Gegen Vogelkot auf historischem Gemäuer hilft nur eins

Bad Wimpfen  Vogelkot auf Sandstein verträgt sich nicht. Deshalb muss der Blaue Turm zurzeit aufwendig saniert werden. Auch die historische Holztreppe wurde ausgebaut. Die Türmerin hofft derweil, ihren 70. Geburtstag in Bad Wimpfens Wahrzeichen feiern zu können.

Von Kirsi-Fee Rexin
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Mit Kompressen gegen Vogelkot-Schäden

Die historische Treppe ist ausgebaut. Türmerin Blanca Knodel nimmt das Provisorium unter die Lupe.

Das Wahrzeichen von Bad Wimpfen ist schon immer ein beliebter Anlaufpunkt. Nicht nur für Touristen, auch für Turmfalken, Krähen und Tauben. Die setzen sich gemütlich auf den Zinnenkranz in 32 Metern Höhe und - ja, was machen die da eigentlich? "Sie genießen die Aussicht und machen ihre Häufchen", weiß Architekt Stefan Schädel von Strebewerk Stuttgart. "Das Blöde ist, dass sich die Nitrate vom Vogelkot ins Gemäuer des Blauen Turms fressen und so die Steine beschädigen."

Wie die Kompressen gegen Schäden wirken

Mittels spezieller Kompressen soll das Salz nun herausgezogen werden. Das ist nur eine Maßnahme, die derzeit am Blauen Turm im Rahmen der rund sieben Millionen Euro teuren Sanierung durchgeführt wird.

"Die Kompresse ist eine Beschichtung aus Mörtel, der destilliertes Wasser enthält. Diese Feuchtigkeit zieht ins Mauerwerk, nimmt die Salze auf und bringt sie wieder an die Oberfläche. Nimmt man die getrocknete Kompresse dann ab, hat man dem Gestein Salz entzogen", erklärt Architekt Stefan Schädel den Vorgang, der in zwei Zyklen durchgeführt wird.

"Mich hat mal ein Storchenpaar besucht. Zu dem habe ich aber sofort gesagt: 'Ab mit euch, dort drüben ist der Kirchturm'", erinnert sich Blanca Knodel. "Nicht weil sie mich stören. Aber ich hab' doch schon drei Kinder", erklärt die Türmerin und grinst verschmitzt. Knodel will an diesem Tag den Steinmetzen über die Schulter schauen und steigt dafür völlig unerschrocken mit Architekt Stefan Schädel in den Metallaufzug der Arbeiter, der sie zum Turmaufsatz bringt. Auf dem Weg nach oben kommen sie an Mario Simon vorbei, der gerade gelben Lehmputz zur Beschichtung auf die Fassade spritzt.

Mit Kompressen gegen Vogelkot-Schäden

Architekt Stefan Schädel (links) schaut Sebastian Rusch über die Schulter, während der den neuen Stein einsetzt.

Auf Höhe der Fenster ihrer alten Wohnung wird Blanca Knodel dann aber doch etwas wehmütig. "Das ist schon sehr emotional, wieder hier zu sein und die alte Wohnung zu sehen. Mir fehlt mein Turm", gibt die 67-Jährige offen zu. "Ich wünsche mir, dass ich 2021 meinen 70. Geburtstag wieder hier feiern kann."

So restaurieren die Steinmetze Hohlstellen

Oben angekommen, sind Sebastian Rusch und Tillmann Kemptner voll in Aktion. Die Steinmetze der Firma Bennert aus Klettbach passen sowohl neue Sandsteine aus Steinbrüchen der Region, als auch restaurierte in die Hohlstellen ein. Monate zuvor hatten sie an diesen Stellen stark beschädigtes Gestein aus dem Mauerwerk herausgelöst.

Damit die neuen Blöcke exakt in die Lücken passen, bringt sie Tillmann Kemptner mit Drucklufthammer und Meißel in Form. "In die Seiten schlage ich zudem einige Kerben, dadurch hat der Mörtel später beim Verfugen einen größeren Haftgrund", erklärt Kemptner, das Gesicht hinter einer Atemmaske versteckt, die verhindert, dass der feine Steinstaub in seine Atemwege und Lunge gelangt. Kollege Sebastian Rusch setzt den neuen Stein ein. Er passt. Mit Steinkleber und Kalkmörtel wird er verfugt. "Das macht ihr aber sauber", bemerkt Blanca Knodel anerkennend. "Fällt gar nicht auf, dass der Stein neu ist."

Im Innern wurde die Holztreppe ausgebaut

Firma Pflugfelder aus Wimpfen kümmert sich derweil um die Schieferplatten des Turmhelms. "Es haben aber nur wenige Platten einen Riss", meint Schädel. "Kein Wunder, die Turmhaube ist blutjung, es hat ja auch erst 1984 der Blitz in die Vorige eingeschlagen."

Mit Kompressen gegen Vogelkot-Schäden

Tillmann Kemptner schlägt einen Sandsteinblock mit Meißel und Hammer zurecht, damit er genau in die Hohlstellen des Mauerwerks passt. Die Atemmaske verhindert, dass Steinstaub in seine Lunge gelangt.

Fotos: Ralf Seidel

Auch im Innern hat sich einiges getan: Die historische Holztreppe mit ihren 134 Stufen ist ausgebaut und wird gerade in einer Werkstatt in Stuttgart restauriert. "Sie wird mit Kernseife gewaschen und neu gestrichen." Einen feuerhemmenden Funktionsanstrich bekommt sie aber nicht. "Wir versuchen, ohne neue Zutaten auszukommen. Holz kann bis zu 1000 Jahre alt werden. Moderne Baustoffe nachweislich höchstens 40 Jahre."

Wetten um Einsturz

"Um 1900 wurden Wetten abgeschlossen, in welche Richtung der Turm wohl fällt, wenn er einstürzt", berichtet Stadtarchivar Günther Haberhauer. "Die meisten tippten in Richtung Neckar und das Waldgebiet Haag", weiß Haberhauer. Nur wenige glaubten, dass er in Richtung Stadt fällt.

"Die Wette hat glücklicherweise bis heute niemand gewonnen. Der Turm hat ja rechtzeitig sein Stahlkorsett bekommen." Die Sorge, dass der Turm hätte einstürzen können, sei keinesfalls abwegig gewesen, bestätigt Architekt Stefan Schädel. "Wir haben nun auch festgestellt, dass die vier Ecktürmchen zusätzlich Eisenanker zur Sicherung bekommen müssen, denn sie haben eine Flucht nach außen." 

 

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