Erster Jahrgang der Obersulmer Gemeinschaftsschule hat die Mittlere Reife

Obersulm  Wie sehen Jugendliche ihre Zeit an der Gemeinschaftsschule? Sie ziehen eine positive Bilanz. Der Name ist Programm: Die Gemeinschaft wird gefördert.

Von Sabine Friedrich
Mit Gänsehaut zur Abschlussfeier: Der erste Jahrgang der Obersulmer Gemeinschaftsschule hat die Mittlere Reife

Die Prüfungen sind geschafft, jetzt kann gefeiert werden. Leon, Florian, Matleena, Dustin und Maximilian (v.l. mit Klassenlehrerin Bettina Lauser) gehören zu den ersten Absolventen der Gemeinschaftsschule Obersulm.

Foto: Dennis Mugler

Wo stehen wir? Haben wir es gut gemacht? Wie erfolgreich sind wir? Fragen, die Lehrer und Schüler der Michael-Beheim-Schule in Obersulm (MBS) in diesem Schuljahr besonders beschäftigt haben. Denn der erste Jahrgang der Gemeinschaftsschule hat jetzt die Mittlere Reife abgelegt. Und so steht der Abschlussfeier an diesem Freitag unter dem Motto "VIP" nichts im Wege.

"Es ist schon was Besonderes", sagt Matleena mit Blick auf die Premiere. 20 der 21 Prüflinge haben bestanden, zum Teil mit so guten Ergebnissen, dass Rektor Eric Sohnle Preise und Belobigungen verteilen kann.

Ein ganz besonderes Erlebnis auch für den Rektor

"Ich werde schon mehr Gänsehaut haben als sonst. Es ist ein ganz besonderes Erlebnis. Wir haben so darauf hingefiebert, den ersten Jahrgang zu durchlaufen", sagt Sohnle. "Dass wir so erfolgreich waren, ist eine Bestätigung und Genugtuung für die Lehrer und für die Schüler eine wunderbare Sache", ergänzt er.

Der Realschulabschluss stand als Ziel fest

Und die sind ganz stolz, auch wenn sich das Quintett, das der Heilbronner Stimme Auskunft gibt, bescheiden zeigt. "Man fühlt sich erleichtert, dass es vorbei ist", sagt die 15-jährige Matleena. "Es war doch stressiger als gedacht", meint Florian zu den Abschlussprüfungen. Für beide war von Anfang an klar, dass sie an der 2013/2014 eingeführten Gemeinschaftsschule (GMS) die Mittlere Reife anstreben. Sowohl die 15-Jährige wie der 16-Jährige hatten eine Empfehlung für die Realschule. Matleena hat sich für die GMS entschieden, weil ihr die örtliche Realschule zu groß erschien. "Sie war mir zu voll", sagt die Obersulmerin.

Florian, der seine Grundschulzeit in Affaltrach verbrachte, schaute sich die MBS an. "Ich habe gedacht, das passt." Maximilian (17) überzeugte, dass er an dieser Einrichtung zwei Abschlüsse machen konnte. Und so legte er in Klasse neun den Hauptschulabschluss ab und nun die Mittlere Reife. "Das hat ja super klasse geklappt. Das hast du richtig gut gemacht", lobt Klassenlehrerin Bettina Lauser den Lehrensteinsfelder.

Zuerst noch schüchtern, jetzt selbstbewusst

Ein bisschen Skepsis ging mit der neuen Schulform schon einher, das gibt Leon zu. "Ich war schüchtern, ein kleines Mauerblümchen", erinnert er sich. Deshalb hätten seine Eltern trotz Empfehlung gedacht, er sei noch nicht bereit fürs Gymnasium. Nun ist der 16-Jährige selbstbewusst und "mutiger als früher". Und jetzt bereit fürs Gymnasium. Wie sein Freund Dustin hat er das Abitur am Technischen Gymnasium in Öhringen als Ziel. "Ich denke, die Schule hat mir gut getan. Ich bin zufrieden", zieht Leon nach sechs Jahren Gemeinschaftsschule Bilanz. "Wenn ich in einem Fach nicht so gut war, dann konnte ich ein bisschen weniger machen", sieht er einen Vorteil in den unterschiedlichen Niveaustufen.

Die Gemeinschaft wächst

Florian, der erzählt, dass seine Mutter vom Konzept der Gemeinschaftsschule hellauf begeistert gewesen sei, macht große Veränderungen an der MBS aus. Was das Zusammenleben betrifft. "Viel mehr Menschen kommen aus verschiedenen Bildungsebenen zusammen, das ist vielseitiger und vielschichtiger." Und für ihn ist der Name Programm. Sich gegenseitig zu helfen, wovon beide Seiten profitierten, das werde an der GMS gefördert. "Da wächst die Gemeinschaft, man ist solidarisch", sind die Erfahrungen des 16-Jährigen, der seit drei Jahren Schulsprecher ist und im Karoline-Schnizler-Kindergarten in Obersulm eine Ausbildung zum Erzieher beginnt. Matleena wechselt aufs Agrarwissenschaftliche Gymnasium Öhringen. Maximilian kann sich noch ein wenig Zeit lassen mit seiner Entscheidung während des Freiwilligen Sozialen Jahrs an einem Kindergarten.

"Ich habe mich als Vorreiter und Visionär empfunden", sagt Florian schmunzelnd, keinesfalls als Testperson für eine neue Schulform. "Die hatten schon einen Plan", stellt er zur Konzeption und zum Lehrerkollegium fest. Können die Absolventen die Gemeinschaftsschule empfehlen? "Ja, auf jeden Fall", antwortet Matleena. "Im Großen und Ganzen hat mir die Schule richtig gut gefallen."

 

Die neue Schulform hat der Bildungseinrichtung einen Schub gegeben

Den Vergleich mit einer Realschule muss die Michael-Beheim-Gemeinschaftsschule nicht scheuen. Die Zehntklässler der Weibertreuschule Weinsberg - die Kooperationsschule - schlossen mit einem Schnitt von 2,4 ab, die Obersulmer mit 2,6. "Wir haben so lange darauf hingearbeitet und wollten wissen, ob wir mit unserer Schulform Erfolg haben", sagt die Klassenlehrerin der 21 Zehner, Bettina Lauser. die sich nun bestätigt sieht.

Rektor Eric Sohnle beobachtet, dass die meisten Schüler an der GMS sich in ihrer Niveaustufe positiv entwickeln und häufig eine höhere Stufe erreichten als die Grundschulempfehlung aussagte. "Die Schüler sind selbstbewusster und verantwortungsbewusster und identifizieren sich sehr stark mit der Schule", sagt Sohnle. Die Mittlere Reife als Abschluss stärke die Persönlichkeit. "Das gibt schon einen Schub."

Den habe es auch für die Bildungseinrichtung gegeben. Das Image habe sich verbessert, es gebe eine ruhigere und harmonischere Arbeitsatmosphäre. Die Schülerschaft setze sich anders zusammen. Es gebe viele Anmeldungen von Kindern mit Realschul- oder Gymnasialempfehlung. Ziel sei es deshalb, das Niveau für leistungsstarke Schüler kontinuierlich hoch zu halten, ab Klasse 8 das Fachlehrerprinzip anzuwenden. Wichtig ist Sohnle auch das regelmäßige Schüler-/Lehrercoaching, auch wenn es dafür keine extra Lehrerstunden gibt.

Die Kooperation zwischen der Grund- und der Gemeinschaftsschule will Sohne intensivieren, bleiben doch zu wenige Beheim-Schüler in der Sekundarstufe vor Ort. Ein Phänomen, das auch anderswo zu beobachten sei. Mit 54 Kindern startet die GMS in Obersulm so stark wie noch nie in ein neues Schuljahr. 2019/20 werden 42 Sechsklässler, rund 40 Siebt-, 53 Acht-, 40 Neunt- und 25 Zehntklässler von 40 Pädagogen unterrichtet.

 


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