In der alten Schalterhalle in Kochendorf wird künftig gespeist

Bad Friedrichshall  Das Bahnhofsgebäude in Kochendorf soll bis Jahresende fertig saniert sein. Eine Zimmervermietung im Obergeschoss ist angedacht. Das Restaurant öffnet voraussichtlich im Februar 2020.

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In der alter Schalterhalle in Kochendorf wird künftig gespeist

Jetzt kann es sich sehen lassen, das Bahnhofsgebäude von Kochendorf. Die Fassade ist gereinigt und sandgestrahlt. Wo das Stahlgerüst steht, gibt es einen gläsernen Anbau als zweiten Gastraum für das Restaurant.

Fotos: Ralf Seidel

"Mir gefallen diese alten Bahnhöfe", sagt Marcus Dürrwang. Den Freien Architekten aus Leingarten reizt es, aus alten Gebäuden etwas Neues zu machen, Denkmalgeschütztes und Modernes zu kombinieren. Das setzt er gerade in Kochendorf um, wo er den historischen Bau in der Bahnhofstraße grundlegend saniert.

Wo einst Fahrkarten verkauft wurden, Pendler und Reisende in der Wartehalle bis zur Zugabfahrt verweilten, kann ab nächstem Jahr gespeist werden. Im Erdgeschoss wird ein Restaurant eröffnet. Im ersten und zweiten Obergeschoss des mehr als 150 Jahre alten Gebäudes sind die letzten Arbeiten in den Beherbergungsräumen zu leisten. Zum Jahresende, so der neue Eigentümer, soll alles fertiggestellt sein.

Die Sandsteinfassade ist gereinigt

"Optisch sieht das Gebäude für den Betrachter sehr schön aus", sagt Bürgermeister Timo Frey. Kein Vergleich zum bisherigen Anblick am Stadtbahnhalt. "Die Arbeiten sind fachtechnisch und handwerklich hervorragend ausgeführt. Die Erwartungen der Stadt haben sich bis dato erfüllt."

In der alter Schalterhalle in Kochendorf wird künftig gespeist

Marcus Dürrwang, der 2017 das Gebäude gekauft und im Herbst 2018 mit der Sanierung begonnen hat, zeigt, wo Theke und Sitznische hinkommen.

Die Sandsteinfassade wurde gereinigt und sandgestrahlt. "Ganz viele Steine mussten ersetzt werden", beschreibt Dürrwang den Zustand des alten Bahnhofs als "sehr stark sanierungsbedürftig". Das Holz war zum Teil verwurmt und verfault. Neue, dreigeteilte Holzfenster mit Einzelflügeln sind eingesetzt. "Man hört so gut wie nichts", weist der Architekt auf die Besonderheit mit Schallschutzklasse 4 an diesem Standort zwischen B 27 und Bahnlinie hin.

Die Originalzustand möglichst erhalten

Alles neu auch beim jetzt isolierten Dach. Der Vorsprung ist wie die Fenster in Grau gestrichen. Dürrwang zeigt auf den Giebel des ältesten Gebäudeteils. Die marode Verzierung hat ein Schreiner nachgemacht mit Ornamentik aus liegenden Blumen einer Buchenkugel, extra in Österreich angefertigt, und einer Holzspitze von einer Schultüte als Abschluss.

Das ist nur eines der charmanten Details. Den Originalzustand möglichst zu erhalten oder wieder herzustellen, das ist Dürrwangs Anliegen. Die denkmalgeschützte Gussstütze mitten im künftigen Gastraum des Restaurants muss stehen bleiben. "Die wollen wir integrieren, damit sie zur Wirkung kommt. Das ist ein wichtiges Element", meint der Architekt.

In der alter Schalterhalle in Kochendorf wird künftig gespeist
Schreiner Wolfgang Krieg richtet den Windfang her.

Windfang zu den Zimmern ist ebenfalls denkmalgeschützt Wolfgang Krieg, Mitinhaber der gleichnamigen Schreinerei aus Nordheim, ist ein Stockwerk höher dabei, den denkmalgeschützten Windfang herzurichten. Er wird neu verglast und außen lackiert. Während im Erdgeschoss zwar die Versorgungsleitungen gelegt sind, ansonsten der Restaurantbereich im Rohbau ist, fehlen in den Beherbergungsräumen nur noch Teppichboden, Lampen, Türen und die Möblierung.

Pro Stockwerk sind es jeweils fünf 18 bis 25 Quadratmeter große Zimmer mit Nasszelle. Dazu kommt pro Stock ein Aufenthaltsraum mit Küche. Die möblierten Zimmer werden kurzzeitig an Studenten, Arbeiter oder Radler vermietet. Eine solche Übernachtungsmöglichkeit hat sich die Stadt gewünscht.

Bewirtung auch auf der Terrasse

In ihrem Sinne ist auch die gastronomische Nutzung. Voraussichtlich im Februar werde das Restaurant, das in einem Stahl-Glas-Anbau einen zweiten Gastraum erhält, eröffnet, sagt Dürrwang. Den Betreiber aus der Region möchte er noch nicht nennen. Es werde deutsche Küche, mediterran angehaucht, serviert. Auf der Freiterrasse könnten noch einmal rund 60 Gäste bewirtet werden.

Wer einen Altbau saniert, muss mit unliebsamen Überraschungen rechnen, wie den desolaten Fachwerkwänden. Für Dürrwang sind diese Herausforderungen spannend. Eine schöne Überraschung gab"s im Keller. Beim Abstrahlen der Wände kam Blau zum Vorschein, Muschelkalk, der viel härter als Sandstein ist. "Das ist ganz hochwertig gemacht", freut sich der Architekt.

Der Leingartener hat selbst Hand angelegt, zusammen mit der Familie 2360 Bodendecker in die Grünfläche an der Mauer, die die Stadt ihm zur Verfügung stellt, gepflanzt. "Das beste Bild bringt ohne Rahmen nichts", ist dem Leingartener auch die Gestaltung des Außengeländes sehr wichtig.


Geschichtliches & Verkauf

Das Bahnhofsgebäude in Kochendorf steht unter Denkmalschutz. Es wurde um 1865 errichtet. Der dreigeschossige linke Bereich ist der älteste Teil. Danach kam der mittlere Anbau. Die letzte Erweiterung stellt der rechte Flügel dar. 1902 ist in einem Stein eingemeißelt. Bis 1908 war hier auch die Poststelle beheimatet. 1964 wurde der Bahnhof als selbstständige Dienststelle aufgelöst, ist auf einem Schild zu lesen.

1992 hat die Stadt Bad Friedrichshall den Bau gekauft. Bis 2017 bot er Obdachlosen eine Unterkunft. Um diese weiter nutzen zu können, hätte die Kommune viel Geld in die Hand nehmen müssen. Für Brandschutz und Unterhaltung waren 500.000 Euro laut Bürgermeister Timo Frey in den Haushalt eingestellt. Stattdessen wurde das Bahnhofsgebäude verkauft und zwar im Juni 2017 an Architekt Marcus Dürrwang aus Leingarten. Sein Nutzungskonzept habe den Gemeinderat überzeugt, gibt Frey weiter zur Auskunft. Deshalb hatte Dürrwang aus dem Kreis der Interessenten den Zuschlag erhalten. Über den Kaufpreis schweigt sich das Stadtoberhaupt aus. Der Zustand des Gebäudes und der Sanierungsaufwand seien berücksichtigt worden.

Wichtig, so der Bürgermeister weiter, ist der Stadt, dass der Ortsteil Kochendorf durch diese Sanierung und neue Nutzung aufgewertet und belebt wird.

 

Sabine Friedrich

Sabine Friedrich

Autorin

Sabine Friedrich ist seit 2001 bei der Heilbronner Stimme. Sie ist in der Landkreis-Redaktion zuständig für Obersulm, Wüstenrot, Flein, Talheim und Bad Friedrichshall sowie für den Themenschwerpunkt Feuerwehr.

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