Hobby-Filmer wollen Jugendliche vor Selbstverletzung schützen

Erlenbach/Weinsberg  Auf YouTube geht es oft um Schminktipps, Videospiele oder Kochrezepte. Einem ernsteren Thema haben sich Jugendliche aus Weinsberg angenommen: Sie haben einen Kurzfilm über das Ritzen gedreht. Und hoffen, damit Gleichaltrigen das Leben retten zu können.

Von Julia Weller

Hobby-Filmer wollen Jugendliche vor Selbstverletzung schützen

Kevin Denz (15) und Conny Chroeung (18) als Jonas und Hannah an ihrem ersten Drehtag in den Sommerferien. Foto: privat

 

Er wollte ihr doch nur helfen, beteuert Jonas. Aber jetzt ist es zu spät. Mit diesen Worten, unterlegt von dramatischer Musik, beginnt der Kurzfilm "Verletzt", den 20 Jugendliche aus Erlenbach und Weinsberg in den Sommerferien gedreht haben. Während ihre Mitschüler am Baggersee oder am Strand entspannten, widmeten sich die Nachwuchsfilmer einem sehr ernsten Thema: Dem sogenannten Ritzen, bei dem sich Betroffene selbst Verletzungen zufügen. Der Film zeigt die fiktive Geschichte von Hannah, die sich wegen Problemen in ihrer Familie immer wieder die eigenen Unterarme blutig ritzt - bis sie es eines Tages nicht mehr aushält und sich in einem Bahntunnel auf die Gleise stellt.

Viele Bewerbungen für die Hauptrolle

"Ich hatte einfach die Idee, aus Spaß einen Film zu machen", erinnert sich Kevin Denz aus Erlenbach, der im Film die Hauptrolle Jonas spielt. Sein Freund Christian Herzog produziert bereits seit zwei Jahren kürzere Videos für die Internetplattform YouTube und war sofort als Regisseur, Kameramann und Techniker mit an Bord. Kevin schrieb das Drehbuch, bei der Themenfindung habe er nicht lange nachdenken müssen: "Selbstverletzung hat mich immer schon interessiert, denn in meinem Bekanntenkreis haben sich auch einige Leute geritzt", erzählt der 15-Jährige.

Als das Drehbuch fertig geschrieben war, ging es ans Casting: Über das soziale Netzwerk Facebook suchten Kevin und Christian nach Darstellern. Für die Hauptrolle der Hannah habe es vier Bewerbungen gegeben, die Wahl fiel schließlich auf Conny Chroeung. "Obwohl ich noch keine Schauspielerfahrung hatte", sagt die 18-Jährige. "Ich wollte einfach mal ausprobieren, wie es so ist, vor der Kamera zu stehen."

 

 

Für ihre Rolle musste Conny sich in das Leben und die Probleme der Hauptfigur Hannah hineinfühlen. Die Schülerin wird von ihrem alkoholkranken Vater geschlagen, in einer langen Szene schildert sie ihrem Freund Jonas ihr Leid. "Hast du wieder...?", fragt Jonas sie und zieht den Ärmel ihres Pullis hoch. Sie hat: Hannahs Unterarme sind voller Narben. Jonas kann Hannahs Sucht nach der Selbstverletzung nicht nachvollziehen und trennt sich schließlich von ihr - mit fatalen Folgen.

Trotz des ernsten Themas hat der Dreh allen Beteiligten viel Spaß gemacht. Vier Tage lang standen Conny, Kevin, Christian und das restliche Team vor und hinter der Kamera. Drei Abende verbrachten sie allein im Jugendhaus Weinsberg, um eine Party-Szene zu drehen. Am meisten Spaß hatte Schauspieler Kevin bei einer dramatischen Szene im Kletterpark. Für Techniker Christian hingegen war dieser Drehort eine echte Herausforderung: "Ich hing mit der Kamera ja auch mit in den Seilen."

Filmprojekt soll Prävention leisten

Der Aufwand hat sich jedoch gelohnt, denn der Film wurde in wenigen Stunden zum meistgesehenen Video auf Christians YouTube-Kanal. Freunde, Lehrer und völlig Fremde gaben dem Team positives Feedback und lobende Kommentare. Die Jugendlichen würden ihren Film gerne noch bei Wettbewerben einreichen - allerdings ist er mit seinen rund 20 Minuten dafür zu lang.

Mit "Verletzt" möchte das junge Filmteam Aufklärung und Prävention leisten. "Die meisten Leute denken, Ritzen ist einfach nur krank," sagt Kevin, "dabei wissen sie nicht, welche Probleme die Leute haben und wo die Sucht herkommt." Der 15-Jährige habe selbst bei einer Bekannten in Behandlung miterlebt, "wie das einen Menschen zerstören kann." Auch in der Schule sei Selbstverletzung schon öfter Thema gewesen.

Das Internet ist voll von Ritz-Bildern

Hauptdarstellerin Conny ist in sozialen Medien wie Instagram schon häufig auf Fotos von selbstverletzendem Verhalten gestoßen: "Im Internet wird es schon fast als gut dargestellt, die Leute fühlen sich verbunden und animieren sich gegenseitig zum Ritzen", erzählt sie. Mit seinem Film hat das Team nun - ebenfalls im Internet - ein Zeichen gegen Selbstverletzung und Suizid gesetzt. Die Filmemacher hoffen, dass Menschen wie Hannah sich nach dem Ansehen von "Verletzt" professionelle Hilfe holen. Anstatt sich wie die Filmfigur schlussendlich auf ein Bahngleis zu stellen.