Rückwärts balancieren mit Schuhgröße 48

Obersulm  Wie fit sind sie denn? Die Untersuchungen für eine bundesweite Studie zur Fitness von Kindern und Jugendlichen laufen auch in Obersulm-Eichelberg.

Rückwärts balancieren mit Schuhgröße 48

Ausdauer, Schnelligkeit, Koordinationsfähigkeit: Darauf kommt es an bei den Übungen in der Alten Kelter in Obersulm-Eichelberg. Tobias Metzger nimmt sich die rund zwei Stunden Zeit, die man braucht, um die zehn Stationen zu absolvieren.

Mehr geht nicht. Acht Schritte rückwärts hat Luis auf einer schmalen Holzlatte balanciert, ohne abzurutschen - mehr Schritte kann Julia Pfisterer gar nicht ins Tablet eingeben. "Das ist das Nonplusultra", lobt auch Gloria Brunnenstein den zehn Jahre alten Jungen, der bereits bei der Hüpfstation ist.

Die beiden Frauen sind Teil eines Teams, das zwei Tage Station in der Alten Kelter in Obersulm-Eichelberg macht und die Fitness von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen testet. Die Ergebnisse der Probanden in Eichelberg fließen wie die von tausenden anderen jungen Leuten aus ganz Deutschland ein in die "Motorik-Modul-Studie" des Karlsruher Instituts für Technologie, kurz MoMo.

Wie weit kommen die Probanden bei den Rumpfbeugen runter?

Taps, taps, taps, taps - und bei jedem Taps drückt Julia Pfisterer den Zähler. 32 Mal schafft es Luis innerhalb von 15 Sekunden vom einen Feld ins andere zu hüpfen, ohne die Linien drumherum zu berühren. Danach sind Rumpfbeugen gefragt. Wie weit kommt der Sülzbacher runter? Das misst Julia Pfisterer natürlich auch und gibt den Wert direkt ins Tablet ein.

Rückwärts balancieren mit Schuhgröße 48

Auch der zehn Jahre alte Luis gehört zu den Testpersonen. Der junge Sülzbacher ist fit − er macht ja auch viel Sport.

Fotos:Matthias Heibel

Zehn Stationen sind zu absolvieren - auch solche, bei denen man keinen Sport machen, sondern sich konzentrieren muss. Zum Beispiel an der Computer-Ampel: Sobald sie grün aufleuchtet, ist ein Knopf zu drücken. "Das Ziel von MoMo ist, die motorischen Fähigkeiten, die Ausdauer und die die Koordination von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu erfassen und daraus Durchschnittswerte zu bilden", erklärt Gloria Brunnenstein.

Zwischen 2018 und 2020 bereisen sie und ihre Kollegen insgesamt 167 Orte zwischen den Alpen und der Ostsee - einer davon ist eben Obersulm. Die Orte werden so gewählt, dass sich ein repräsentativer Querschnitt ergibt.

Derzeit läuft die dritte Welle

Apropos Schnitt. Es gibt noch einen anderen: den Längsschnitt. Es gab schon mehrere Untersuchungen, teilweise mit denselben Leuten, den sogenannten Längsschnittprobanden, wie Brunnenstein erklärt. So lassen sich Entwicklungen aufzeigen und Antworten auf Fragen wie diese finden: Werden fitte Kinder auch fitte Erwachsene?

Nach der Basiserhebnung zwischen 2003 und 2006 ist die aktuelle Erhebung die dritte Welle der Langzeitstudie. Die Teilnahme ist freiwillig, und sie ist nicht in fünf Minuten erledigt. Eineinhalb bis zwei Stunden dauert es, bis alle zehn Stationen absolviert und die rund 150 Fragen des Fragebogens beantwortet sind. Dafür gibt es dann noch vor Ort ein kleines Geschenk und eine Auswertung.

Viele Werte werden erhoben

Wegen dieser ist Tobias Metzger aus Willsbach der Einladung zur Teilnahme an der Studie gefolgt, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert wird. "Ich wollte wissen, wie mein körperlicher Leistungsstand ist." Mit seinem Ergebnis ist der 17-Jährige "sehr zufrieden", besonders mit seiner Schnelligkeit. Etwas besser hätte es beim Balancieren laufen können - allerdings ist das mit Schuhgröße 48 auch keine einfache Angelegenheit. Der Gymnasiast weiß nun, wie hoch der Wasser-, der Fett- und der Muskelanteil seines Körpers ist.

Etwa 30 Kinder und Jugendliche werden in den zwei Tagen in Eichelberg getestet. Hier bestätigen sich Dinge, die auch andernorts zu beobachten sind: Bei Aufgaben, bei denen Feinmotorik gefragt ist, machen diejenigen weniger Fehler, die viel zeichnen. Testleiterin Gloria Brunnenstein betont: Ganz pauschal zu behaupten, die motorischen Fähigkeiten von Kindern nehmen immer mehr ab, sei nicht richtig.

Derlei Theorie ist Luis ganz egal. Er findet es ziemlich spannend, was in der Alten Kelter geboten ist. "Ich finde es gut, dass ich jetzt meinen Wassergehalt kenne", sagt der Zehnjährige, der mittlerweile auf dem Ergometer sitzt. Julia Pfisterer erklärt dem Jungen, was er zu tun hat. "Wenn du trittst, dann muss hier immer 70 stehen", sagt sie und zeigt auf das Display vor ihm. Bei dieser Station ist Ausdauer gefragt. Davon hat Luis jede Menge - schließlich spielt er Tennis und zwei, drei Mal pro Woche Fußball.

Wer steht hinter MoMo?

Die Motorik-Modul-Studie untersucht die motorische Leistungsfähigkeit und körperlich-sportliche Aktivität von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland. MoMo ist eine Vertiefungsstudie des bundesweiten Kinder- und Jugendggesundheitssurveys des Berliner Robert-Koch-Instituts. MoMo läuft unter der Federführung des Instituts für Sport und Sportwissenschaft am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Beteiligt sind außerdem die Pädagogische Hochschule Karlsruhe und das Robert-Koch-Institut. Nach der Basiserhebung für die Langzeitstudie zwischen 2003 und 2006 lief die erste Erhebungswelle von 2009 bis 2011 und die zweite von 2014 bis 2017. In der aktuellen dritten Welle werden bis 2020 in 167 Orten in ganz Deutschland Erhebungen gemacht. Ein Ergebnis nach den bisherigen Untersuchungswellen: "Kontinuierliche Mitgliedschaft im Sportverein vom Kindes- bis ins Jugendalter ist ein wichtiger Baustein für eine altersgerechte motorische Entwicklung."

 


Anja Krezer

Anja Krezer

Autorin

Anja Krezer ist seit 1999 Redakteurin der Heilbronner Stimme. Sie berichtet hauptsächlich aus dem Weinsberger Tal. Außerdem liegt ihr das Thema Bildung/Schulen am Herzen.

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