"Du isst jetzt kein Fleisch mehr und verhältst dich ruhig"

Bad Wimpfen  Manuel Steiger aus Bad Wimpfen ist als Jäger vom Fleischesser zum Veganer geworden. Im Montagsinterview spricht er über seinen Sinneswandel und die nötige Konsequenz.

Von Adrian Hoffmann

"Du isst jetzt kein Fleisch mehr und verhältst dich ruhig"

Frisch und bunt: Manuel Steiger beim Gemüsekauf in Bad Wimpfen.

Foto: Andreas Veigel

Manuel Steiger aus Bad Wimpfen ist als Jäger vom Fleischesser zum Veganer geworden. Im Internet postet er unter #nahrungsjesus und erhält viele Reaktionen darauf. Der Onlinehändler spricht im Interview über seinen Sinneswandel - und wie er es schafft, konsequent zu bleiben.

 

Ist das Teil Ihres Sinneswandels, Fotos von Ihrem Essen zu veröffentlichen?

Manuel Steiger: Ich könnte auch sagen: Du isst jetzt kein Fleisch mehr und verhältst dich ruhig. Aber warum? Andere posten eine Schweinshaxe oder ein Fünf-Gänge-Menü aus irgendeinem Tier. Ich habe noch nie drunter gepostet: Bäh, iss es nicht. Aber bei mir auf der Seite schreiben sie: Das hat mein Tier früher auch gegessen. Es ist immer ein Pikser drin.

 

Ärgert Sie das?

Steiger: Es muss dir komplett egal sein. Früher habe ich mein Fleisch gepostet.

 

Sie meinen früher, als Sie normal waren?

Steiger: Hey. Fleisch aß ich, seit ich denken konnte. Hasen habe ich allerdings früh aus dem Ernährungsplan gestrichen, da mal meine Hasen auf dem Teller lagen, vom Opa geschlachtet. Seit da war es aus. Nie mehr Hase gegessen. Da hätte ich schon weiter machen müssen mit der Linie. Ich war ja aber auch da drin.

 

In was waren Sie auch drin?

Steiger: In diesem Fleisch-Strudel. In dem wir uns befinden. Weil uns wurde erzählt: Fleisch ist wichtig. Gut fürs Wachstum. Unser Fleisch war mal gut. Die Tiere standen früher wirklich auf der Weide. Das Problem ist, dass es jetzt nicht mehr funktioniert.

 

Sie haben früher anders gedacht.

Steiger: Ich habe sogar mal selbst geschlachtet. Ich hatte kein Problem damit, zu töten. Ich habe ein ganzes Wildschwein eingelegt, also bis auf Kopf und Fell, in so einer super Marinade - und habe an zwei Grills viele Leute bedient. Wildsau und Ackersalat und Baguette. Mehr gab es nicht. Die Menschen waren begeistert.

 

Und Sie?

Steiger: Ich habe es ja gegrillt, gemacht, getan. Ich fand's geil. Es war meine Idee, dass es da nur um Wildschwein geht.

 

Sie wurden vom Jäger zum Gejagten im Internet.

Steiger: Schon, ja. Die Ich-schlachte-Schweine-Geschichte, das war ja alles noch okay. Damals habe ich das alles unterstützt. Nicht mal ein Gammelfleisch-Skandal hielt mich ab, Fleisch zu essen.

 

Und der Sinneswandel, der kam von heute auf morgen?

Steiger: Der Sinneswandel kam letztes Jahr. Ich war in einer Klinik und da konntest du dir dein Menü auswählen. Es gab vegetarisch oder mit Fleisch, Wurst. Habe mit Wurst bestellt. Da lag dann so eine Wurst, die sich zusammengerollt hat. So eine Scheibe. Das war mal ein Lebewesen gewesen.

 

Eklig.

Steiger: Sie war halt schon hops. Die Wurst war tot. Ich hatte danach ein paar Wochen End-Phase des Fleischkonsums. Burger und Döner. Dann fing es an, dass ich gesagt habe: Ich kriege es nicht mehr hin. Dazu kamen Schlacht-Videos. So bin ich tiefer reingerutscht.

 

Noch ein paar mehr Seiten geliked?

Steiger: Genau. Tiefer und tiefer. Und auf diesen Seiten, da ging es wirklich ab. Das war - hart. Das meine ich wirklich.

 

Und Ihr Freund, der Jäger?

Steiger: Das ist in Ordnung. Das Wildschwein zum Beispiel hat gelebt, richtig gelebt, geschnüffelt, gemacht und getan. War immer in der Freiheit. Deswegen war es so weit. Es war dick, es war alt, man musste es erschießen. Es musste sein.

 

Wie schaffen Sie es, konsequent zu bleiben?

Steiger: Mein Problem ist einfach, dass ein Tier ein Lebewesen ist wie wir auch. Ein Säugetier. Tiere sehen halt anders aus, aber im Endeffekt sind wir alle ein Ding. Und da kommen dann Freunde daher und sagen zu mir: Poste solche Schlacht-Videos nicht, das ist ekelhaft.

 

Ganz unrecht haben sie vielleicht nicht.

Steiger: Gleichzeitig liken sie Hundevideos. Weil der klein war, total verfilzt und gerettet wurde. Sein gebrochenes Bein wurde repariert. Und alle sind total happy.

 

Nutztier und Haustier.

Steiger: Ja genau. Und an diesem Punkt zeigt der Mensch seine Kälte. Er sagt: Ich will das nicht hören. Nutztier.Haustier. Alle Tiere sind fühlende Wesen.

 

Also ist es nicht Ihr Problem, dass Sie da jetzt kompromisslos sind und ihr Handeln fast religiöse Züge aufweist?

Steiger: Mit religiös hat das nichts zu tun. Ich setze nur alle auf eine Stufe. Es gibt für mich keine Nahrungskettenstufe. Sowohl eine Ameise als auch ein Hirsch haben das Recht zu leben. Mittlerweile können wir im mongolischen Restaurant Zebra essen, oder Kamel, Hai. Frage: Nutztier? Oder Dschungel- und Bilderbuchtier?

 

Und Sie haben kein Fleisch mehr gegessen seit acht Monaten?

Steiger: Noch nicht mal ein Nugget. Hier ein Beispiel - (zückt sein Smartphone, zeigt ein Bild von einem halb verbrannten Hasen) - Waldbrand Kalifornien. Dann steht hier im Bericht zu diesem Foto: "Rührt Tausende" - ein kleiner Hase. Aber an Weihnachten, da lagen die Hasen grade so im Ofen drin.

 

Haben Sie das Gefühl, dass Sie mit Ihrer Argumentation Fleischesser erreichen?

Steiger: Geht halt viel um die Moral des Menschen. Ist mit der Plastikverpackung so ähnlich. Wir wissen alle: Es geht nicht schlimmer. Und jetzt entdeckt man Gurke wieder ohne Plastik. Weltklasse. Es muss halt wieder irgendwas passieren.

 

Ein Fleisch-Skandal?

Steiger: Es muss national sein, eine Katastrophe sein. Aber selbst dann gibt es noch immer eine Ausrede. Dann gehe ich halt zum Metzger-Metzger meines Vertrauens. Also nicht nur zum Metzger meines Vertrauens, sondern zum Obermetzger.

 

Sagt der #nahrungsjesus. So heißen Sie im Internet. Passt gut zu Ihrem Sinneswandel.

Steiger: Mein Bruder hatte mich im Spaß so genannt. Ich habe immer Karotten in der Jackentasche dabei. Bin in meiner Jugend schon in der Disco gestanden und hatte Karotten mit. Irrsinnig. (Er zeigt ein Foto von Obst und Gemüse in einer Kiste) Das war die Kiste für Halloween. Also bei mir gab es nix Süßes oder Saures. Nur Obst und Gemüse. Die haben sich gefreut. Haben das Obst genommen. Kiwi, Mandarine. Vor den Karotten sind sie geflüchtet. Ich habe Spaß am Essen (lacht).

 

Lassen sich andere von Ihnen überzeugen?

Steiger: Das Allerwichtigste ist mir, dass ich niemanden belehre.Vielleicht zeige ich, was für Varianten es noch gibt. Und weise vielleicht darauf hin, ob dieses Fleisch für die Grillplatte für 2,99 Euro wirklich das ist, was jemand möchte.

 

Ist es irgendwie auch eine Strafe, dass Sie ständig gefragt werden, warum Sie jetzt kein Fleisch mehr essen.

Steiger: Es gibt welche, die extra nur darauf warten, dass ich mal was poste.

 

Was ist mit Feigen?

Steiger: Feigen sind so eine Sache. Da sterben Bienen dafür. Die bestäuben die Feigen. Das hat mir mal jemand ins Ohr gesetzt. Ich hab dem gesagt: Lass mir doch bitte die Feigen.

 

Konsequent im Sinneswandel, ja oder nein? Ist die Feige drin oder raus?

Steiger: Raus.

 

Gesund ernähren, heißt Verzicht. Asketisch leben Sie schon.

Steiger: Sehen Sie, Sie sind voll dabei. Sind genauso einer. Frauen haben mehr Verständnis. Die gehen auf mich ein. Der Mann ist Jäger. Das denken viele von sich. Dabei hat auch der Mann angefangen mit Blättern. Irgendwann hat er halt gedacht: Ugga, ugga, ich bringe jetzt ein Tier um. Jeder darf essen was er möchte. Kein Fleisch essen ist bei mir so ein Gefühlsding, was jeder selbst entscheidet.

 

Hier geht es zum Instagram-Account von Manuel Steiger: manuel_steiger_

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