Ist das noch Yoga oder schon Kunst?

Neuenstadt  Yoga im Museum: Unsere Redakteurin hat den weltweiten Trend bei einem VHS-Kurs im Neuenstadter Schafstall getestet, mitten zwischen Bildern des Phantastischen Realismus. Passt das zusammen?

Von Vanessa Müller
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Ist das noch Yoga oder schon Kunst?

Mit Atem- und Körperübungen werden beim Yoga Kraft, Flexibilität, Gleichgewicht und Muskulatur trainiert. Annette Rudolph zeigt, wie es geht (unten rechts). Fotos: Veigel, Mugler

Yoga im Museum - das kennt man doch nur aus Berlin, New York oder der Kunstmetropole Basel, dachte ich, als ich mich vor ein paar Wochen im Internet durch das Programm der Neuenstadter Volkshochschule geklickt habe. Und schnell auf den Button zum Anmelden gedrückt.

Jetzt sitze ich auf meiner Matte im Museum im Schafstall und frage mich, was auf mich zukommt. "Yoga beim phantastischen Realismus" heißt der Kurs, der vor der Kulisse der aktuellen Ausstellung von Angerer dem Älteren dazu einladen soll, Körper, Seele und Geist in Einklang zu bringen.

Ein böses Omen?

Mir gegenüber rast auf einem preisgekrönten Gemälde namens "Höllensturz" ein Stachelwesen mitsamt Krone in die Tiefe. Schon irgendwie transzendent, überlege ich. Aber hoffentlich kein böses Omen hinsichtlich meiner Hatha-Yoga-Künste. Lautet die Botschaft: Hochmut kommt vor dem Fall? Immerhin ist die letzte Unterrichtsstunde schon etwas her.

"Namasté", begrüßt Lehrerin Annette Rudolph die Teilnehmer. Wörtlich übersetzt bedeutet das: "Ich verbeuge mich vor dir." Prima, das kenne ich aus früheren Yoga-Stunden. Und es hört sich eher nach Hingabe als nach Hölle an. Wir legen die Hände vor dem Herzen aneinander, schließen unsere Augen und neigen den Kopf. 13 Yogis sind wir, alles Frauen. "So viele Damen lagen mir schon lange nicht mehr zu Füßen", hat Museumsleiter Hubert Sawatzki eben noch gescherzt, als er uns eine kleine Einführung in die Ausstellung gegeben hat. Und eine gute sowie eine schlechte Nachrichten überbracht.

Kameras und ganz irdische Werte

Ist das noch Yoga oder schon Kunst?

Die Gute: Die Fliesen im Schafstall sind dank Fußbodenheizung richtig schön warm. Wir müssen in unseren Asanas, so heißen die Yoga-Stellungen, nicht frösteln. Die Schlechte? "Hier hängen überall Kameras." Klar, was an den Wänden prangt, das hat einen ganz irdischen Wert. Angeguckt werden solche Videos ja eigentlich nur, wenn Diebe am Werk waren. Aber wer weiß, denke ich. Und schiebe mich vorsichtshalber in einen besonders geraden Lotussitz.

Auf die Idee, Yogis ins Museum zu holen, hat ihn eine Verwandte gebracht, erzählt Sawatzki. Die Fondation Beyeler in Basel hat im vergangenen Jahr eine Morgen-Meditation zu einer Ausstellung über den Impressionisten Claude Monet veranstaltet. Prompt schickte Sawatzkis Stieftochter ihm einen Hinweis. "Sie weiß, dass ich für verrückte Ideen immer zu haben bin." Und gute Werbung für das Museum im Schafstall sei es auch. Denn wer zum Yoga hier war, der kommt vielleicht mit der Familie zu einer Führung wieder. Es folgten Gespräche mit der VHS. Vergangene Woche ging es dann los.

"Monet hat sicher nie an Yoga gedacht"

Ist das noch Yoga oder schon Kunst?

Yoga und Kunst - fügt sich das wirklich zusammen? Die Baseler Ausstellungsmacher fanden: ja. "Monet hat sicher nie im Entferntesten an Yoga gedacht", sagte Kurator Ulf Küster jüngst in einem Interview. Er sei sich aber sicher: "Das Thema passt trotzdem gut zu Monet, weil seinen Gemälden ein meditativer Prozess vorausging."

Ob das bei Angerer dem Älteren auch so ist? Dem Geheimnis kommen wir an diesem Morgen nicht auf die Spur. Wir sind komplett mit bewusster Atmung und fließenden Bewegungen beschäftigt. "Navasana" - das Boot - eine klassische Bauchübung. "Adho Mukha Svanasana", der herabschauende Hund, bei dem wir unseren gesamten Körper strecken. Ein Yogablock hilft uns, Brust und Schultern zu öffnen.

Unter den Teilnehmern sind erfahrene Yogis, die in der "indischen Brücke" selbst mit dem 20 Zentimeter hohen Holzklotz im unteren Rücken locker bleiben und die tiefen Dehnungen ganz entspannt hinbekommen. Andere sind mit den wackligen Balance-Übungen noch nicht so vertraut. Annette Rudolph, seit 15 Jahren ausgebildete Yogatrainerin, zeigt jedem einzelnen mit sanften Korrekturen, wie es richtig geht. Alle machen mit, auf ihre Art. Dass mein indischer Rundbogen gegen Ende eher einer Hängebrücke gleicht? Egal, ist doch irgendwie auch eine Kunst.

Das ist Hatha-Yoga

Anette Rudolph bietet im Museum im Schafstall Hatha Yoga an. Es umfasst eine Reihe von Haltungen, die Körper, Muskeln und Geist stärken und ausrichten sollen. Hatha lässt sich mit "kraftvoll" oder auch "bewusst" übersetzen. Eine Hatha-Yogastunde ist normalerweise geprägt von eher langsamen und entspannten Übungen - sie ist eine gute Möglichkeit für Anfänger, sich mit Yoga vertraut zu machen. Weitere Infos: www.vhs-unterland.de.

Infos zur Ausstellung

Angerer der Ältere ist ein deutscher Architekt, Maler, Bildhauer und Autor. Zu seinen Arbeiten in verschiedenen Genres zählt die künstlerische Ausstattung des Films "Die unendliche Geschichte II - Auf der Suche nach Phantásien" nach dem Roman von Michael Ende. 1996 war er Gründungsmitglied des Zentrums für Phantastische Künstler. Das Museum im Schafstall zeigt noch bis 3. Februar eine Retrospektive seiner Arbeit. Öffnungszeiten: Mittwoch und Sonntag, 10 bis 17 Uhr, und nach telefonischer Absprache unter 07139 3924.

 

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