Bei Musikschulen kehrt allmählich der Alltag zurück

Östlicher Landkreis  Die Zeiten, in denen der Musikunterricht wegen Corona nur online ablief, sind vorbei: Schüler und Lehrer freuen sich in die Unterrichtsräume der Musikschulen im östlichen Landkreis zurückkehren zu können. In Weinsberg sind im Juli erste kleine Konzerte geplant.

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Die Bläserklassen − hier eine Archivaufnahme des Ensembles der Realschule Obersulm − können seit Monaten nicht proben. Diese Kooperationsprojekte von Musikschulen und Schulen ruhen derzeit.

Foto: Archiv/Stöhr-Michalsky

Sie sind sehr selbstständig geworden und haben einen großen Schritt nach vorne gemacht", macht Sylvia Gassert den älteren Musikschülern ein großes Kompliment. Denn in der Zeit, als der Unterricht nur online lief, hätten diese unheimlich viel geübt, stellt die Leiterin der Städtischen Musikschule Weinsberg mit Freude fest. Nach dem coronabedingten Lockdown und den nun nach und nach erfolgten Lockerungen mit Abstands- und Hygieneregeln stellt sich ein Stück weit Alltag bei den musikalischen Bildungseinrichtungen ein. Auch wenn Orchester meist noch pausieren müssen.

Online-Unterricht kam gut an

"Im Großen und Ganzen haben wir die Zeit erstaunlich gut überstanden", meint Gassert. Für den Online-Unterricht seien Schüler und Eltern sehr dankbar gewesen. "Und auch für uns war es schön zu spüren, wie wichtig ihnen der Musikunterricht ist." Das kann Gerd Wolss, der die Musikschule Schozachtal leitet, für beide Seiten nur bestätigen. "Wir haben 80 Prozent der Schüler erreicht" - per Telefon, E-Mail, Skype, Zoom oder mit Youtube-Videos.

Die Musikschule Weinsberg war vorbereitet, so dass sie mit den ersten Lockerungen am 6. Mai wieder vor Ort mit Einzelunterricht starten konnte. "Alles, was nicht bläst und singt, durften wir machen", blickt Gassert zurück. Dennoch war die Situation ungewohnt, die kleineren Kinder hätten erst mal groß geschaut, dass Mama und Papa nicht mit rein konnten.

Die Bläser dürfen auch wieder zum Instrument greifen, und die Kammermusiker und Ensembles - maximal neun Schüler - haben in Weinsberg wieder Unterricht vor Ort. "Wir haben das große Glück, dass wir ausreichend große Räume haben", sagt Gassert mit Hinweis auf die Vorschriften.

Händeringend nach Ersatzräumen gesucht

Da ergeht es ihrem Obersulmer Kollegen Michael Graf ganz anders. "Wir warten sehnsüchtig auf die Öffnung der Schulen." Bislang sind diese für "außerschulische Bildungspartner", wie Musik- und Volkshochschulen, noch gesperrt. Dabei ist der Großteil der 20 Unterrichtsstätten im Einzugsgebiet der Musikschule Obersulm nun mal im Schulgebäude. "Händeringend", so Graf, habe man Alternativen abgeklappert. Bis auf Lehrensteinsfeld ist von Ellhofen bis Wüstenrot Ersatz gefunden worden. 70 Prozent des Präsenzunterrichts finde jetzt statt. Etwa zehn Prozent der Schüler werde noch online geschult, für Ensembles falle der Unterricht mangels ausreichend großer Räume flach.

"Der Online-Unterricht hat besser funktioniert als gedacht", stellt auch Graf fest. Teile dieser "erzwungenen Fortbildung" könne man weiter nutzen. Damit sei man in besonderen Situationen flexibler. Aber: "Präsenzunterricht ist durch nichts zu ersetzen. Alle wollen wieder zurück", meint der Obersulmer Musikschulleiter. Selbst Lehrer, die zur Risikogruppe gehören. Sylvia Gassert erzählt von dem einzigen über 60-Jährigen ihres Kollegiums. "Er ist auch wieder gekommen. Er hatte keine Lust mehr auf online." Gerd Wolss: "Es sind alle froh, dass sie sich wieder sehen können."

Ballett in Kleingruppen wieder möglich

Bei den Musikschulen im östlichen Landkreis stellt sich ein Stück weit der Alltag wieder ein

In der Musikschule Schozachtal wird auch Ballett unterrichtet. Die jährliche Aufführung im April wurde wegen Corona abgesagt. Und auch mit dem Musical im November wird es nichts, weil bislang keine Proben möglich waren.

Foto: Archiv/Kunz

Im Ballett durfte zunächst mit Einzelunterricht wieder begonnen werden. Dieser wurde im Schozachtal jetzt durch Training in Kleingruppen abgelöst. "Wir haben die Gruppe geteilt", nennt Wolss die Lösung. Zwar kann das Klassenmusizieren in Kooperation mit den Schulen weiterhin nicht stattfinden, aber das Orchester mit dem Musikverein Untergruppenbach nimmt die Proben wieder auf. Im Festsaal in der Stettenfelshalle steht ausreichend Fläche zur Verfügung. "Man sitzt mit Abstand. Aber es ist mal ein Anfang", meint Wolss.

In der vergangenen Woche startete die Städtische Musikschule Weinsberg wieder mit einem Angebot im Haus für die Musikalische Früherziehung. Die vergangenen Wochen gab es für die Kleinsten ein wöchentliches Mitmach-Paket per E-Mail. "Die Musikalische Früherziehung lebt vom Singen und Tanzen. Das geht alles nicht", bedauert Graf. In Obersulm hat man das Konzept deshalb auf die Regeln angepasst mit Body-Percussion, Sprechrhythmen und Malen.

An der Musikschule Obersulm werden derzeit rund 680 Kinder und Jugendliche von 32 Lehrern unterrichtet. Zum Verbund gehören neben der Standortgemeinde auch Ellhofen, Lehrensteinsfeld und Wüstenrot. Knapp 400 Schüler und 15 Lehrer sind es an der Städtischen Musikschule Weinsberg. Die Musikschule Schozachtal mit Sitz in Abstatt hat rund 850 Schüler und 24 Lehrkräfte. Träger ist der Zweckverband aus den Kommunen Abstatt, Untergruppenbach und Ilsfeld.

Ohne Veranstaltungen fehlt die Möglichkeit zur Werbung

Wie überall ist es auch an den Musikschulen erst mal ein Herantasten an die Normalität. "Veranstaltungen sehe ich im Moment überhaupt nicht", sagt zum Beispiel Michael Graf von der Einrichtung in Obersulm. Er stellt angesichts der Corona-Verordnung die Sinnhaftigkeit in Frage. Gerd Wolss von der Musikschule Schozachtal gibt zur Auskunft, dass alle Auftritte ins kommende Jahr verschoben werden.

Die Weinsberger Kollegin Sylvia Gassert plant in der Kernerstadt im Juli kleinere Konzerte, die mit begrenzter Besucherzahl erlaubt sind. "Weil man einfach ein Ziel braucht. Man braucht die Zuhörer. Die Musiker leben vom Feedback. Das ist einfach unerlässlich." Nur fürs stille Kämmerlein musiziere man nicht.

Befürchtungen Keine Tage der offenen Tür, keine Instrumentvorstellungen, keine Musikschulfeste - alle Veranstaltungen dieser Bildungseinrichtungen, die der Werbung dienen, fallen aus. Nun fehlen diese Plattformen. Gerd Wolss befürchtet deshalb, dass für den Herbst Neuanmeldungen ausbleiben könnten. Michael Graf ist gespannt, wie es im Oktober weitergeht. Er prognostiziert, dass seine Musikschule Schüler verlieren werde, nicht nur wegen der Corona-Einschränkungen, sondern auch weil Familien in finanzielle Schwierigkeiten gerieten. "Wir haben schon manche Kündigung", berichtet er. Die Krise erschütterte die gesamte Musikschul-Landschaft. Es sei eine extrem schwierige Situation. Wenn Eltern ihre Kinder nicht mehr in den Musikunterricht schickten, dann bekämen das die Lehrer zu spüren

Finanzielle Einbußen 

Sylvia Gassert hingegen ist optimistischer. "Wenn ab 31. August noch ganz viel aufgeht, und wir den Tag der offenen Tür machen können, denke ich, dass wir Anmeldungen haben werden."

Schon jetzt haben die Musikschulen, beziehungsweise deren Träger, finanzielle Einbußen. In Obersulm wurden für die fünf Wochen Lockdown von März bis April die Gebühren zurückerstattet. Die Schozachtaler verlangten im April nichts. Womit Musikschulleiter Wolss nicht gerechnet hat. Einige Eltern hätten die eigentlich erlassenen Gebühren gespendet.


Sabine Friedrich

Sabine Friedrich

Autorin

Sabine Friedrich ist seit 2001 bei der Heilbronner Stimme. Sie ist in der Landkreis-Redaktion zuständig für Obersulm, Wüstenrot, Flein, Talheim und Weinsberg sowie für den Themenschwerpunkt Feuerwehr.

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