Viel Gesprächsstoff nach dem Rausschmiss in Weinsberg

Weinsberg  Die Stadt Weinsberg gibt den Kandidaten die Chance, sich vor der Bürgermeisterwahl am 2. Februar den Wählern zu präsentieren. Stefan Thoma und Lutz Ronneburg positionieren sich zögerlich. Samuel Speitelsbach sorgt für einen Eklat und wird aus der Halle verwiesen. Der Staatsschutz ermittelt.

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Kandidatenvorstellung in Weinsberg: Viel Gesprächsstoff nach dem Rausschmiss

Da sind noch alle Kandidaten vor Ort (von links): Lutz Ronneburg, Samuel Speitelsbach, der später aus der Halle verwiesen wird, und Stefan Thoma.

Foto: Dennis Mugler

Nach dem gut zweistündigen Abend haben Weinsberger viel zu reden. Über den Auftritt von Samuel Speitelsbach, seinen Rausschmiss durch Versammlungsleiterin Margit Frisch, und natürlich über die beiden Hauptprotagonisten der städtischen Bewerbervorstellung: Stefan Thoma, der eine dritte Amtszeit anstrebt, und Lutz Ronneburg, der Bürgermeister werden will. Zwischen 600 und 700 Interessierte sind in die Weibertreuhalle gekommen.

Für einen Wähler ist der Auftritt Speitelsbachs unzumutbar gewesen

Die Veranstaltung hat es in sich, Gruppen stehen beisammen. "Unzumutbar", so kommentiert ein Besucher den Auftritt des Ravensteiners Samuel Speitelsbach. "Wie kann so jemand zugelassen werden?", fragt sich Susanne Weippert. Die Gruppe, mit der sie sich unterhält, spricht auch über die beiden anderen. "Man muss sich ein Bild von den Kandidaten machen", sagt ein Weinsberger. Thoma kenne man, Lutz Ronneburg nicht. Erst über die ernstzunehmenden Kandidaten, dann über Speitelsbach: So verlief die Unterhaltung von Karlheinz Müller und Günter Oktabec.

Das sagt Stefan Thoma

Bürgermeisterkandidat verbal entgleist
Das Polizeirevier Weinsberg und der Staatsschutz hat die Ermittlungen wegen des Hitler-Grußes gegen Speitelsbach aufgenommen. Unserer Zeitung liegt ein Videomitschnitt der Rede vor. Foto: privat

Als einen Macher und Schaffer sieht sich Stefan Thoma an mehreren Stellen seiner Rede - als einen, "der sich auskennt und der weiß, wie Weinsberg tickt". Ohne Lutz Ronneburg zu nennen, greift er ihn doch an: Ein Bürgermeister habe Verantwortung, gleich ab dem ersten Tag. Ohne lange Einarbeitungsphase müsse man arbeiten. "Keine Experimente", appelliert er an die Wähler.

Paketdienstleister sollen an den Stadtrand kommen

Stefan Thoma braucht aber eine Weile, bis er konkret wird und Neues anspricht. Am Ende seiner Rede betont er, wie sehr ihn die Paketdienstleister stören. Die wolle er an den Stadtrand drängen. "Es ist unerträglich, dass die Fahrzeuge überall stehen." Die Mühlrainhalle ist in die Jahre gekommen: Sanieren, neu bauen? Er sei offen für andere Lösungen. Seniorensport ist ein Thema, von Nachbarschaftsnetzwerken spricht er. Zu Beginn seiner Rede geht es um seinen Lebenslauf, und Thoma dankt dem "Erfolgsteam im Rathaus".

Meist bleibt er vage. Er thematisiert das Einwohnerwachstum, die Schuldenfreiheit. Genauso allgemein spricht er über eine "beachtliche Bilanz" mit Investitionen in Baugebiete, Schulgebäude und Sanierungen. Von einem "Wir-Gefühl" berichtet Thoma und einer "lebendigen und toleranten Stadt". Greifbar wird er, als er vom Schwung spricht, der am Marktplatz zu erleben sei. Die Stadt sanierte Häuser. "Die privaten Eigentümer ziehen nach."

Stimme-Forum

Die Redakteure Anja Krezer und Simon Gajer haken beim Stimme-Forum am Dienstag, 28. Januar, ab 19 Uhr in der Weibertreuhalle bei Stefan Thoma und Lutz Ronneburg nach. Die Redaktion sammelt Fragen und Themen der Leser, die vertraulich behandelt werden: Senden Sie Anregungen bis Montag, 27. Januar, 12 Uhr, an simon.gajer@stimme.de.

Die Weinsberger wählen am Sonntag, 2. Februar, den Bürgermeister. Erreicht kein Bewerber an diesem Tag die absolute Mehrheit der Stimmen, findet ein zweiter Wahlgang am 16. Februar statt. An diesem Tag genügt die einfache Mehrheit.

Das sagt Lutz Ronneburg

"Es gibt viel ungenutztes Potenzial", sagt Lutz Ronneburg, der ebenfalls ein paar Minuten braucht, um detaillierter zu werden. Er vergleicht sich mit einem guten Dirigenten. Einen harmonischen Klang gebe es nur, wenn man die Menschen mitnehme. "Ich dirigiere und motiviere, führe Interessen zusammen und stoße gute Kompromisse an." Er plädiert für Entwicklung, "aber nicht um jeden Preis". Klima, Natur- und Umweltschutz sieht er als wichtige Aufgaben an.

Beim Verkehr wird Lutz Ronneburg konkret: Beim A6-Parkplatz Wimmental setze er sich dafür ein, dass er kleiner gebaut werde. Den Bürgern verspricht er, dass er eine Helferplattform auf den Weg bringen will. Die Innenstadt blute aus, die Gastronomiekultur sei spärlich vorhanden. Seine Ideen: Der Traubenplatz werde mit Gastronomie belebt. Den Kreisverkehr in der Haller Straße sieht er als Visitenkarte der Stadt an, er solle attraktiver werden.

Ein Verkehrsleitsystem will er prüfen, über einen Innenstadtring mit Anwohnern und Gewerbetreibenden reden. Er setzt sich für Veranstaltungen ein. Der Weibertreuherbst solle wieder zu alter Stärke kommen. Bezahlbarer Wohnraum werde benötigt.

 

Bürgermeisterkandidat verbal entgleist

Das Ende des mehrminütigen Auftritts mit wirren Aussagen kommt rasch. Margit Frisch, die den Abend als Vorsitzende des Wahlausschusses leitet, entzieht Bürgermeisterkandidat Samuel Speitelsbach aus Ravenstein (Neckar-Odenwald-Kreis) das Mikrofon, zwei Hausmeister positionierten sich neben dem Kandidaten, drehen den Mikrofonständer nach oben.

Die Leiterin des Abends ist für den Auftritt gewappnet

Speitelsbach ist einer von drei Kandidaten, die Bürgermeister in Weinsberg werden wollen. Stefan Thoma strebt eine dritte Amtszeit an, Lutz Ronneburg aus Tamm will ebenfalls Bürgermeister werden. Von der Bühne tragen müssen die beiden Hausmeister Speitelsbach aber nicht. Der Bürgermeisterbewerber springt selbst vom Podest und verlässt die Weibertreuhalle wortlos und freiwillig. "Ich war vorbereitet", sagte Margit Frisch im Anschluss an die Kandidatenvorstellung. Nach einem Hitler-Gruß will sie ihn ermahnen, doch es geht so schnell. Zwei Mal, meint sie, habe er den Arm gehoben. Deshalb entzieht sie ihm gleich das Wort. "Die Gelegenheit biete ich ihm nicht."

Uneinigkeit darüber, welcher Arm oben war

Über die Frage, welchen Arm er nun ausgestreckt hat, herrscht offenbar Uneinigkeit. "Das ist strittig", sagt Thomas Siegle. Letztendlich sei das für den Hauptamtsleiter in Weinsberg auch nicht ausschlaggebend. "Er hat sich gegenüber den Weinsberger Bürgern provozierend und beleidigend geäußert." Mehr als 700 Zuschauer seien bei der ersten öffentlichen Bewerbervorstellung in Weinsberg zu Gast gewesen. Anfangs habe sich Speitelsbach ruhig, unaufdringlich und völlig defensiv verhalten.

Buhrufe kommen nach den ersten Beleidigungen

Bereits die ersten Beleidigungen hätten Zuhörer mit Buhrufen quittiert, beschreibt Siegle. Kurze Zeit später seien die ersten Gäste aus dem Saal gegangen. Als Speitelsbach die Halle verlässt, seien die Zuhörer zurückgekehrt. Die Veranstaltung wurde fortgeführt. "Der spontane Saalverweis war die richtige Reaktion", sagt Siegle. "Ich hatte auch den Eindruck, er war fertig."

Störer können von Bürgermeisterwahlen nicht ausgeschlossen werden

Eine Möglichkeit, bekannte Dauerkandidaten und Störer von einer Bürgermeisterwahl auszuschließen, gebe es nicht. "Wer 18 Jahre alt, nicht vorbestraft und die EU-Staatsbürgerschaft besitzt, muss von seinem Wohnort eine Wählbarkeitsbescheinigung vorlegen und erklären, dass er die Wählbarkeit nicht verloren hat", sagt Siegle. Überlegungen, Unterstützungunterschriften zu sammeln, bevor ein Kandidat zur Wahl zugelassen wird, habe es gegeben. Sie seien aber verworfen worden. "Das will der Gesetzgeber nicht. Es heißt dann: Das ist Demokratie. Das muss man aushalten." Durch solche Auftritte werde die Ernsthaftigkeit einer Bürgermeisterwahl infrage gestellt, meint Siegle. Dies sei der Nebeneffekt. "Die ernsthaften Kandidaten leiden darunter."

Der Staatsschutz ermittelt

Das Polizeirevier Weinsberg und der Staatsschutz haben die Ermittlungen wegen des Hitler-Grußes gegen Speitelsbach aufgenommen. "In dem Moment, in dem der Vorfall der Polizei bekannt wird, muss ermittelt werden. Es liegt quasi eine Anzeige vor", sagt Gerald Olma, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Heilbronn.

Angesprochen auf die Vorwürfe an das ZfP teilt der kaufmännische Direktor Andreas Breitmayer mit, dass er das nicht kommentieren möchte. "Mir wäre nur wichtig, dass er kein Bürgermeister von Weinsberg wird." Samuel Speitelsbach war telefonisch am Donnerstag nicht erreichbar.

 

Simon Gajer

Simon Gajer

Autor

Simon Gajer kam im Jahr 2000 erstmals zur Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat und einem Jahr als freier Journalist in den USA ist er seit Herbst 2003 zurück in der Region: Zurzeit sucht er nach spannenden Themen in Neckarsulm, Ilsfeld, Untereisesheim und Weinsberg.

Jürgen Kümmerle

Jürgen Kümmerle

Reporter

Jürgen Kümmerle ist Redakteur im Reporterteam der Heilbronner Stimme. Diese Einheit berichtet über das tagesaktuelle Geschehen in der Region und kümmert sich um investigative Recherchen.

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