Das Projekt "Wehräcker II" spaltet die Gemeinde

Abstatt  Die einen wollen ihre Äcker verkaufen für ein neues Wohngebiet. Die anderen wollen, dass das Gebiet nicht bebaut wird. Im Streit um das Projekt "Wehräcker II" melden sich die Eigentümer der Ackerflächen zu Wort.

Von Patricia Okrafka
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Die Eigentümer der Ackerfläche und Kleingärten wollen verkaufen. Sie sind für die Umlegung des Gebiets "Wehräcker II". Von links: Markus Barthau, Roland und Irene Frank, Christa Härle und Ingrid Köster.

Foto: Patricia Okrafka

Die Familie von Ingrid Köster lebt seit vier Generationen in Abstatt. Sie hat miterlebt, wie Bosch gebaut hat und "Wehräcker I" entstanden ist. Doch so etwas wie jetzt, habe Köster noch nie erlebt. "Ich kann nicht mal mehr mit meiner Freundin Kaffee trinken", sagt sie. So sehr spaltet das geplante Wohngebiet "Wehräcker II" die Einwohner Abstatts.

Ingrid Köster vertritt die Erbengemeinschaft

Kösters Mutter Waltraud Barthau und Hilde Krafft gehört die Ackerfläche, auf der gebaut werden soll. Als Tochter vertritt sie die Erbengemeinschaft. Egal, ob beim Bäcker oder beim Friseur: Jedes Mal laufen die Gespräche auf das eine Thema hinaus. "Ich bin betroffen und für die Umlegung. Dann werde ich komisch angeguckt", sagt Köster. "Man müsse die Landwirtschaft erhalten", kriege sie zu hören.

Doch ganz so einfach sei es nicht, denn "Wehräcker" schaffe Wohnraum, sagt Köster. Bereits vor 15 Jahren habe die Gemeinde "Wehräcker I" ausgewiesen, das nun erweitert werden soll. Genau dort, im schon bestehenden Wohngebiet, leben auch Vertreter der Bürgerinitiative. Das stößt bei Kösters Bruder Markus Barthau auf Unverständnis: "Die haben profitiert, dass dort gebaut wurde. Dass die jetzt "Wehräcker II" verhindern wollen, verstehe ich nicht."

Die Argumente der Bürgerinitiative sind für die Eigentümer nicht nachvollziehbar

Für die Eigentümer der Ackerfläche seien die Argumente nicht nachvollziehbar, mit denen die Bürgerinitiative Wehräcker wirbt. Einige hätten gar keinen Bezug zum Baugebiet: "Das Biotop beispielsweise, das aufgeführt wird, ist auf Auensteiner Gemarkung", sagt Christa Härle über ein Argument auf dem Informationsblatt Bürgerbegehren. Ihr und Irene Frank gehören die 30 Ar Kleingärten neben der 75 Ar großen Ackerfläche.

Im Flyer der Bürgerinitiative wird weiter von der Gefährung der bäuerlichen Nahversorgung gesprochen. Doch das Bauernlädle sei laut Härle nicht gefährdet. Der Landwirt hätte von Seiten der Gemeinde eine Ausgleichsfläche angeboten bekommen. Köster: "Wir haben die Argumente beim Landwirt hinterfragt: ,Fällt der Bauernladen weg?' und ,Kannst du nicht existieren, weil der Acker wegfällt?'. Beides wurde verneint."

Auch für die wegfallende Gartenanlage habe es einen Vorschlag gegeben. "Mein Bruder hat ein Grundstück mit Kleingärten an der Schozach angeboten. Wir waren bereit, es zu verpachten, doch wir merkten, dass die Bürgerinitiative nicht für Kompromisse bereit ist", sagt Köster.

Die Gemeindeverwaltung geht auf Wünsche ein

Was auch einen Nachgeschmack bei den Eigentümern hinterlässt: "Die Gemeindeverwaltung geht auf viele Wünsche ein. Es gibt auch breitere Gehwege. Diese Maßnahmen werden von der Bürgerinitiative ignoriert."

Sogar in sozialen Netzwerken finden Debatten statt, sagt Härle. Auf Facebook hätte ein Bosch-Mitarbeiter geschrieben: "Ich pendel weiter. Ich will kein Grundstück erwerben, wo man nicht erwünscht ist."

Der Verkauf des Ackers könnte das Studium des Sohns bezahlen

Ingrid Köster hat sich überlegt, im geplanten Baugebiet ein Grundstück zu kaufen. "Doch Eigennutzung wird nicht gern gesehen. Es hieß: entweder Fremde oder niemand. Man traut sich gar nicht zu sagen, dass man Pläne hat." Die 52-Jährige weiß nicht, ob sie ihr Zuhause weiter renovieren soll. "Das Haus ist renovierungsbedürftig und viel zu groß für mich und meinen Sohn Arne."

Auch wie sie das Studium ihres zweiten Sohnes Jan finanzieren soll, weiß sie nicht. Durch den Verkauf der Ackerfläche, wäre dieses Problem gelöst.

Trotz allem sind die Eigentümer jederzeit bereit für weitere Gespräche. "Was bringt's, wenn's nur ums Eigeninteresse geht", sagt Köster.
 


Flächen

Das Plangebiet "Wehräcker II" liegt südlich der Schozach und westlich des bereits vorhandenen Baugebiets "Wehräcker" und umfasst eine Fläche von rund 100 Ar. Davon sind 30 Ar Kleingärten. Die reine Baufläche beträgt 70 Ar und ist somit etwa so groß wie ein Fußballfeld. Geplant sind 15 Bauplätze.

Im Januar hatte der Gemeinderat den Bebauungsplan trotz Bürgerbegehren auf den Weg gebracht. Ob dieses zulässig ist, entscheidet das Gremium am Dienstag, 12. März, um 19 Uhr.

 


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