Am Freitag, den 13., kamen die Amerikaner

Unterheinriet  Während in Heilbronn der Krieg zu Ende war, kam er in Heinriet und Vorhof erst wirklich an. Drei Tage im April 1945 tobten erbitterte Kämpfe, bei denen viele Menschen ihr Leben oder ihr Zuhause verloren. Zwei Zeitzeugen erinnern sich.

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Weder in deutschen noch in amerikanischen Archiven gibt es Fotos aus der Kriegszeit in Heinriet und Vorhof. Die Aufnahme zeigt Unterheinriet 1956.

Der Freitag, 13. April 1945, war für Heilbronn der Tag, an dem die amerikanischen Soldaten mit Sontheim den letzten Teil der Stadt besetzten. Der Krieg in Heilbronn war damit vorbei, doch in Heinriet und Vorhof ging er an diesem 13. April erst los. Heftige, erbitterte Schlachten, die Tote und Verletzte auf beiden Seiten und zerstörte Häuser forderten, waren die Folge: 46 Soldaten und zwölf Bürger kamen ums Leben. Auch 190 Stück Vieh starben.

148 Gebäude, darunter private Wohngebäude, landwirtschaftliche Anwesen und das noch recht neue Gemeindehaus in Unterheinriet - insgesamt 45 Prozent des Ortes - wurden zerstört. Bis zum 15. April, als Oberheinriet eingenommen wurde, dauerte der Kampf um die Ortsteile an.

Tage im Voraus hatte man sich im Ort auf den Einmarsch der amerikanischen Besatzer eingestellt. Ein sicheres Zeichen war, dass deutsche Truppen, von Heilbronn kommend, durch Heinriet zogen. Am 13. April dann machte NSDAP-Kreisleiter Richard Drauz mit den letzten Resten der Wehrmacht Station in Heinriet, um eine neue Verteidigungslinie zu organisieren. Drauz' Ruf als unbeugsamer Fanatiker war ihm vorausgeeilt, nachdem er vier Heilbronner, die die weiße Flagge gehisst hatten, erschließen ließ.

An diesem 13. April kamen die amerikanischen Besatzer mit Panzern in Lehrensteinsfeld an. Am Abend, gegen 18 Uhr, griffen sie Oberheinriet an und schossen auch nach Unterheinriet. Die Schießerei ging am nächsten Tag weiter. Am Mittag des 14. April ließen Tiefflieger Spreng- und Phosphorbomben auf Vorhof fallen. 95 Prozent wurden zerstört, der Ort war dem Erdboden gleichgemacht. Während der Angriffe hielten sich viele Bürger in Kellern versteckt oder suchten, wenn sie auf offener Straße waren, in Gräben Schutz. So berichten es Zeitzeugen in der Jahresgabe des Heimatvereins Untergruppenbach von 2005.

Am Freitag, den 13., kamen die Amerikaner

Bürgermeister Joachim Weller (links) und Stellvertreter Hermann Steiner enthüllten 2005 die Gedenktafel zu 60 Jahre Kriegsende.

Fotos: Archiv/Schweiker

Dem Kampfjetpiloten ins Auge geschaut

Willi Schweiker, langjähriger freier Mitarbeiter der Heilbronner Stimme, hat den Kampf in Unterheinriet am Morgen des 15. April miterlebt. Damals war er 14 Jahre alt und lebte am Spreuerberg, der heutigen Weststraße. Am Morgen, als der Luftangriff der Jagdbomber auf Unterheinriet begann, stand Schweiker am Kellereingang seiner Nachbarn. Von dort aus habe er gesehen, "dass da etwas kommt": Kampfjets, die derart tief flogen, dass Schweiker einem Piloten in die Augen blicken konnte. Daraufhin versteckte er sich mit seiner Familie im Keller der Nachbarn. Schweikers Familie kam mit dem Schrecken davon: Das Haus seiner Eltern nahm keinen Schaden, eine Granate hatte jedoch den Schuppen zerstört, erzählt der heute 89-Jährige.

Am Freitag, den 13., kamen die Amerikaner

Willi Schweiker erlebte als Bub die Kriegskämpfe in Unterheinriet.

Seine Familie konnte wieder in das Haus zurück, während andere Bürger während der Aufräumarbeiten in notdürftigen Unterkünften leben müssen. Wenn Schweiker heute von Kriegsberichten aus aller Welt hört, werden Erinnerungen wach. Was den Menschen in dieser Zeit Hoffnung gegeben habe? "Das war, fast so wie heute zu Corona-Zeiten: der menschliche Zusammenhalt", sagt Schweiker. Man habe sich untereinander ausgeholfen und aus der Not eine Tugend gemacht.

Zeitzeugin: "Alles war voll mit Blut"

Auch Ruth Schmid hat die Kämpfe in Oberheinriet miterlebt. Von 1944 bis 1950 wohnte sie mit ihrer Familie in der Ortsstraße. Neun Jahre alt war sie damals. An viele Details kann sie sich nicht mehr erinnern, erzählt sie am Telefon, an eines jedoch schon: "Überall waren verwundete Soldaten, alles war voll mit Blut. Es war ein Chaos." Schmid weiß noch, wie Amerikaner mit Panzern von Lehrensteinsfeld in den Ort gefahren und dort tagelang geblieben sind. Natürlich habe sie Angst gehabt, weiß Schmid noch heute. Und dass sie als junges Mädchen mit ihrer Familie aus ihrem Haus vertrieben worden war.

Wie viele andere Bürger suchte sie Schutz im Wald und versteckte sich dort drei Tage lang. Das Haus von Ruth Schmids Familie wurde nicht zerstört - das Dach des Nachbarhauses hingegen schon.

Der "Engel von Oberheinriet"

Als "Engel von Oberheinriet" wurde die damals 19-jährige Lydia Schlayer, geborene Süß, im Ort bekannt. Sie fuhr mit einem Schubkarren durch das Kriegsgewirr, transportierte die Opfer, verband ihre Wunden, nahm sich ihrer an. Ihr solidarisches Handeln nahm seinen Anfang, als Schlayer im Keller des Gasthauses Lamm zwei Sanitätern dabei zusah, wie diese einen verwundeten Jungen behandelten.

 

Linda Möllers

Linda Möllers

Autorin

Linda Möllers kam im November 2019 aus Weinheim zur Heilbronner Stimme. Nach einem Jahr in der Lokalredaktion ist sie seit 2021 in der Jugendredaktion.

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