Paar nach Vietnam aus. Dort leben die beiden jetzt seit zwei Monaten.

Langsames, nachhaltiges Reisen ist beliebt

"Slow Travel", das bewusste, langsame Reisen ohne das umweltschädigende Flugzeug, gilt seit Jahren als nachhaltiger Trend. Dass der Weg das Ziel ist, zeigt die Reise von Laura und Jonas, die noch lange nicht zu Ende ist: Per Anhalter ging es durch Deutschland nach Warschau, mit dem Bus über das Baltikum nach Sankt Petersburg, mit der transsibirischen Eisenbahn über Moskau in die Mongolei.

"Wir wollten langsamer und tiefer in die Kulturen eintauchen", sagt die 23-jährige Französin, die Geschichte studiert hat und sechs Monate vor Reisebeginn aus dem Burgund nach Ilsfeld gezogen war.

Zelten und "Sofasurfen"

Von Ilsfeld aus auf dem Landweg tausende Kilometer ins Ungewisse

In China und Vietnam übernachteten die beiden die meiste Zeit im Zelt. Hier haben sie ihr mobiles Zuhause auf der nordvietnamesischen Insel Cat Ba aufgeschlagen.

Von Ulan-Bator ging es für das Paar mit dem Zug nach Peking und nach Kunming in den Süden Chinas. In Vietnam fanden die beiden bei einer Familie Unterschlupf, in ihrem Garten durften sie zelten. Wegen der Ausgangssperren wurden aus geplanten zwei Nächten dort zwei Monate. In ihrem Blog auf ihrer Internetseite berichten die beiden darüber. 

Außer in ihrem Zelt findet das Pärchen Schlafgelegenheiten per "Couchsurfing", ein Konzept, nach dem Gastgeber Reisenden umsonst eine Unterkunft anbieten. "Wir haben immer freundliche Leute getroffen, denen wir vertrauen konnten", sagt Ponzo. Wo und wie sie übernachten, entscheiden sie meist spontan. Ihr Budget ist klein: Derzeit, in Vietnam, kommen sie mit 1,50 Euro pro Tag aus.

Bei minus 35 Grad zur Unterkunft gerannt

Von Ilsfeld aus auf dem Landweg tausende Kilometer ins Ungewisse

Vor allem wegen der herzlichen Menschen hat es den Abenteurern in Russland besonders gut gefallen. Das Foto zeigt sie auf einer Straße nahe des Baikalsees in Sibirien.

Die beiden berichten von Abenteuern und Skurrilitäten: In Russland etwa mussten sie einmal, erzählt Hehl, "bei minus 35, gefühlt minus 45 Grad wegen einer Busfahrt in die falsche Richtung eine halbe Stunde nach Hause rennen". Und in China sollten sie sich täglich bei der Polizei melden, weil sie keine offiziellen Unterkünfte nutzten.

Doch insgesamt, etwa wenn ihr Motorrad, Sissy genannt, in Vietnam einen Platten hat, erleben sie: "Wenn uns was scheinbar Negatives passiert, machen wir oft die schönsten Erfahrungen: Wir werden zum Essen eingeladen, lernen neue Menschen und Wege kennen."

Europa schätzen gelernt

Gerade wohnen sie in einer Englischschule in Da Nang, einer Küstenstadt in der Mitte Vietnams, wo sie einmal die Woche Kinder unterrichten und dafür umsonst übernachten können.

Auf die Frage nach Gemeinsamkeiten zwischen Ilsfeldern und Menschen in Da Nang fällt den Reisenden kaum etwas ein. "Die Kulturen sind schon komplett verschieden. Man findet hier ab und zu eine Bäckerei, das ist etwas, was mich an zu Hause erinnert", sagt Jonas Hehl. "Und die Küche hier erinnert ein bisschen an französisches Essen", meint Laura Ponzo über die kulinarischen Gepflogenheiten in Vietnam, das bis 1945 eine französische Kolonie war.

In den Monaten ist dem jungen Paar bewusst geworden, welch guter Ort Europa sei zum Wohnen. "Auf relativ kleinem Raum, kurzer Strecke, finden sich in Europa so viele Sprachen und Kulturen, und verschiedenste, wunderschöne Landschaften. Die Anfang Zwanzigjährigen vermissen Europa, ihre Heimat und Familie.

Von Ilsfeld aus auf dem Landweg tausende Kilometer ins Ungewisse

Der Rückweg im Idealfall

In einigen Wochen, wenn die Grenzen der Nachbarländer öffnen, soll die Reise weitergehen. Im Idealfall sieht ihr Rückweg - Dauer noch ungewiss - so aus: über Kambodscha, Laos, Thailand, Myanmar nach Indien, Pakistan, Iran, Türkei zurück nach Europa.


Reisen im Jahr 2020

Urlaub in Deutschland ist im Corona-Jahr 2020 am naheliegendsten, Fernreisen bleiben für die meisten eine unerfüllte Sehnsucht. Zwar will die Bundesregierung am 15. Juni die weltweiten Reisewarnungen durch -hinweise ersetzen, doch zu Aufenthalten im nichteuropäischen Ausland rät sie ab. Fernflüge sind weitgehend bis auf Weiteres gestrichen, in den meisten Ländern gelten Einreiseverbote bis mindestens Ende Juni. Für Mitte Juni sind Grenzöffnungen geplant wie zu Frankreich, Österreich und der Schweiz. Urlaubsländer wie Griechenland und die Türkei wollen ab frühestens Mitte Juni Touristen anreisen lassen, ab Juli will Spanien die Quarantäne-Regeln für Einreisende aufheben.


Bigna Fink

Bigna Fink

Volontärin

Bigna Fink ist seit Februar 2019 Volontärin bei der Heilbronner Stimme.

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