In Donnbronn steht eine Telefonzelle voller Bücher

Untergruppenbach-Donnbronn  Am Dorfplatz steht seit Mai eine Telefonzelle voller Literatur. Die kostenlose Mini-Bibliothek kommt sehr gut an

Von Bigna Fink

In Donnbronn steht eine Telefonzelle voller Bücher
Bei der Bushaltestelle in der Ortsmitte gibt es in einer Telefonzelle rund 170 Bücher zu entdecken, von Klassikern über Jugendbücher hin zu Ratgebern. Foto: Bigna Fink.

In Donnbronn kann es richtig Spaß machen, den Bus zu verpassen. Denn in dem Weiler nordwestlich von Untergruppenbach steht ein Bücherhäusle. Ein öffentlicher Bücherschrank, der dazu dient, Bücher zu tauschen, zu schenken, weiterzugeben. Seit dem 18. Mai bereichert diese kostenlose Mini-Bibliothek in Form einer Telekom-Telefonzelle den Dorfplatz.

Hinter der Tür wartet eine Welt der Geschichten 

Vor 20 Jahren befand sich hinter der Tür ein Münztelefon mit magentafarbenem Hörer. Jetzt wartet hinter der Telefonzellentür eine Welt der Geschichten. Die Leser entdecken hier etwa "Feuchtgebiete", den einst leidenschaftlich umstrittenen Bestseller von Charlotte Roche über sexuelle Tabus. Oder auch "Der Chinese", ein Thriller des Krimi-Meisters Henning Mankell.

Rund 170 Bücher, zählt Gerhard Wolf, gibt es hier auf der Fläche eines Quadratmeters, "24 Stunden am Tag geöffnet." Der 77-Jährige ist die "gute Seele der Gemeinde", wie Norbert Weinert, ein Ur-Donnbronner, dazwischenruft. Wolf war vor seiner Rente Zimmermann, seine Kenntnisse setzte er nun für das neue Bücherhäusle des Dorfes ein. Er baute einen Bücherschrank aus Fichte nach Maß in die purpur-graue Telefonzelle hinein.

Die Mini-Bücherei mit dem kostenlosen Lesematerial ist ein Gemeinschaftsprojekt

Das Bücherhäusle ist ein Gemeinschaftsprojekt par excellence: Eva Schumacher, eine 53-jährige Donnbronnerin, kam vor zwei Jahren auf die Idee. Da ihr auf Fahrradtouren in anderen Gemeinden solche öffentlichen Bücherschränke auffielen, dachte sie sich, dass man so etwas doch auch in ihrem kleinen Ort aufstellen könnte.

Als sie die Idee Lopetra Möhle, Gemeinderätin der CDU in Untergruppenbach, mitteilte, war diese ganz begeistert. Wie viele andere öffentliche Bücherschränke sollte es eine Telefonzelle sein: Äußerst praktisch, da stabil, mit montierter Tür und wetterfest.

800 Euro wollten die Donnbronner nicht bezahlen 

"Dann habe ich meine Fühler ausgestreckt, wo wir denn eine alte Telefonzelle herbekommen", erzählt die 57-jährige Möhle die Geschichte des Donnbronner Bücherhäusles weiter. Ich habe herausbekommen, dass die Telekom in Berlin die Zellen für 800 Euro verkauft, das war uns natürlich plus Transportkosten viel zu teuer."

Hier griff Norbert Weinert ein, der sich ebenfalls als CDUler im Untergruppenbacher Gemeinderat engagiert. "Durch gute Beziehungen", wie er sagt, konnte er ohne große Kosten im Umkreis eine Telefonzelle auftreiben.

Zwei Jahre später fand dieses fast schon historische Relikt der menschlichen Fernkommunikation seine Reinkarnation als Gratis-Mikro-Bücherei. Der Sohn von Lopetra Möhle steuerte als Grafiker die Beschriftungen der Bücherrubriken an den Regalen bei sowie ein Hinweisschild zur Nutzung des Häusles.

Neue Bücher tauchen auf, alte verschwinden

"Die Leute nehmen das Bücherhäusle wirklich sehr gut an", freut sich Eva Schumacher. Die Vertrauensbasis des Bücherschrank-Prinzips stimmt: Von den Büchern, die sie bei der Einweihung von sich in den Schrank gestellt haben, sind kaum noch welche da. Dafür kamen viele neue hinzu.

Die vier Macher des Bücherhäusles, Schumacher, Möhle, Weinert und Wolf, hocken an diesem verschlafenen Sommervormittag mit einem Gläsle Heilbronner Sekt auf der Bank des hölzernen Bushaltestellenunterstands am Dorfplatz. Sie sind stolz auf die positive Entwicklung des Bücherhäusles seit der Einweihung im Frühjahr.

Oft sieht Eva Schumacher, die nur etwa 200 Meter vom Dorfplatz entfernt wohnt, wie Leute in die ehemalige Telefonzelle gehen und mit einem Buch herauskommen. Menschen, jung und alt, bringen immer wieder Bücher vorbei, die sie nicht mehr brauchen und die noch top erhalten sind. Denn zum Wegschmeißen sind die Publikationen - oft nur einmal gelesen und deshalb wie neu - zu schade.

In Donnbronn steht eine Telefonzelle voller Bücher
Die Donnbronner Gerhard Wolf, Lopetra Möhle, Eva Schumacher und Norbert Weinert (von links) stoßen auf das Bücherhäusle an, das sie in Teamarbeit realisieren konnten. Foto: Bigna Fink.

Literatur regt zum Nachdenken an

Eva Schumacher ist die "Bibliothekarin" des Donnbronner Bücherhäusles - sie macht immer wieder Inventur, sortiert alte Bücher aus, damit es Platz gibt für die neuen. "Gerade jetzt in der Urlaubszeit nutzen zahlreiche Bürger die Bücher aus dem Bücherhäusle", beobachtet sie. Großeltern mit ihren Enkeln kämen oft vorbei, verbänden einen Spaziergang von Untergruppenbach zum Spielplatz mit einem Abstecher zum Donnbronner Bücherhäusle.

Neben Norbert Weinert liegt "Anne Franks Tagebuch". Er hat das Werk der Weltliteratur eines jüdisches Mädchens, das sich vor den Nazis versteckt, aus dem Bücherhäusle und schon fast fertiggelesen. "Schwere Kost, aber seine Botschaft ist so wichtig wie nie zuvor."

 

Das Konzept der Bücherschränke

Offene Bücherschränke gibt es seit den 90ern, die ersten stellte das Künstlerduo Clegg & Guttmann in Graz auf. Die Aktionskünstler verstanden die Installation von einfachen Bücherschränken in der Stadt als "sozialkommunikativen Prozess". Leute stellen Bücher in die öffentlichen Regale - in ausrangierten Telefonzellen, alten Schränken, Häuschen - für neue Leser. Das Konzept fördert den Austausch von Literatur.

In Deutschland werden Bücherschränke meist gerne genutzt, in fast jeder Stadt und vielen Gemeinden finden sich welche. Laut einer Studie der Universität Bonn stellen Senioren mehr Bücher in den Schrank, als sie nehmen, Studenten handeln umgekehrt. Aktuell gibt es deutschlandweit laut der Plattform OpenBookCase fast 4000 eingetragene Bücherschränke.

Am Donnbronner Bücherhäusle steht ein Nutzungshinweis: "Buch nach Geschmack mitnehmen. So lange wie es eben dauert. Buch wieder zurückbringen oder behalten. Eigenes tolles Buch zur Verfügung stellen für die anderen." Im Bücherhäusle finden sich folgende Rubriken: Krimi/Thriller, Sachbuch, Roman, Jugendbuch, Bilderbuch und Kinderbuch.

 

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