Mit gemischten Gefühlen geht Wüstenrots Pfarrer Thomas Beck in den Ruhestand

Wüstenrot  Der Gemeindehausbau und die Flüchtlingsbetreuung waren große Aufgaben in der Amtszeit von Pfarrer Thomas Beck, der seit 2013 auch für Neulautern zuständig ist. Der Abschiedsgottesdienst ist im Januar 2022. Von einer Vakanz von mehreren Monaten ist auszugehen.

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Pfarrer Thomas Beck vor der Kilianskirche in Wüstenrot. Hier hat der 65-Jährige seit 2009 gepredigt.

?Foto: Ralf Seidel

Die Konfirmation hätte ich schon noch gerne gemacht", sagt Pfarrer Thomas Beck. Daraus wird nichts: Der Oberkirchenrat in Stuttgart hat seinen Verlängerungsantrag abgelehnt. So geht der evangelische Seelsorger von Wüstenrot und Neulautern am 1. April 2022 in Ruhestand. Die Verabschiedung ist bereits für 23. Januar geplant, hat Beck doch noch reichlich Urlaub abzubauen. Wenn er seine Emotionen sprechen lässt, dann sagt er: "Ich muss gehen." Aber man könne es ja auch anders sehen, meint der 65-Jährige: "Ich darf gehen."

Beck hat gemischte Gefühle. Er habe sich in Wüstenrot wohl gefühlt, hier gerne geschafft. "Aber irgendwann muss man einem Jüngeren Platz machen, und die Familie wartet darauf, dass sie etwas von mir hat." Seine sieben Enkel sieht der vierfache Familienvater nur äußerst selten, wie er sagt. "Ich habe momentan nicht den Kopf frei, mir konkrete Pläne zu machen", meint er zu seinem Ruhestand. Zuerst einmal freue er sich, die Wohnung und das Leben neu einzurichten. Wohin er mit seiner Frau zieht, will Beck noch nicht verraten.

Stolz auf das Geschaffene

Die Standortsuche, die Planung und der Bau des evangelischen Gemeindehauses haben Becks 13-jährige Amtszeit in Wüstenrot geprägt. Diese große Aufgabe habe die Kirchengemeinde zusammengeschweißt. "Da bin ich richtig stolz drauf", sagt der Seelsorger. "Schade, dass die Einweihung immer noch nicht hat stattfinden können. Das wäre ein Schlusspunkt gewesen, ein Zeichen, dass man etwas zu Ende gebracht hat."

Viele Ehrenamtliche engagierten sich für Flüchtlinge

"Meine Aufgabe war, im Vorfeld Ängste abzubauen. Das ist gelungen", schneidet der Pfarrer ein zweites Thema an, das viel Zeit, Kraft und Einsatz verlangt hat: begleitende Hilfe, Sprachkurse und Sportangebote für Flüchtlinge zu organisieren. Bis zu 96 Menschen waren in den Jahren 2015 und 2016 in der Notunterkunft in der Schwäbischen Waldhalle untergebracht. Dass so viele neue Ehrenamtliche sich einbrachten, einzelne sogar ihre ganze Freizeit investierten, dafür ist Beck sehr dankbar.

Nach Corona muss kirchliches Leben wieder aufgebaut werden

"Die vergangenen zwei Jahre mit Corona hätten nicht sein müssen", kommt er auf die Pandemie zu sprechen. Er erinnert an die schwere Zeit, die die beiden Pflegeheime in Wüstenrot und Stangenbach mit großen Corona-Ausbrüchen zu erleiden hatten. "Hier im Amt zu sitzen, hilflos, das war eine Belastung", sagt der 65-Jährige, dem der direkte Kontakt zu den Menschen fehlte. Nach der Pandemie werde es eine große Aufgabe sein, das kirchliche Leben wieder aufzubauen.

Beck hält es für wichtig, dabei weiterzudenken - über die Bundesstraße hinweg. Zusammenarbeit sei gefordert innerhalb der evangelischen Kirchengemeinden und ökumenisch. Nicht jeder könne alles bieten. Bei der Jugendarbeit habe man mit den Pfadfindern zusammen mit der Verbundkirchengemeinde Neuhütten einen Anfang gemacht.

Tafelmobil etablieren

Ein Anliegen ist es Beck auch, dass das Tafelmobil der Kreisdiakonie Heilbronn, das in Wüstenrot Halt macht, die sozialbedürftigen Menschen besser erreicht. Angedacht sei, dass Konfirmanden bestellte Essensangebote nach Hause liefern. Beck hofft, dass das noch während seiner Amtszeit auf den Weg gebracht wird, denn der Kontakt zu den Konfirmanden laufe nun mal über den Pfarrer.

Vor Wüstenrot war Beck Stadtpfarrer in Heilbronn-Böckingen. Die Beziehungen auf dem Land seien enger, "man kennt sich besser". In der Stadt hatte er andere Möglichkeiten. "Ich habe Männerarbeit- und Familienarbeit gemacht, Kabarett gespielt", erinnert er sich. Obwohl die kirchliche Arbeit in Wüstenrot noch sehr stabil sei, merke er aber, dass die Distanz der Familien zur Kirche größer werde. Die Lebensorganisation habe sich verändert. Statt Kinderkirche sei am Sonntag Ausflug angesagt.

Kirche muss heraus aus Verteidigungsposition

Wie muss sich Kirche verändern? "Sie muss zuhören. Wir wissen ja gar nicht, was die Menschen glauben", antwortet Beck. In den vergangenen 30 Jahren habe er eine Kirche kennengelernt, die in der Verteidigungsposition war. "Wir können Menschen konkret etwas anbieten und müssen nicht erst warten, bis ein Notfall eingetreten ist", lautet sein Ansatz.

"Die kirchliche Arbeit wird zusammenwachsen müssen", ist Beck überzeugt. So etwas brauche Zeit. Er glaubt, dass Wüstenrot und Neulautern, die seit acht Jahren eine Gesamtkirchengemeinde bilden, einmal fusionieren werden. Seine Aufgabe in Neulautern, das er gerne mit dem Rad ansteuert, sei ihm nicht schwer gefallen. Sie sei anders als die in Wüstenrot. "Es ist eine Besuchsarbeit, die Seelsorge der älteren Bevölkerung."

Daten und Fakten

Wüstenrot hat rund 1700 Protestanten, in Neulautern sind es rund 300. Die beiden Orte sind seit Oktober 2013 eine Gesamtkirchengemeinde mit zwei Kirchengemeinderäten, zwei Pfarrämtern, zwei Sekretärinnen und zwei Kirchenpflegerinnen. Inzwischen wird aber eine gemeinsamer Haushalt aufgestellt.

Der Abschiedsgottesdienst für Pfarrer Thomas Beck ist am 23. Januar 2022 um 14.30 Uhr in der Georg-Kropp-Halle.

Das Wiederbesetzungsprozedere läuft laut Dekan Matthias Bauschert. Der Prälat werde mit dem Kirchengemeinderat die Stellenausschreibung formulieren. Bauschert geht von mehreren Monaten Vakanz aus. Die Vertretung werde im Distrikt Süd und darüberhinaus geregelt. Zuallererst ist die Verbundkirchengemeinde Neuhütten gefragt.


Sabine Friedrich

Sabine Friedrich

Autorin

Sabine Friedrich ist seit 2001 bei der Heilbronner Stimme. Sie ist in der Landkreis-Redaktion zuständig für Obersulm, Wüstenrot, Flein, Talheim und Weinsberg sowie für den Themenschwerpunkt Feuerwehr.

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