Kunst bringt Menschen zusammen

Neckarsulm  An der Volkshochschule Neckarsulm leitet der Grafiker Mustafa Mankash aus Syrien einen Zeichenkurs.

Von Bianca Winkler
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Kunst bringt Menschen zusammen

Kursleiter Mustafa Mankash (rechts) erklärt, worauf die Teilnehmer beim Zeichnen von Stillleben achten sollen. Die Lernenden nehmen seine Tipps gern an.

Foto: Bianca Winkler

Hochkonzentriert blickt Katarina Marusic Vuckovic zu dem Arrangement in der Mitte des Holztischs. Ein Butternusskürbis steht dort, umrahmt von Strauchtomaten und Mini-Gurken. Daraus soll heute ein Stillleben entstehen. Die Zeichenschülerin setzt den Bleistift an, ihre Augen wandern vom Papier zum Objekt und wieder zurück. Einige Male geht das so, bevor die Striche tatsächlich Formen annehmen.

Zum dritten Mal sitzen sie und die sieben Teilnehmer des Zeichenkurses der VHS international in der Manufaktur der Volkshochschule zusammen. Sie alle haben Freude am Zeichnen und wollen lernen, wie lediglich mit einem Bleistift ein interessantes Bild entstehen kann. Dabei geht es um Proportionen, um Licht und Schatten sowie verschiedene Kontraste. Aber nicht nur das.

"Es muss eine Verbindung entstehen, von den Augen zur Hand", erklärt Kursleiter Mustafa Mankash. Der Syrer hat an der Fakultät der Bildenden Künste der Universität in Damaskus Visuelle Kommunikation studiert. Vor seiner Flucht arbeitete er bei der Hilfsorganisation International Medical Corps als Kunsttherapeut, wo er seelische Wunden von Kriegsopfern mit kreativen Gestaltungsmethoden wie Zeichnen oder Plastizieren behandelte. Seit drei Jahren lebt Mustafa Mankash in Deutschland und hat an der VHS in Neckarsulm Deutsch gelernt. Derzeit absolviert er ein Praktikum als Mediengestalter in einer Werbeagentur. Gemeinsam mit Daniela Deul, pädagogische Mitarbeiterin der Volkshochschule, entwickelte er die Idee zu dem Zeichenkurs. "Wir wollen Menschen mit Expertenwissen ermöglichen, ihre Fähigkeiten frühzeitig in unsere Gesellschaft einzubringen", sagt Deul. Für Migranten entsteht damit gleichzeitig ein niederschwelliges Angebot an Bildungskursen. "Perfekt deutsch zu sprechen ist dabei keine Voraussetzung", betont Deul. So kam auch Katarina Marusic Vuckovic in die Runde. Gemeinsam mit Kursleiter Mustafa Mankash hat sie einen Deutschkurs abgeschlossen und will nun von ihm lernen, wie sie ihre Zeichenkünste verbessern kann. "Es macht Spaß in der Gruppe, und man lernt neue Leute kennen", sagt sie. Kritisch betrachtet die Kroatin ihr Werk, schüttelt den Kopf und radiert die sorgfältig gesetzten Linien wieder weg. Mit der Darstellung ihrer Tomaten ist sie noch nicht zufrieden.

Geduldig erklärt ihr Mustafa Mankash, wie sie mit verschiedenen Grauverläufen mehr Räumlichkeit ins Bild bringt. "Es gibt kein Richtig oder Falsch, denn jeder hat seinen eigenen Stil", muntert der Kursleiter sie auf. Ihr Sohn Lukas, mit dem sie den Kurs besucht, hat den hellsten Lichtpunkt auf der Tomate schon gut getroffen. Der 13-Jährige schaut sich im Internet gerne Videos zum Zeichnen an und malt am liebsten Charaktere aus seinem Pokémon-Videospiel. "Hier sagt mir Mustafa aber genau, was ich verbessern kann."

Immer wieder schaut sich der Kursleiter die Zeichnungen seiner Schüler an und beantwortet leise ihre Fragen, um die Konzentration der anderen nicht zu stören. Gegenüber sitzen Victoria Haller und ihre Tochter Michelle aus Bad Friedrichshall. "Mustafa gibt sich große Mühe mit uns und kann alles toll erklären", findet Victoria Haller.

Vielleicht liegt es daran, dass er endlich wieder das tun kann, woran sein Herz hängt. "Kunst ist mein Leben", sagt Mustafa Mankash voller Überzeugung. Als "ein kleines Beispiel gelungener Integration" bezeichnet Daniela Deul den Kurs. "Hier gibt es nichts Trennendes." Das zeigt auch die entspannte Atmosphäre in der Manufaktur. Zwischen Stiften und Spitzern entsteht ein reger Austausch, bei dem es keine Rolle spielt, ob man perfekt deutsch sprechen kann.

Am Ende begutachten alle gemeinsam ihre Zeichnungen. Katarina Marusic Vuckovic hat den Hinweis mit der Schraffierung verstanden und ist nun zufrieden mit ihrer sehr echt wirkenden Tomate.

Bei den Aktivitäten der Reihe VHS international steht die Begegnung von Menschen unterschiedlicher Kulturen im Mittelpunkt. Jeden dritten Mittwoch im Monat veranstaltet die Volkshochschule einen offenen internationalen Stammtisch, um miteinander ins Gespräch zu kommen und vielfältige Projekte zu entwickeln. Seit diesem Semester finden verschiedene Kurse statt, geleitet von Migranten für Migranten und alle Interessierten. Zum Bildungsangebot gehören Zeichen- und Computerkurse sowie Fitness für Frauen. Daneben machen die Teilnehmer gemeinsame Ausflüge. Demnächst stehen eine Fahrt nach Schwäbisch Hall und die Besichtigung des Porsche-Museums an.


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