Nach 53 Jahren heißt es für Gertrud Dietz: Adieu Bügelstube

Roigheim  Mangfrau Gertrud Dietz hört Ende 2019 nach 53 Jahren auf. Doch die Tradition soll erhalten bleiben, deshalb sucht die Gemeinde eine Nachfolge für die Bügelstube in Roigheim.

Von Kirsi-Fee Rexin
Adieu Bügelstube
Routiniert lässt Gertrud Dietz aus Roigheim die Wäsche durch die Mangel. Nach 53 Jahren soll ab 2020 Schluss sein, weil die Arbeit zu anstrengend ist. Foto: Ralf Seidel

In der kleinen Bügelstube in der Roigheimer Baumgartenstraße ist es angenehm warm. Wie immer, wenn Gertrud Dietz an der Mangel steht. Mit routinierten Griffen fasst sie ein weißes Bettlaken an zwei Enden und schiebt es vorsichtig an die heiße, rotierende Walze. Zentimeter für Zentimeter schluckt die Rolle das Laken, um es auf der anderen Seite sauber geglättet wieder herauszulassen. "Hach, das ist einfach ein schönes Geschäft", seufzt Dietz, während sie den Stoff immer wieder glatt streicht.

"Es ist sauber, und man hat es immer warm." Seit 53 Jahren steht die 75-Jährige im Dienste der Gemeinde und mangelt die Wäsche für die Bürger von Roigheim und Umgebung. Früher immer dienstags und donnerstags, derzeit jeden ersten Mittwoch im Monat. Ab Januar 2020 überhaupt nicht mehr. "Ich höre auf. Es ist mir körperlich zu anstrengend geworden", erklärt die Mangfrau.

Mangfrau gesucht

Begonnen hatte damals alles mit einer Ausschreibung der Gemeinde: Eine Nachfolge für die Mangfrau Erika Ganser wird gesucht. Dietz, 22 Jahre alt und gerade frisch verheiratet, wohnt zu dieser Zeit erst seit einem Jahr bei ihrem Mann Gottfried in der Zeilstraße. Der zusätzliche Verdienst, aber vor allem der Wunsch, in der neuen Heimat Anschluss zu finden, bewegen die gebürtige Großeicholzheimerin dazu, sich zu bewerben. "Gebügelt habe ich zuhause ja auch schon", erklärt Dietz. Sie bekommt die Stelle und wird von ihrer Vorgängerin rasch in das Mangelhandwerk eingelernt.

Spaß bei der Arbeit und neue Bekanntschaften 

Jeden Dienstag und Donnerstag geht Dietz ab sofort gegen 13.30 Uhr aus dem Haus und ein paar hundert Meter zur Bügelstube. In der Armbeuge klemmt ein Korb mit der Kundenliste für den Tag und die Kasse. In der Bügelstube angekommen, schaltet Dietz zuerst die Mangel über den Hauptstromschalter ein, damit sie sich auf 100 Grad aufheizt. "Früher wurde die Mangel noch mit Öl betrieben. Es hat eine Stunde gedauert, bis sie heiß war. Heute geht das zum Glück viel schneller."

In einer weißen Kittelschürze empfängt sie ihre Kunden, die sich über die Gemeindeverwaltung angemeldet haben. Während Dietz Bettlaken und Tischdecken durch die Mangel lässt, stehen ihr die Leute gegenüber, um das gemangelte Wäschestück sogleich zusammenzulegen. "Bleibt es ungefaltet liegen, entstehen wieder Falten und Knicke", weiß Dietz. Über die Zeit schließt die Mangfrau viele neue Bekanntschaften, führt unterhaltsame Gespräche, erlebt lustige Momente.

Konzentration ist gefragt

Trotzdem ist Gertrud Dietz immer konzentriert bei der Sache, denn ganz ungefährlich ist die Arbeit mit der Glättemaschine nicht. Etliche Kunden hätten sich schon die Finger an der heißen Edelstahlarmatur verbrannt, obwohl Dietz immer warnt: "Dort, wo es glänzt, nicht hinfassen." Einmal rutscht auch ein Zipfel ihrer Schürze in die Maschine. "So schnell hab" ich noch nie den Kittel ausgezogen", sagt und schmunzelt Dietz. Einen Notschalter gebe es aber auch.

Die Arbeit wird mühsamer

Mit der Zeit wird die Arbeit für die heute 75-Jährige immer mühsamer. Der Rücken schmerzt, die Füße tun weh. "Nach getaner Arbeit lege ich mich erstmal hin und entspanne", berichtet sie. "Alleine schaffe ich das Mangeln nicht mehr." Seit zehn Jahren greift ihr deshalb Freundin Christa Flindt unter die Arme, doch die kann nun auch nicht mehr.

Ohnehin wollte Dietz längst aufhören, wenn die Mangel kaputt ist. Das ist 2017 der Fall. Doch Bürgermeister Michael Grimm lässt die Glättemaschine reparieren, und Dietz mangelt weiter. "Eigentlich müsste ich jetzt weitermachen bis ich 106 bin, dann hab ich die Reparaturkosten abgearbeitet", scherzt sie und wird dann ernst: "Die Arbeit wird mir schon ein bisschen fehlen. Vor allem aber der Kontakt zu den Leuten."

Nachfolge

Bürgermeister Michael Grimm sucht eine Nachfolge für die Bügelstube, denn "es ist mittlerweile selten, dass eine Bügelstube kommunal betrieben wird". Außerdem sei es eine Tradition und die Nachfrage da. Interessenten können sich bei der Gemeinde unter 06298 92050 oder info@roigheim.de melden.

 


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