An der Talheimer Burgmauer gab es einen Klingelzug für die Hebamme

Talheim  Bedeutsames, Kurioses und Rätselhaftes stellten die Ortshistoriker Holde und Dietrich Gaa beim Abendspaziergang zu alten Häusern und Kleindenkmalen vor. Über Generationen hinweg wurde und wird Besitz weitergereicht.

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Holde Gaa (Mitte) und ihr Mann Dietrich (dahinter) zeigten den Abendspaziergängern beim Abriss gerettete Neidköpfe, Tür- und Fensterstürze in der Hetzelgasse.

Vieles ist im Laufe der Zeit abgerissen worden, aber es gibt noch einige alte Häuser in Talheim. Und sie haben eine interessante Geschichte. Darüber haben die Ortshistoriker Holde und Dietrich Gaa zum Auftakt der sommerlichen Abendspaziergänge des Heimatgeschichtlichen Arbeitskreises am Mittwoch berichtet. Sie lenken beim Rundgang den Blick der 30 Teilnehmer - die Zahl war wegen Corona beschränkt - auf eine kleine Auswahl der Kleindenkmale, die sie entdeckt, dokumentiert, erforscht und in einem Buch festgehalten haben.

Gedenkstein zur Schozachkorrektur

Ausgangspunkt ist der Rathausplatz: historisches Terrain. Wo seit 1984 die Schaltzentrale der Gemeinde beheimatet ist, wurde bis 1971 Wein gekeltert. "Es war der wichtigste Platz des Orts", sagt Dietrich Gaa. Einst floss die Schozach über den Kelterplatz, 1954 bis 1957 wurde sie gebändigt. Von der Schozachkorrektur zeugt die Gedenktafel des Bildhauers Hermann Wilhelm Brellochs. Holde Gaa weiß, was es mit dem Hebammenstein in der Burgmauer auf sich hat. Hier befand sich der Klingelzug - die Öse ist noch erhalten - für Frieda Schneider. Um werdenden Väter den Aufstieg zur Burg zu ersparen, alarmierten diese bis 1952 so die Geburtshelferin.

Was bedeutet Rune 4?

1557 ist im Torbogen im Jägerhaus an der Burgstaffel zu lesen. Der hochwassersichere Gewölbekeller des Bedienstetenhauses diente nicht nur der Burg. Auch Talheimer, die keinen Keller hatten, erwarben laut Gaa hier Teileigentum. Zudem waren Pferde eingestellt. Gar mit seinem Wagen konnte der Spezereihändler in den Keller des Hauses Lang im Staffelweg 7 fahren, erzählt der Ortshistoriker. Seine Frau weist auf das kunstvolle Hauszeichen hin. Was hat es mit der Rune 4 auf dem Herz, verbunden mit dem Kreuz von 1766, auf sich? "Man weiß bis heute nicht, warum die Rune 4 für Handelsleute steht."

Es soll ein fränkischer Königshof gewesen sein

Es ist ungewöhnlich: Über Generationen hinweg gaben und geben einige der ältesten Familien Talheims ihren Besitz weiter. Dietrich Gaa stellt den Abendspaziergängern mehrere Beispiele vor: Die Adlerwirtschaft samt -bäckerei - das Gebäude wurde 1704 erbaut - gehörte von den 1780er Jahren bis 2011 der Familie Hirth/Rieß. Ab 1665 war das Steinhaus gegenüber in der Bergstraße Adelssitz der Herren von Sperbergseck, Gemmingen und Guttenberg. Seit 1853 ist das Gebäude, in dem einst die Wirtschaft "Zum Grünen Baum" und ein Kramladen beheimatet waren, im Besitz der Familie Krauß.

An der Talheimer Burgmauer gab"s einen Klingelzug für die Hebamme

Zwei historische Gebäude: Das linke stammt von 1704. Hier waren einst Adlerwirtschaft und -bäckerei beheimatet. Das Steinhaus Bergstraße 2 war ab 1665 Adelssitz, später beherbergte es einen Kramladen und die Wirtschaft "Zum Grünen Baum."

Auf 123 Jahre bringt es die Familie Fritz mit der "Sonne", das Zehnthaus nennen die Wörners seit 160 Jahren ihr Eigentum. 1871 erwirbt die Familie Rumm zunächst einen Teil des ehemaligen Amtshauses der Herren von Talheim. Gaa bezeichnet das Anwesen als Keimzelle des Orts, deuteten doch für die Forscher mehrere Merkmale auf einen fränkischen Königshof aus dem 6. oder 7. Jahrhundert hin. "-heim" im Name, die Nähe zum Bach und die Lage an einer wichtigen Straße. "Bei uns ging ja der Römerweg durch."

Neidköpfe schützen vor dem bösen Blick

Zwischen 1870 und 1893 sei Talheim eine riesige Baustelle gewesen, berichtet Dietrich Gaa, als unter anderem Rathaus, katholisches und evangelisches Schulhaus entstanden. Vom Modernisierungsschub gepackt wurde auch Bürgermeister Friedrich Münzing, der in der Sonnenstraße ein Wohnhaus von städtischem Charakter errichten ließ. Repräsentativ war auch das Haus Handel in der Hetzelgasse. Der Besitzer des Neubaus hat steinerne Zeugen hervor geholt.

Neben verzierten Tür- und Fensterstürzen zwei Neidköpfe mit fratzenhaften Gesichtern. "Sie sollten den bösen Blick vom Haus fernhalten", erklärt Holde Gaa die heidnischen Gestalten. Ihr Mann überrascht zum Schluss mit einem Relikt jüdischer Geschichte: der letzten Mesusa im Ort. In der Ritze im Türpfosten des einstigen Hauses von Gustav Manasse war die Schriftkapsel mit einem alten Gebet befestigt. Gisela Bindereif staunt: "Das habe ich noch nie gesehen." Dabei war sie als Kind oft in diesem Haus, in dem ihre Freundin wohnte.

Was hat der Götz am Rathaus verloren?

Talheim hat nichts mit Götz von Berlichingen zu tun. Warum ist dann am Rathaus, etwas versteckt an der Ostwand, seit 1983 ein Relief des Ritters eingefügt? Holde Gaa klärt auf. Es stammt von der ersten Gemeindehalle, die 1937 bis 1940 gebaut wurde. NSDAP-Kreisleiter Richard Drauz, der den Bau förderte, um Platz für Parteiveranstaltungen zu bekommen, gab das Relief des Götz, für den er eine Vorliebe hatte, in Auftrag. Ohne die Gemeinde zu fragen, die dafür dann 2600 Reichsmark bezahlen musste.

 

Sabine Friedrich

Sabine Friedrich

Autorin

Sabine Friedrich ist seit 2001 bei der Heilbronner Stimme. Sie ist in der Landkreis-Redaktion zuständig für Obersulm, Wüstenrot, Flein, Talheim und Weinsberg sowie für den Themenschwerpunkt Feuerwehr.

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