Diese Klimaschutzprojekte plant Wüstenrot

Wüstenrot  Mit dem Akku des E-Autos auch kochen? Mit dem European Energie Award plant die Gemeinde Wüstenrot weitere innovative Maßnahmen zum Klimaschutz.

Von Sabine Friedrich

Wüstenrot

Die Georg-Kropp-Halle und -Schule (im Vordergrund) sowie Kindergärten, Privathaushalte und Geschäfte sind im ersten Abschnitt an das Nahwärmenetz im Teilort Wüstenrot angeschlossen. Foto: Dennis Mugler

Da kann man nur staunen, was sich Wüstenrot weiter auf die Fahnen schreibt in Sachen Klimaschutz. Nach Ilsfeld vor zwei Jahren wird die Gemeinde als zweite Kommune in Stadt- und Landkreis Heilbronn mit dem European Energy Award (EEA) ausgezeichnet.

Mit dieser Zertifizierung, die noch dieses Jahr zu erwarten ist, darf sich Wüstenrot europäische Energie- und Klimaschutzkommune nennen. Das Arbeitsprogramm, das der Gemeinderat am Dienstagabend einstimmig beschlossen hat, sieht zum Beispiel Wärmegewinnung aus Abwasser, eine Lade-Infrastruktur für E-Mobilität oder einen Energieerlebnispfad vor.

Zehn bis 30 Prozent der Kosten bleiben bei Gemeinde

"Es ist für die Gemeinde eine ganz tolle Sache, von diversen Fördertöpfen der EU, des Bundes und des Landes so gut bedient zu werden", beschreibt Thomas Löffelhardt, Energiebeauftragter im Rathaus, die Chance, die sich mit dem EEA weiter bietet. Wer zertifiziert ist, bekommt zu den normalen Fördersätzen bei Klimaschutzprojekten noch fünf bis zehn Prozent "on top", wie Löffelhardt ausführt. Eine Summe zum Gesamtpaket kann er nicht nennen. Zehn bis 30 Prozent der Kosten müsse die Gemeinde tragen, der Rest werde gefördert.

Der externe EEA-Berater Uwe Schelling zeigt in der Sitzung den Weg zur Zertifizierung auf und wo sich die Gemeinde gerade befindet. Die Kriterien für das Prädikat sind erfüllt, und zwar in einem Maß, dass es dafür auch einen Preis gibt mit dem Namenszusatz, mit dem man zum Beispiel die Ortsschilder versehen kann.

Energie-Team wird aufgestockt

Löffelhardt greift auf Nachfrage der Heilbronner Stimme einige Ziele aus dem Arbeitsprogramm heraus, das er zusammen mit weiteren Mitarbeitern des Bauamts im Energie-Team erarbeitet hat - dieses soll um weitere Fachbereiche, Räte und Bürger ergänzt werden.

  • Elektromobilität: Das Potenzial wird analysiert. Mit Mainhardt ist bereits eine Infrastrukturstudie in Auftrag gegeben. Es soll eine Lade-Infrastruktur aufgebaut werden für E-Autos und E-Bikes. Nur ein einheitliches Konzept auf regionaler Basis macht für Löffelhardt Sinn bei Bikeports für Fahrräder und Pedelecs mit Ladestationen. Hier laufen Gespräche mit Landkreis und Tourismusgemeinschaften.

  • Bi-direktionale Ladestationen: Es wird untersucht, ob gespeicherter Strom in E-Mobilen auch nutzbar gemacht werden kann für Privathaushalte und öffentliche Gebäude. Der Akku von E- oder Hybridautos, gespeist durch Photovoltaikanlagen, könnte dann angezapft werden, etwa zum Kochen. Die Hochschule für Technik Stuttgart hat bereits einen Antrag gestellt, dass Wüstenrot Umsetzungsgemeinde wird.

  • Sanierungskonzept: Ein Fahrplan für die nächsten zehn Jahre soll die energetische Sanierung öffentlicher Gebäude festlegen. Zudem hat die Gemeinde beim Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum ihr Interesse bekundet, am Projekt einer Satellitenüberfliegung eines ihrer Ortsteile teilzunehmen, um den energetischen Ist-Zustand der Gebäude zu erfassen.

  • Wärme aus Abwasser: Nicht nur Strom soll in der künftig geplanten zentralen Kläranlage Neulautern erzeugt werden. Wärmegewinnung aus Abwasser wird mit der Hochschule für Technik in Stuttgart erforscht und soll 2019/20 umgesetzt werden.

  • Energieerlebnispfad: An neun Stationen werden die energetischen Technologien aufgezeigt. An den Standorten kann der Radfahrer oder Fußgänger sich zum Beispiel an der Burgfriedenhalle über Tablet oder Smartphone einloggen, um die Funktionsweise der Technik zu sehen. "Noch spannender" findet Löffelhardt die geplante unterrichtstaugliche App, nutzbar vom Grundschüler bis zum Masterstudenten. Die Georg-Kropp-Schule soll Kooperationspartner sein, zum Beispiel Messeinrichtungen im Technikunterricht herstellen.

Forschungsprojekt Envisage

Im Forschungsprojekt des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie Envisage (von 2012 bis 2016) hat sich die Gemeinde Wüstenrot zur Aufgabe gesetzt, bis zum Jahr 2020 energieautark zu werden. Das schafft sie nicht ganz, es wird wohl 2030 werden. Dafür wurde ein Fahrplan entwickelt, um Energie-Plus-Kommune zu werden. 3,4 Millionen Euro flossen an Fördermitteln.

Das Vorzeigeprojekt ist die Energie-Plus-Siedlung "Vordere Viehweide". Dieses Neubaugebiet wird über ein kaltes Wärmenetz versorgt, welches von einem Agrothermiekollektor gepeist wird. Circa 20 Häuser sind Selbstversorger, haben sie doch Wärmepumpen, Solarthermie und Photovoltaikanlagen. Es wurden Energieversorgungsstrategien entwickelt und ein Projektleitfaden erstellt.

Die Straßenbeleuchtung wurde auf LED umgestellt, in Weihenbronn sind Rathaus, Feuerwehrhaus und Bauhof sowie fünf Privathäuser an ein Nahwärmenetz mit Solarthermie angeschlossen. Im Frühjahr 2018 wurde im Teilort Wüstenrot der erste Abschnitt des dortigen Nahwärmenetzes bis Bethanien installiert, an das Georg-Kropp-Halle und -Schule, die beiden Kindergärten, Privathaushalte und Geschäfte sowie der Neubau des evangelischen Gemeindehauses angeschlossen sind. Kostenlose Beratung erhalten Einwohner nach der Anmeldung im Landratsamt im Energie-Infopunkt im ehemaligen Polizeiposten. Am Rathaus gibt es eine Stromtankstelle.

 

Einhellige Meinung des Gemeinderats: Weitermachen

Die Reaktionen des Gemeinderats auf das energiepolitische Arbeitsprogramm waren fast durchweg positiv. Da die Kommune schon in vielen Bereichen in Sachen Klimaschutz aktiv sei, würde sie sich Wege verbauen, wenn sie jetzt nicht weitermache, meinte Heiko Dietterle (FWV). "Wir können sehr gut an Fördergelder rankommen", ergänzte er. Deshalb seien die Kosten "problemlos refinanzierbar".

Auch Frank Greiner (FWV) unterstützte das Vorgehen. Der Klimawandel sei in aller Munde, gab er zu bedenken. Und wenn man mit Projekten Fördermaßnahmen in Anspruch nehmen könne, sei das nur zu begrüßen.

"Das passt wunderbar in unser Portefolio", stellte Peter Wetter (SPD) fest. Sich jetzt auf dem auszuruhen, was man erreicht habe, bringe nichts, war die Meinung von Hubert Sinn (FWV). "Wir müssen weitermachen", betonte er.

Manfred Schmidgall (FWV) fand die Ausführungen interessant, fühlte sich jedoch überfahren, das Arbeitsprogramm gleich zu beschließen. Thomas Löffelhardt, Energiebeauftragter im Rathaus, versicherte, jede Einzelmaßnahme werde im Gremium vorgestellt und darüber abgestimmt.

 


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