Lichtenstern-Marathon widmet sich Behindertensport im Alter

Löwenstein  Zum zwanzigsten Mal werden behinderte und nicht-behinderte Läufer gemeinsam von Obersulm bis nach Schwäbisch Hall laufen. Weltrekordläufer Jürgen Mennel verrät, wie er speziell ältere Teilnehmer auf die Herausforderung vorbereitet hat.

Von Julia Weller

20. Lichtenstern-Marathon widmet sich Behindertensport im Alter

Bettina Schön wird die ersten Meter des Lichtenstern-Marathons am Gehwagen bewältigen. Jürgen Mennel unterstützt sie beim Lauftraining.

Fotos: Julia Weller

 

Manche laufen 30 Meter weit, manche drei Kilometer, aber alle laufen: Marathon. Das ist seit 20 Jahren das Prinzip des Lichtenstern-Laufs, der am heutigen Mittwoch Geburtstag feiert. Zwei Tage lang werden wieder mehrere hundert Teilnehmer - unter ihnen geistig behinderte Bewohner der Evangelischen Stiftung Lichtenstern - von Obersulm nach Schwäbisch Hall laufen. Oder eben Abschnitte der 50 Kilometer langen Strecke bewältigen, ganz nach den eigenen Fähigkeiten.

Sanftes Training mit allen Sinnen

Der Weltrekordläufer Jürgen Mennel, Sporttherapeut in Lichtenstern, hat den Marathon 1997 ins Leben gerufen. Mit den Jahren sind die Teilnehmer fitter und zahlreicher geworden, außerdem hat die Veranstaltung an gesellschaftlicher Bedeutung gewonnen. "Wir haben jedes Jahr ein Schwerpunkt-Thema, und dieses Mal beschäftigen wir uns mit Bewegungsmöglichkeiten für geistig Behinderte im Alter", erzählt Mennel. Denn nicht nur der Marathon feiert runden Geburtstag: "Wir sind die erste Generation, in der Behinderte auch mal 70, 80 oder 90 Jahre alt werden. Das ist medizinisch ganz neu."

Viele der Lichtenstern-Bewohner können weder sprechen noch eigenständig laufen, oft fehlt ein Bewegungsimpuls von außen. "Man muss sie ein wenig fordern", erklärt Mennel, "vor allem müssen die Sinne aufgeweckt werden, damit die Leute in Bewegung kommen." Im eigens dafür angelegten Sinnesgarten nehmen die 50- bis 90-Jährigen zum Beispiel die Düfte blühender Kräuter und Blumen wahr. Auf dem Balance-Parcours können Geübte entlang eines Seils über eine niedrige Steinmauer gehen oder über Kies, Sand und Rindenmulch laufen.

Spitzensport und soziales Engagement

Beim Marathon machen aber auch Menschen mit, die gänzlich auf Rollstuhl oder Gehwagen angewiesen sind, zum Beispiel Bettina Schön. Die 54-Jährige wird die ersten 30 Meter am Rollator zurücklegen, anschließend wird sie noch ein kleines Stück an der Hand ihrer Pflegerin gehen. Mennel und Schön üben regelmäßig zusammen, wichtig ist dem Trainer dabei vor allem der Atem-Rhythmus: "Das ist wie im Profisport. Das Durchschnaufen, also die Regeneration des Körpers, muss geübt werden." Und Mennel muss es wissen: Von der Region Heilbronn aus ist er unter anderem schon nach Berlin, Athen und ins französische Carmaux gelaufen.

20. Lichtenstern-Marathon widmet sich Behindertensport im Alter

Jürgen Mennel arbeitet seit 28 Jahren als Sporttherapeut bei der Evangelischen Stiftung Lichtenstern. Zurzeit beschäftigt er sich vor allem mit älteren Bewohnern.

 

Als Jugendlicher nahm er an deutschen Meisterschaften teil, mit 48 knackte er den Weltrekord für die meisten gelaufenen Kilometer. Zur sportlichen Arbeit mit Behinderten kam er mit Anfang 20: Auf der Rückfahrt von einem Wettkampf traf Mennel, enttäuscht über seinen neunten Platz, eine Gruppe Behinderter. "Die war bester Laune, obwohl sie sogar ein Spiel verloren hatte, und ich saß da als Neuntbester in Deutschland und zog so ein Gesicht." Da sei ihm klar geworden, dass neben der sportlichen Leistung auch das Soziale im Leben nicht zu kurz kommen darf.

Aktiv im Alltag

So läuft der 57-Jährige nun jeden Tag sieben Kilometer zu Fuß nach Lichtenstern, sein eigenes Training ist dadurch in den Alltag integriert. Das Kernteam der behinderten Läufer, das mit ihm die komplette Marathonstrecke bewältigen wird, macht es ähnlich: Die Behinderten trainieren in Vereinen und sind täglich an der frischen Luft unterwegs. "Das ist eigentlich das Ziel der Veranstaltung: Es soll kein Event sein, sondern den Alltag der Leute nachhaltig prägen und auch die Öffentlichkeit erreichen." Der Behindertensport sei, so Mennel, im Seniorenbereich nämlich noch unterentwickelt, es fehlten Angebote und Fachwissen. Aber jeder Meter, den Bettina Schön heute am Gehwagen zurücklegt, setze ein Zeichen für die nötige Veränderung.

Los geht es heute um 10 Uhr am Evangelischen Paul-Distelbarth-Gymnasium in Obersulm, die erste Etappe führt zur Grundschule Affaltrach. Von beiden Schulen laufen zahlreiche Kinder und Jugendliche auf den ersten Kilometern mit. Das sechsköpfige Läuferteam aus Lichtenstern wird anschließend weiter nach Waldenburg laufen, wo die Teilnehmer massiert werden und sich erholen können. Am Donnerstag geht es von dort aus weiter bis nach Schwäbisch Hall, wo Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim die Läufer empfangen wird.