Wenn drei Generationen im Wengert vereint sind

Region  Die Weinlese hat begonnen, zum Beispiel bei Familie Schmidt aus Obersulm-Weiler. Die ganze Familie und jahrelange Stammkräfte helfen mit. Belohnt werden die Mühen mit einem Vesper.

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Drei Generationen sind im Wengert vereint

Alle packen mit an (von rechts): Oma Gertrud Schmidt, Susanne Schmidt, Ronja Schmidt und Wolfgang Grützmann.

Foto: Dennis Mugler

Zack, zack geht das. Gezielt setzt Susanne Schmidt die Rebschere an - und ziemlich schnell füllt sich der olivgrüne Eimer mit Schwarzriesling-Trauben. Susanne Schmidt hat seit vielen Jahren Routine, egal, ob sie mit dem Schmalspurschlepper samt Butte durch die Rebzeilen fährt oder Trauben schneidet.

Und trotzdem: "Es ist immer etwas Besonderes, wenn die Lese beginnt", sagt die Frau aus Obersulm-Weiler.

Wie aus dem Prospekt

Ein Werbeprospekt könnte es auch nicht besser. Wem bei diesem Anblick nicht warm ums Herz wird, dem ist nicht zu helfen. Der Himmel ist strahlend blau, an den Traubenblättern hängt noch ein kleines bisschen Tau, hier und da glitzert ein Spinnennetz in der morgendlichen Septembersonne, die alles in ein golden-sattes Licht taucht.

Appenzeller-Sennen-Hündin Lilly tänzelt freudig um die Ihren herum: Susanne Schmidt, Schwiegermutter Gertrud, deren Lebensgefährte Wolfgang Grützmann, die Kinder Ronja (24) und Nico (25) und vier türkische Frauen. 10.30 Uhr: Ein paar Meter noch, dann sind sie schon fertig mit dem ersten Lese-Tag des Jahres 2019. Viel Schwarzriesling haben Susanne Schmidt und ihr Mann Siegfried nicht. Der erste Wengert, elf Ar am Reisacher Wolfahrtsberg, ist in gut zwei Stunden gelesen. Eine gute Tonne kommt zusammen. Dafür muss Siegfried Schmidt, der bei Audi in der Entwicklung arbeitet, noch nicht extra Urlaub nehmen.

Eine Frau für alle Fälle

Schon gar nicht mit Ehefrau Susanne an seiner Seite. Wäre Sohn Nico, ebenfalls Audianer, heute nicht da, wäre sie es, die die Eimer in die Butte am Fendt leert und die volle Butte in eine der beiden Gelden kippt, die auf einem Hänger stehen. Auf jeden Fall wird sie nachher den Hänger an die Rampe der Löwensteiner Traubenannahme der Winzer vom Weinsberger Tal rangieren. Dort ist sie weitgehend allein unter Männern - was der Weilermerin aber nichts ausmacht. "Ich muss mich da nicht extra behaupten." Das glaubt man der schwarzgelockten Frau mit Gummistiefeln und schwarzer Engelbert-Strauss-Arbeitshose sofort.

Drei Generationen sind im Wengert vereint

Nico Schmidt steuert den Weinbergschlepper durch die Rebzeilen.

Foto: Dennis Mugler

Oma Gertrud (76) trägt Jeans und freut sich, dass sie nicht mehr in der Verantwortung steht in dem Nebenerwerbsbetrieb mit vier Hektar Rebfläche und Schnapsbrennerei. Gleichwohl ist es für sie selbstverständlich, im Wengert zu stehen, wenn Lese ist. "Ich finde es schön, dass auch die Enkel dabei sind", sagt sie und setzt die frisch geschliffene und geölte Rebschere zum Schnitt an.

Marius (23) hat an diesem Tag keine Zeit, aber die anderen beiden sind im Einsatz. Ronja, die in Konstanz studiert, nascht gerne mal eine Traube. "Wir müssen ja die Qualität testen", sagt sie und lacht.

Zum Glück kein schlechtes Wetter

Drei Generationen sind im Wengert vereint

Das Vesper mit Käse und Co. gehört zu einem Lese-Tag einfach dazu. Seit vielen Jahren helfen den Schmidts einige türkische Frauen.

Foto: Dennis Mugler

Schon viele Jahre mit von der Partie sind ein paar türkische Frauen. "Wir helfen, weil wir gerne an der frischen Luft arbeiten und weil wir Susanne mögen", sagt Beyhran Ekinci. Arzu Isgören ergänzt: "Es macht Spaß." Spaß macht es auch Susanne Schmidt. "Es ist ein gutes Gefühl zu ernten, wenn man das ganze Jahr dafür gearbeitet hat." Nur zwei Dinge nerven sie an der Lese: "Wenn die Maschinen nicht mitmachen und das Wetter schlecht ist." Von beidem sind die Schmidts an diesem Tag weit entfernt.

Ein Tisch und zwei Bierbänke auf den Weg gestellt, die Tüte mit den Butterbrezeln aus dem Korb geholt, dazu hartgekochte Eier, Limburger Käse, Sprudel und Kaffee: Fertig ist das Vesper, das Susanne Schmidt vorbereitet hat - und das zur Lese gehört wie die Trauben selbst.

Die Genossenschaft "Winzer vom Weinsberger Tal" hat 650 Mitglieder und eine Rebfläche von 440 Hektar. Die Weine werden in Eberstadt und Löwenstein ausgebaut. "Die Qualität 2019 ist sehr gut", freut sich Geschäftsführer Dirk Mosthaf. Die Menge liege jedoch deutlich unter der von 2018. "Das Frühjahr war zu kalt." Später setzte Sonnenbrand den Reben zu. Die paar sehr heißen Tage mit bis zu 40 Grad haben gereicht: "Die Trauben sind quasi am Stock verbrannt."

 

 

Anja Krezer

Anja Krezer

Autorin

Anja Krezer ist seit 1999 Redakteurin der Heilbronner Stimme. Sie berichtet hauptsächlich aus dem Weinsberger Tal. Außerdem liegt ihr das Thema Bildung/Schulen am Herzen.

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