Auf dem Talheimer Rathausplatz schiebt keiner eine ruhige Kugel

Talheim  Seit neun Jahren wird in Talheim Boule gespielt. Das Gelände muss man lesen können. Annäherungsversuche an die Sportart mit dem Schweinchen.

Von Sabine Friedrich
Hier schiebt keiner eine ruhige Kugel auf dem Talheimer Rathausplatz

Bis zu 800 Gramm schwer sind die Kugeln aus Metall.

Mal ist ein dumpfes Rollen, das der sandige Untergrund fast verschluckt, zu vernehmen. Dann wieder ein lautes, metallisches Klacken. Je nach Spielzug, Strategie, Können und natürlich ein bisschen Glück.

Mancher Werfer zielt bewusst auf die gegnerische Kugel, um sie weit weg zu kicken. Ein anderer hat hingegen das Schweinchen im Blick und möchte diesem auf sanftere Weise ganz nah kommen. Das ist das Ziel des Spiels - und dafür gibt es Punkte. Darum kämpfen an diesem Abend auf dem Talheimer Rathausplatz 16 Frauen und Männer in Zweier-, Dreier- und Viererteams. Hier geht's tatsächlich rund - beim Boule.

Bäume und Laternenmasten als Handicaps

Unter den Bäumen, zwischen Laternenmasten und Bänken befindet sich das Spielfeld. Keine mit Holz eingefasste Bahn. "Das ist natur", meint Albert Mayan scherzhaft. "Das sind unsere Handicaps, sie sind die Überraschungsmomente", meint Rolf Becker zu der Möblierung des Areals zwischen Brunnen, Parkplatz und Büschen als Abgrenzung zur Straße. Christiane Staab spricht von Cross-Boule.

Hier schiebt keiner eine ruhige Kugel auf dem Talheimer Rathausplatz

Jeder hat seine eigene Wurftechnik. Bei Christiane Staab sieht sie schwungvoll und vor allem gekonnt aus.

Der große Vorteil des Geländes: Initiator und Organisator Karl Bleyer kann die Teams auf verschiedene Bereiche verteilen. "Eins gegen zwei spielt da hinten. Drei gegen vier da vorne, fünf gegen sechs hier herum." Jeder greift sich Kugeln, je nach Teamstärke sind es bis zu drei Würfe pro Partie. Die Mannschaften werden nicht gewählt, sondern ausgelost. Staab hat Uno-Karten verteilt, die jeweiligen Nummern finden zusammen. "Wo ist die Fünf?" "Ich brauche noch eine Drei."

Großes sportliches Können ist keine Voraussetzung

"Es macht Spaß, man muss nicht extra einem Verein betreten", erklärt Eva Volz, warum sie diesem Spiel mit französischem Flair frönt. "Man muss keine Sportskanone sein", ist Staab überzeugt, dass jeder mitmachen kann. Volz nickt. "Als ich angefangen habe, hatte ich keine Ahnung." Wenn jemand Neues dazustoße, nehme man diesen einfach an die Hand und sage: So geht's.

Volz macht einen Ausfallschritt, geht ein wenig in die Knie, wippt ein bisschen, um mit Schwung die Kugel gen "Cochonette", wie das Schweinchen auf Französisch heißt, zu werfen. "Jeder hat seine Methode", weiß Bleyer. Der eine wirft aus dem Handgelenk heraus, der andere aus der offenen Hand. Das Gelände, das teils abfällt, teils ein wenig ansteigt, gilt es zu lesen. Bei langer Trockenheit ist das Sand- und Kiesgemisch knallhart. "Dann hauen die Kugeln unheimlich schnell ab", weiß Bleyer. Hat's geregnet, wird es hingegen weich.

Es wird mitgefiebert, fast jeder Wurf kommentiert. "Oh", entfährt es Volz, als ihr Team ins Hintertreffen gerät. Christiane Staab von der gegnerischen Mannschaft ist ein Coup gelungen. Ihre braune Kugel trifft das Schweinchen, so dass sich die Kugel eines Mitspielers plötzlich ganz nah am Cochonette befindet. Staabs Jubel hält nicht lange an. Denn schon kommt eine silberne Kugel noch näher zum Liegen.

Im Zweifel kommt das Maßband zum Einsatz

Hier schiebt keiner eine ruhige Kugel auf dem Talheimer Rathausplatz

Das Maßband wird schon mal gezückt: Welche Kugel ist am nächsten am Schweinchen? Gisela Hahn, Maria Mayan, Eva Volz (vorne), Viola Kutzner und Christiane Staab (v.l.) finden es heraus.

Fotos: Christiana Kunz

Einen Schiedsrichter braucht es nicht. Das regeln die Teams untereinander. Maria Mayan macht "Hennedäpperle", um abzuschätzen, welche Kugeln am nächsten zum Schweinchen liegen. Viola Kutzner nimmt schon mal die gespreizten Finger. Und wenn es strittig ist, dann kommt das Maßband zum Einsatz, unter den wachsamen Augen der beiden Gegner. Da wird auch schon mal über Millimeter diskutiert. Also ist doch sportlicher Ehrgeiz im Spiel. "Wir haben den Punkt gemacht", freut sich Kutzner.

"Krach machen wir meistens in Form von Lachen und frechen Kommentaren", fasst Volz das Geschehen am Rande zusammen. "Manchmal bleiben Leute stehen und geben ihre Kommentare ab", ergänzt Albert Mayan. Es geht also rund auf dem Rathausplatz, vor allem, wenn zum Saisonstart im April und zum Ausklang im Oktober gefeschtelt wird. Aber so soll es sein, schließlich soll das Boule-Spielen den Bereich in der Ortsmitte beleben. Und dann hat ja immer noch jemand ein wachsames Auge auf die Truppe: der stumme Boule-Spieler, den Joachim Caspari, ein Sozialpädagoge mit künstlerischer Ader, aus Beton geformt hat.


Zahlen und Fakten

Am 16. Juni 2010 wurde die erste Partie Boule in Absprache mit der Gemeinde Talheim auf dem Rathausplatz ausgetragen. Karl Bleyer ist der Organisator der Partien, jeden dritten Donnerstagabend und ersten Samstagnachmittag (Termine unter www.talheim.de). Zwischen zehn und 20 Spieler finden sich jeweils ein. Die Metallkugeln sind zwischen 650 und 800 Gramm schwer und haben einen Durchmesser von 70,5 bis 80 Millimeter.

In Talheim wird Boule gespielt, weil der Spaß überwiegt. Steht das Sportliche im Vordergrund, dann spricht man von Pétanque.

 

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