Das Ende einer Ära: Das Neuenstadter Forstamt schließt

Interview  Die Neuenstadter Außenstelle des Kreisforstamts Heilbronn schließt. Leiter Roland Hartz wechselt nach Künzelsau. Was ihn an seinem Weggang traurig stimmt und warum eine übertrieben romantische Vorstellung vom Wald nichts bringt, darüber spricht er im Stimme-Interview.

Von Vanessa Müller

Interview zum Ende einer Ära: Das Neuenstadter Forstamt schließt

Bis Ende Dezember arbeitet er noch in Neuenstadt: Roland Hartz freut sich aber auch auf seine neue Aufgabe als Leiter des Kreisforstamts Hohenlohe.

Foto: Müller

 

Eine Ära geht zu Ende: Die Neuenstadter Außenstelle des Kreisforstamts Heilbronn schließt im Mai 2019. Leiter Roland Hartz wechselt schon Ende Dezember nach Künzelsau.

Als unsere Redakteurin ihn am Dienstagmorgen trifft, hat er die ersten Kartons gepackt - und dabei manchen Schatz aus der Versenkung gehoben. Immerhin war das historische Gebäude am Marktplatz seit 1870 Heimat vieler Förster. Was ihn an seinem Weggang traurig stimmt und warum eine übertrieben romantische Vorstellung vom Wald in seinen Augen nichts bringt, darüber spricht der 46-Jährige im Interview.

 

Herr Hartz, zehn Jahre lang waren sie Leiter der Außenstelle und damit zuständig für insgesamt 9000 Hektar Wald im nördlichen Landkreis Heilbronn: von Gundelsheim bis Jagsthausen und Bad Friedrichshall bis Roigheim. Mit der Forstreform des Landes endet ihre Zeit in Neuenstadt. Wie fühlt sich das an?

Roland Hartz: Es ist keine Plattitüde, wenn ich sage, dass es ein schöner Wald ist. Er ist sehr leistungsfähig und außergewöhnlich vielfältig. Im Schwarzwald haben Sie vielleicht drei Baumarten, hier sind es 25. In den zehn Jahren, in denen ich in Neuenstadt war, haben wir auf dem gesamten Gebiet, für das ich zuständig war, eine halbe Million Festmeter Holz eingeschlagen - mit einem Wert von 35 Millionen Euro. Das macht mich schon stolz. Ich würde aber gerne sagen: Ich übergebe einen gesunden Forst. Im Moment ist er jedoch in einem schlechten Zustand. Das liegt am Trockenjahr und am verheerenden Eschentriebsterben. Das erfüllt mich mit Trauer.

 

Das Forstamt und der benachbarte Türnitzbau sollen saniert werden. In Zukunft könnte das Neuenstadter Rathaus hinein verlegt werden, so die Pläne der Verwaltung. Können Sie sich vorstellen, dass in Ihrem Büro mal der Bürgermeister sitzt?

Hartz: Das Forstamt bleibt für mich immer das Forstamt (lacht). Immerhin steht das in großen goldenen Buchstaben am Gebäude. So eine lange Geschichte lässt sich nicht einfach wegwischen. Gucken Sie sich allein dieses alte Buch an, dass wir gefunden haben. In der "Forst-Huths-Beschreibung" von 1743 ist jeder einzelne Grenzstein im Neuenstadter Wald aufgelistet. Das kommt jetzt ins Landesarchiv. Damals gab es ja noch keine Vermessung im heutigen Sinne. Da gab es oft richtig Zoff. Die Sicherung der Grenzen war wichtig, deshalb heißt manches Gebiet heute noch Streitwald.

 

Heute denken viele beim Wald eher schwärmerisch an Erholung als an Streit oder gar Wirtschaftlichkeit. Wie stehen Sie dazu?

Interview zum Ende einer Ära: Das Neuenstadter Forstamt schließt

Gerade sind die Bäume kahl: Leistungsfähig und außergewöhnlich vielfältig, so bewertet Roland Hartz den Wald im nördlichen Landkreis Heilbronn.

Foto: Ralf Seidel

 

Hartz: Viele Städter haben eine tiefe Sehnsucht nach einer heilen Welt, die sie im Wald zu finden hoffen. Das erzeugt ein Wohlwollen der Natur gegenüber, und das ist gut. Wenn daraus aber der Glaube entsteht, dass man den Forst stilllegen und nicht mehr nutzen soll, kann ich das nicht nachvollziehen. Ich habe auch romantische Gefühle für den Wald. Aber ich habe ebenfalls kein Problem, bei einem dicken Baum die Säge anzusetzen. Ich weiß ja, dass frühere Förster ihn für die Ernte durch nachfolgende Generationen stehen lassen haben. In der Politik wird oft nur in Legislaturperioden gedacht, wir Förster denken in Dimensionen von 100 Jahren. Mein persönliches Credo ist, dass Nachhaltigkeit aus Nutzung entsteht. Ein grüner Wald braucht schwarze Zahlen, sonst gerät er in mageren Jahren vollends unter die Räder.

 

Was meinen Sie damit genau?

Hartz: Gerade ist es populär, überall ein Schild "Nationalpark" aufzustellen. Aber in einem Industrieland wie Deutschland muss es auch jemanden geben, der ökonomisch mit dem umweltfreundlichen Rohstoff Holz arbeitet. Wir verbrauchen Ressourcen am laufenden Band, von der Energiegewinnung bis zu den Baustoffen. Wenn wir kein Holz ernten würden, bedeutet das ja nicht, dass auch nur ein Dachstuhl weniger gebaut wird.

 

Und der muss aus Holz sein?

Hartz: Mit Beton zu arbeiten, verbraucht 100 Mal mehr Energie, als mit Holz. Aluminium verschlingt sogar 10 000 Mal mehr. Und wenn das Holz nicht aus Deutschland kommt, dann wird eben woanders Raubbau betrieben, wo nicht so sehr auf Ökologie und Wiederaufforstung geachtet wird. Für unseren Wald zum Beispiel können wir über unsere Zahlen belegen, dass wir bei das dreifache an Holzvorräten haben, als noch vor 100 Jahren. Und in diesem Sinn soll es auch in Zukunft weiter gehen.

 

Forstreform und Biografie

Zumindest was Waldspaziergänge mit Dackel angeht, entspricht er dem Klischee: Forstdirektor Roland Hartz ist noch bis Ende des Jahres Leiter der Außenstelle Neuenstadt des Kreisforstamts Heilbronn. Sie schließt, weil sich das Land aus wettbewerbsrechtlichen Gründen vollständig aus dem Holzverkauf für die kommunalen und privaten Waldbesitzer zurückzieht. Der Staatswald soll als Rechtsform in einer Anstalt des öffentlichen Rechts bewirtschaftet werden. Deshalb werden die bisherigen Zuständigkeiten zerschlagen. Im Mai schließt die Außenstelle in Neuenstadt, zum Jahresende 2019 wird die Forstreform umgesetzt. Hartz ist 46 Jahre alt, verheiratet und lebt mit Frau, vier Kindern und Hund in Zweiflingen. Ab Januar leitet er dann das Forstamt des Kreises Hohenlohe.