Wenn der Hagelsturm losbricht

Heilbronn - 1737 ist Händels Gesundheit auf dem Tiefpunkt. Das Londoner Operngeschäft hat ihn aufgerieben. Nach erfolgreicher Bäderkur sucht der Hofkomponist den Kontakt zur bürgerlichen Opposition.

Von Lothar Heinle

Wenn der Hagelsturm losbricht
Gelebte stilkritische Aufführungspraxis ist endlich in der Heilbronner Kilianskirche angekommen: Händels "Israel in Egypt".Foto: Andreas Veigel

Heilbronn - 1737 ist Händels Gesundheit auf dem Tiefpunkt. Das Londoner Operngeschäft hat ihn aufgerieben. Nach erfolgreicher Bäderkur sucht der Hofkomponist den Kontakt zur bürgerlichen Opposition. Sein Oratorium "Israel in Egypt" (1739) hat politische Unter-töne, wenn man Moses als Kronprinz Frederick sehen will, der sein Volk aus dem korrupten Regime von Premierminister Walpole führen soll.

Gut aufgestellt

Bei der Aufführung in der Kilianskirche Heilbronn verzichtet Stefan Skobowsky auf den ganzen ersten Teil, stellt lediglich die "Symphony" aus dem "Funeral Anthem" für Königin Caroline als Ouvertüre voran. Schon in den ersten Takten gibt das Karlsruher Barockorchester einen Vorgeschmack auf seine prächtige Disposition.

Das Vokalensemble Heilbronn bestreitet den Löwenanteil, ist buchstäblich gut aufgestellt und hält die Spannung bis zum Schluss. Schlank und geschlossen fließen bewegliche melodische Linien, rhythmisch packend und texttreu werden dramatische Bilder entworfen. Plötzliches Umschalten in der Dynamik kommt auf den Punkt, jedes Pianissimo klingt tragfähig.

Klagend seufzt das Volk Israel in gut verständlichem Englisch, donnernd intonieren die Männerstimmen "He spake the word", geschwind verteilen die Frauenstimmen Mücken und Ungeziefer in alle Gemächer. Grummelnd untermalt die Theorbe den Heuschreckenschwarm, während Pauken und Barockposaunen das Gotteswort kräftig unterstreichen. Knallig prasseln Bögen auf die Saiten, der Hagelsturm bricht los. Skobowsky tut alles, um den biblischen Plagen größtmögliche Bildkraft zu verleihen, stachelt hier die Streicher an, fordert den Chor, dämpft dort immer wieder den Enthusiasmus von Pauken und Blech. In bedrohlichem Staccato schlägt der Chor die Erstgeborenen. Nach dem Exodus atmet Ägypten auf, für "Egypt was glad" textiert Händel eine Orgel-Canzone von Kerll. Zwischen Hoffen und Bangen dehnt der Chor das "glad" im ambivalenten e-Moll. Nach dem intensiven "He is my God" geht es durchs rote Meer, turbulent schlagen die Wogen über den ägyptischen Streitwagen zusammen.

Stimmstark

Ebenso geschmeidig wie stimmstark bekräftigen Jeannette Bühler und Judith Schulze (Sopran) "The Lord is my strength" als Echo-Duett. Überragend ist Franz Vitzthum (Altus) mit strahlender Kadenz in der "Froscharie", Marcus Ullmann (Tenor) bleibt mit auch bei der wieselflinken Air "The enemy said" immer am Ball. Daniel Raschinsky und Sungmin Kim (Bass) bringen "The Lord is a man of war" mit raumfüllendem Nachdruck. Viel Beifall für eine beeindruckende Interpretation.


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