Herzblut, Helden und ein gutes Konzept

Weinsberg  Das Weinsberg Justinus-Kerner-Gymnasium hat das Siegel "Digitale Schule" bekommen. Die Schule setzt nicht erst seit Corona auf eine konsequente Digitalisierungsstrategie.

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Auch eine sogenannte Greenscreen kommt im Unterricht am Weinsberger Gymnasium zum Einsatz. Dafür sorgt zum Beispiel Lehrer Christian Heller, der den Bereich digitale Medien leitet.

Foto: Ralf Seidel

Hier kann man einen besonderen Führerschein machen oder ein digitaler Held werden. Will jemand ein Informatik-Biber sein oder in der Robotik-AG tüfteln? Zwar kann nicht jeder Schüler überall teilnehmen, aber das Spektrum an Angeboten ist groß im Justinus-Kerner-Gymnasium in Weinsberg - und die technische Ausstattung gut.

Und das nicht erst seit Corona, sondern weil die Schule grundsätzlich eine große Chance in der Digitalisierung sieht. Auch wenn er ihn bestimmt nicht herbeisehnt, aber ein weiterer Schul-Lockdown würde Jürgen Kovács keine Schweißperlen auf die Stirn treiben. Für sein Engagement hat das JKG nun das Siegel "Digitale Schule" bekommen: als eine von 44 Bildungseinrichtungen im Land.

Ein Ehrenplatz für die kleine Tafel

Die kleine Plexiglas-Tafel bekommt bestimmt einen Ehrenplatz im JKG. Auf diese Auszeichnung ist Jürgen Kovács ziemlich stolz. "Es gibt 4500 Schulen in Baden-Württemberg, und nur 44 haben das Siegel bekommen - davon 32 zum ersten Mal." Klar, es war keine Auswahl aus allen 4500 Schulen, vielmehr musste man sich um das Zertifikat bewerben. Aber dennoch: Die Standards waren hoch für die Ehrung, deren Schirmherrschaft die Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung, Staatsministerin Dorothee Bär, übernommen hat. In fasst allen fünf Kriterienbereichen hat das JKG das Maximale herausgeholt.

Womöglich hängt das ja damit zusammen: "Ich distanziere mich von kurzfristigen, öffentlichkeitswirksamen Maßnahmen", sagt Jürgen Kovács. Es reiche nicht, mal eben ein paar Laptops unters Schülervolk zu bringen. Stattdessen gebe es am JKG "eine dauerhafte Digitalisierungsstrategie und ein durchdachtes Medienkonzept" - und zwar schon, bevor die Pandemie begann. Das half, die Homeschooling-Phase im Frühjahr zu meistern. "Wir haben uns relativ leicht getan." Und es wird helfen, falls eine zweite Schließung ansteht. Oder wenn einzelne Klassen in Quarantäne müssen. Davon blieb das JKG mit seinen 70 Lehrern und 730 Schülern aus dem gesamten Weinsberger Tal bis hinauf nach Wüstenrot bislang verschont. "Wir sind jedoch realistisch: Wir rechnen damit, dass es irgendwann passiert. Aber es ist uns nicht bange", sagt der Oberstudiendirektor.

Kinder sind es gewohnt, online zu lernen

Schon seit zwei Jahren gibt es eine Schul-Cloud, basierend auf Office 365. "Die Kinder sind die Zusammenarbeit via Teams gewöhnt." Am JKG ist das relativ neue Profilfach IMP (Informatik-Mathematik-Physik) ab Klasse acht wählbar. Kovács: "Meines Wissens nach gibt es das nur an zwei Gymnasien im Stadt- und Landkreis Heilbronn." Neben der Informatik- und Robotik-AG würden Informatik-Wettbewerbe angeboten. Zurzeit gibt es an der Schule 16 sogenannte "digitale Helden". Jürgen Kovács nennt sie lächelnd auch "Streitschlichter der Moderne": Es sind Schüler, die fortgebildet wurden, um andere zu beraten, zum Beispiel wenn es um soziale Netzwerke geht. "Das ist ein Segen für die Mitschüler und für den einzelnen, wenn er sich professionalisieren möchte." Angeboten würden auch außerschulische Praktika bei IT-Firmen, und Schüler können einen Internet-Führerschein machen. Dabei lernen sie, wie man durch das allumfassende Netz navigiert und sich vor den Gefahren schützt, die am Wegesrand lauern.

Neue Endgeräte angeschafft

Für all das braucht es natürlich die notwendige Infrastruktur und Ausstattung. Die wurde in den Sommerferien weiter optimiert - nicht nur, aber auch im Hinblick auf eine weitere Schließung. 110 Tablets und Laptops für Schüler und Lehrer im Wert von 62000 Euro wurden angeschafft. Wer zuhause kein Endgerät hat, dem stellt das JKG eines zur Verfügung. Außerdem wurde das W-LAN verstärkt. Und künftig soll in jedem Klassenzimmer ein sogenanntes Whiteboard hängen. Zwölf gibt es bereits, 28 fehlen noch.

Und freilich braucht es vor allem Lehrer, die den Kurs der Schulleitung mittragen und sich fortbilden. "Klar, manche haben Angst und Sorge", sagt Jürgen Kovács. "Aber es verweigert sich niemand. Die Lehrerschaft ist sehr aufgeschlossen und geht den Weg absolut mit."

Weitere Auszeichnung

Neben dem Justinus-Kerner-Gymnasium in Weinsberg wird 2020 in Stadt- und Landkreis Heilbronn auch noch die Freie Josef-Schwarz-Schule in Erlenbach als "Digitale Schule" ausgezeichnet. Urheber ist die Initiative "MINT Zukunft schaffen". MINT steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Die Ehrung sei "wissenschaftlich basiert, verbandsneutral sowie unabhängig", teilt die Initiative mit. Parallel wurden nicht nur an 44 Schulen in Baden-Württemberg das Siegel "Digitale Schule" verliehen, sondern an 87 auch das Signet "MINT-freundliche Schule". Dieses bekommt unter anderem das Justinus-Kerner-Gymnasium in Heilbronn.


Anja Krezer

Anja Krezer

Autorin

Anja Krezer ist seit 1999 Redakteurin der Heilbronner Stimme. Sie berichtet hauptsächlich aus dem Weinsberger Tal. Außerdem liegt ihr das Thema Bildung/Schulen am Herzen.

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