Retro-Schau in Oedheim macht endgültig dicht

Oedheim  Ralph Walter schließt seine Retro-Schau Ende März für immer. Er ist davon überzeugt, mittlerweile alle Sensationen in Oedheim aufgedeckt zu haben. Und falls er doch noch eine Entdeckung macht, will er die auf seiner Facebook-Seite veröffentlichen.

Von Kirsi-Fee Rexin

Alle Sensationen aufgedeckt
2013 mietet Ralph Walter die Ladenfläche im Gebäude der Hauptstraße 15 an – eigentlich um angesammelten Krimskrams loszuwerden.

Beim Schaufensterbummel an der Oedheimer Hauptstraße fällt es nicht direkt auf. Diejenigen, die genauer durch die Scheiben der Retro-Schau blicken, erkennen allerdings, dass der Laden ungewöhnlich leer und aufgeräumt ist. "Mein Prinzip beim Ausräumen: Von außen soll man's so lange wie möglich nicht bemerken", erklärt Ralph Walter während er ein antikes Eisenbügeleisen nach dem anderen aus dem Regal nimmt und in einem Karton verstaut.

Nach etwas über sechs Jahren hat sich der ehemalige Konrektor der Kochertalschule entschieden, den Laden Ende März für immer zu schließen. "Die Lust nimmt ab, wenn man weiß, da kann nicht mehr viel kommen", erklärt der 70-Jährige. Er ist überzeugt, mittlerweile alle kuriosen Sensationen über Oedheim entdeckt zu haben. Sollte er wider Erwarten doch noch eine Entdeckung machen, will er die nun auf seiner Facebook-Seite oder seiner Internetseite posten.

Dinge, die man bis ans Lebensende nicht vergisst

"Trotzdem fällt es mir nicht leicht, den Laden aufzugeben", gibt er zu. Zahlreiche Bekanntschaften, verblüffende Funde, polarisierende und auch humorvolle Ausstellungen sowie emotionale Gespräche mit Besuchern verbinden Walter und die Retro-Schau. "Das sind Dinge, die vergisst man bis ans Lebensende nicht."

2013 mietet Ralph Walter den Laden im Gebäude der Hauptstraße 15 für ein Jahr an. Eigentlich will er darin den angesammelten Krimskrams verkaufen, den er beim Umzug von Oedheim nach Bad Friedrichshall aussortiert hat. Doch genau das Gegenteil passiert. "Anstatt Sachen loszuwerden, sind plötzlich immer mehr Leute mit Dokumenten und Bildern von Oedheim sowie altem Hausrat angekommen", erinnert sich Walter.

Nach und nach füllt sich so das Geschäft. Walter nimmt viele Stücke unter die Lupe, forscht dazu im Internet, sammelt weitere Gegenstände auf Flohmärkten. "Noch im ersten Jahr habe ich meine erste Ausstellung mit alten Oedheimer Postkarten gemacht."

Kein Tratsch- und Klatschladen!

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Kisten packen: Ralph Walter räumt die Retro-Schau seit rund zwei Wochen aus. Einiges kommt auf den Sperrmüll, anderes übergibt er an die Gemeinde. Die Pendeluhr seiner Großeltern, die seit 2013 im Laden hängt, bekommt in den heimischen vier Wänden einen Ehrenplatz.

Er hat so viel Spaß daran, dass er die Kündigung seines Mietvertrags schleunigst wieder zurückzieht. Es folgen weitere Ausstellungen, zwei bis drei jedes Jahr, wie die über Uschi, dem Playmate, das zur Starfotografin wurde, oder "Oedheim im Zeichen des Kreuzes". "Ich wollte zeigen, dass es zur Nazi-Zeit auch in Oedheim so zuging wie im restlichen Deutschland", erklärt Walter, der sich selbst als kleiner Provokateur bezeichnet. Natürlich habe die Ausstellung die Besucher dazu gebracht, miteinander zu diskutieren.

"Genau dafür steht ja auch der Laden", sagt Walter und zeigt auf ein Schild am Eingang: Präsentation und Kommunikation. "Geheimnisse habe ich sicher bei mir bewahrt. Und wenn jemand über jemand anderen gelästert hat, habe ich die Person aus dem Laden verwiesen", betont Walter. Ein Tratsch- und Klatschladen habe er nie sein wollen. Die Zeit haber er lieber dafür genutzt, um die "Oedheimer Dorf- und Doofgeschichten" und das Heimatlied zu schreiben.

Spontane Führungen inklusive

In all den Jahren ist die Retro-Schau auch Ausgangspunkt für neue Bekanntschaften. "Wenn Leute vor der Tür standen, bin ich mit denen in Nullkommanix ins Gespräch gekommen", erzählt Walter. Nicht selten habe er eine spontane Führung durch Oedheim gegeben. Auch die Oedheimer hat Walter des Öfteren mit seiner Spürnase unterstützt. So habe einst ein 80-jähriger Bürger seinen im Krieg gefallenen Vater gesucht. "Über wenige Dokumente konnten wir dessen Grab ausfindig machen."

Ralph Walter weiß, dass mit Schließung des Ladens auch sein Oedheimer Standbein verloren geht. Durch Bekannte und Kontakte zur Kochertalschule wolle er aber die Verbindung zum "Nabel der Welt" halten. Viele unveröffentlichte Fotos habe er noch. Die will Walter noch als Fotomontagen unter dem Titel "Bitterböses Oedheimer Bilderbuch" herausbringen. Seiner Frau Daniela, die künstlerisch tätig ist, greift er künftig verstärkt unter die Arme. 

Ab April sei aber erst einmal Reisen angesagt. Nach Kreta soll es gehen. Dass manch Oedheimer die Retro-Schau vermissen wird, davon ist er überzeugt. "Gewiss gibt es auch Leute, die sagen werden: ,Gott sei Dank hat das endlich ein Ende." Eine kleine Nervensäge war ich nämlich schon", gibt er zu und schiebt schmunzelnd hinterher: "Vielleicht sogar eine große."


Noch ist geöffnet

Die Retro-Schau hat bis zum 30. März noch zu den üblichen Zeiten geöffnet. "Mobiliar und Einrichtung lasse ich nach und nach vom Sperrmüll abholen. Einige Stücke, wie zum Beispiel die Gipsabdrücke von alten Oedheimer Steinbeilen und -schabern, habe ich bereits der Gemeinde übergeben." Zum Josefsmarkt am Dienstag, 19. März, überlässt Walter den Kindern der Kochertalschule die Ladenfläche. "Sie dürfen hier ihren Flohmarkt ausrichten und dabei auch einige Stücke von mir weiter verkaufen. Der Erlös dafür bleibt natürlich bei den Schülern", erklärt Ralph Walter. 

 


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